Schmerzhafte Ehrlichkeit
Klaus Schnellenkamp
Geboren im Schatten der Angst.
Ich überlebte die Colonia Dignidad
Herbig Verlag, München 2007,
238 Seiten, 19,90 Euro
Wie kommt es, dass wenige über viele herrschen können? Die im Süden Chiles gelegene Colonia Dignidad war eine Realsimulation dieses Problems: Man nehme eine Enklave, baue einen Zaun darum, installiere ein technisches Überwachungssystem und überlasse den Rest einem religiösen Päderasten. Klaus Schnellenkamp, der Sohn eines SS-Mannes und Führungskaders in der Colonia Dignidad, beschreibt, wie der Sektenführer Paul Schäfer ein halbes Jahrhundert lang über Körper und Seelen seiner 300 Anhänger gebieten konnte.
Schäfer kontrollierte die Sexualität in allen ihren Spielarten mittels Folter, Gewissensausforschung und Überwachung. Mit Psychoterror setzte er ein religiöses Reinheitsgebot durch, gegen das er selbst täglich verstieß, indem er die Jungen der Siedlung in sein Bett zwang. Schnellenkamp, der mehr als 30 Jahre lang in der Sekte gelitten hat, schildert diese verkehrte Welt mit fast unerträglicher Eindringlichkeit. Er versucht nicht, die Perspektive des Opfers in RIchtung Sachbuch zu verschieben. Sein Buch, so informativ es ist, ist schmerzhaft authentisch.
Die Sekte versuchte, urchristlich zu leben, ohne Geld, ohne Mittler zwischen Mensch und Gott, ohne privaten Besitz. Sie rechnete mit der Wiederkunft Christi. Der Architekt der Siedlung hatte eine Kulisse entworfen, in der „ihn“ ein Posaunenchor und ein Orchester mit je 500 Musikern und ein zweitausendstimmiger Chor empfangen sollten. Für „ihn“ war eine Art Präsidentenloge vorgesehen. Das Projekt blieb eine Skizze. Aber der chilenische Diktator Augusto Pinochet, dann seine Gattin, schließlich der Geheimdienstchef besuchten die Siedlung. Schäfer inszenierte Staatsempfänge mit Musik, Turnübungen und Jagden.
Auch deutsche Diplomaten und Lokalpolitiker waren dort sowie Geheimdienstler und politische Gefangene, die in der Colonia Dignidad „verschwanden“. Man reibt sich die Augen: Über diese Unmenschlichkeit soll die deutsche Botschaft in der schlimmsten Pinochet-Zeit ihre schützende Hand gehalten haben? Aber das tat sie. Nach der Flucht Schäfers 1996 bestand die Siedlung noch einige Jahre weiter. Ohne religiöse Verankerung wäre das nicht möglich gewesen. Die Freikirchen, von denen sich die Sekte in den 1950er Jahren abgespalten hatte, haben sehr spät eine schüchterne Selbstkritik geäußert.
2005 konnte Schnellenkamp nach Deutschland ausreisen. Davor besuchte er seinen Vater, den er als „Onkel Kurt“ gekannt hatte, im Hochsicherheitsgefängnis von Santiago. Als Kind war er von ihm bei ihrer ersten Begegnung ohne ein Wort brutal zusammengeschlagen worden. Kurz darauf prügelte ihn „Tante Elisabeth“ blutig, seine Mutter, wie er elf Jahre später erfuhr. Im Knast gab sich der Vater reuelos und unschuldig, das Gespräch endete ohne Versöhnung. Schnellenkamp kam bettelarm in Deutschland an. 2006 wurde sein Vater zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, ist inzwischen aber schon wieder auf freiem Fuß.
Dieter Maier
