Parabel über die Unmenschlichkeit
Meja Mwangi
Big Chiefs
Peter Hammer Verlag
Wuppertal 2009
272 Seiten, 22 Euro
„Er war ein guter Freund. Ich hatte eine Machete dabei, weil ich befürchtete, er könnte versuchen, mich umzubringen.“ Diese Zeilen stehen dem ersten Buch des Romans „Big Chiefs“ voran und verweisen auf die Grausamkeiten, von denen es berichtet. Mwangi, der brillante Chronist des kenianischen Alltagslebens, thematisiert in seinem neuen Roman Völkermord, Unterdrückung und Machtmissbrauch seitens brutaler afrikanischer Despoten – den Big Chiefs, die, einmal an die Macht gekommen, ihre Bevölkerungen ausbeuten, verhungern lassen, abschlachten und ihnen jegliche Form der demokratischen Mitbeteiligung verwehren. In Form einer Parabel wird von Ereignissen erzählt, die sich in Ländern wie Ruanda, Simbabwe, Somalia oder Kenia abgespielt haben und immer wieder so abspielen könnten.
Der Ort, an dem die Geschichte spielt, heißt einfach nur die Stadt. Auch die prototypischen Figuren erhalten keine Namen, sondern symbolisieren bestimmte Gruppen: neben den Big Chiefs treten unter anderen der Alte Mann, der Junge, das Mädchen, Kurze, Lange, die anderen, die unseren, der Rechtsanwalt, der Schmuggler, der Student oder der Lehrer auf. In einer Müllgrube vor den Toren der Stadt leben die Ausgestoßenen der Gesellschaft, unter ihnen der Alte Mann, der Junge und das Mädchen.
Der Alte Mann stand den Big Chiefs früher selbst nahe, er war Arzt, stieg auf bis zum Minister und gehörte damit zur Oberschicht. Erst als die Big Chiefs anordneten, eine Volksgruppe – die Langen – zu verfolgen und zu ermorden, wehrte er sich und kam gerade so mit dem Leben davon, weil er sich unter einem Berg Leichen versteckt hielt. Seine Familie konnte er jedoch nicht retten und seitdem fristet er blind in einer Bretterbude sein kärgliches Dasein. Tagein, tagaus erzählt er nun dem Jungen und dem Mädchen die Geschichten von den korrupten und machtgierigen Big Chiefs. Er beschreibt den menschenverachtenden, zynischen Umgang der schwarzen Herrscher mit ihren Bürgern, er berichtet über das Morden und Plündern, aber er klagt auch sich und seine ehemaligen Gefährten des blinden Gehorsams und der Aufgabe früherer Ideale an.
Natürlich spielt Mwangi besonders auf den Völkermord in Ruanda an, man erkennt die Parallelen zum Massenmord an den als hochgewachsen geltenden Tutsi. Dennoch besitzen die Geschichten des Alten Mannes Allgemeingültigkeit und geben ein Abbild aller afrikanischen Usurpatoren und ihrer Handlanger wieder. Kaum ein Verbrechen, das sich irgendwann einmal irgendwo in Afrika zugetragen hat, wird in diesem Buch ausgelassen – eine durch und durch apokalyptische Welt. Die nicht enden wollenden Beschreibungen von Gräueltaten wirken allerdings nicht nur beklemmend, sondern im Laufe des Romans auch ermattend.
Der Junge wird zunehmend wütender auf die Verursacher der unerträglichen Lebensbedingungen. Er verlässt die Grube und geht in die Stadt, um mit anderen Slumbewohnern eine Demonstration gegen die Regierung zu organisieren. In die Grube dringt die Kunde vom Tod des Jungen, aber auch vom Sturz der Regierung. Und so erscheint ganz am Ende eine vage Hoffnung. Ein vorsichtiger Optimismus keimt auf, dass sich die Verhältnisse möglicherweise doch ändern könnten.
Kirsten Külker
