Verkehrte Werte
Christian Felber
Neue Werte für die Wirtschaft.
Eine Alternative zu Kommunismus und Kapitalismus
Deuticke Verlag, Wien 2008,
336 Seiten, 19,90 Euro
Schon mit seinem Buch „50 Vorschläge für eine gerechtere Welt“ von 2006 hat sich der österreichische Publizist Christian Felber der Aufgabe gestellt, Alternativen zum kapitalistischen Wirtschaftssystem aufzuzeigen. Nun wagt er sich auf das Feld der Wertediskussion mit dem hoch gesteckten Anspruch, einen Wertekanon für einen „ganzheitlichen ‚dritten’ Weg“ jenseits von Kapitalismus und Kommunismus zu formulieren.
Ein wesentliches Moment für das Festhalten an der gegenwärtigen Wirtschaftsordnung sieht Felber neben dem „Gewinninteresse mächtiger Konzerne“ in Versprechungen des Kapitalismus wie individuelle Freiheit und persönliches Glück. Also macht er sich daran, diese „festsitzenden Mythen“ zu zerlegen: „Die humanistische Tendenz dieser Werte soll herausgeschält und der kapitalistische Ballast abgeworfen werden.“ Die daraus resultierende „humanistische Ethik“ erweitert der Autor darüber hinaus um eine „ökologische Dimension“.
Den Widerspruch zwischen kapitalistischen Kernwerten wie Leistung, Konkurrenz, Effizienz, Wachstum und Gewinn auf der einen Seite sowie demokratischen und humanistischen Grundwerten wie Freiheit, Menschenwürde und Gerechtigkeit auf der anderen Seite dekliniert er dann an acht Beispielen durch: von der Freiheit, die zur „Konsumfreiheit“ pervertiert wird, über Eigennutz auf Kosten des Gemeinwohls bis hin zu Leistungskriterien, die Pflege, Sozial- und Kulturarbeit als minderwertig ansehen. Zur notwendigen Kritik an den ideologischen Verbrämungen des Kapitalismus leistet das Buch einen äußerst lesenswerten Beitrag. Die Überlegungen, wie die „Werte der Wirtschaft mit den Werten unseres Lebens“ in Überstimmung gebracht werden können, geraten dann allerdings sehr kurz. Da freiwillige Maßnahmen unternehmerischer Verantwortung laut Felber nicht ausreichen, setzt er auf Bildung sowie auf Gesetze und Institutionen, die neue Werte wie Kooperation, Selbstbestimmung und ökologische Verantwortung im Wirtschaftsleben belohnen sollten, etwa mit Steuererleichterungen, günstigen Krediten und Vorrang bei öffentlichen Aufträgen. Einen Ansatz dafür sieht er darin, dass zahlreiche Projekte und Modelle bereits nach solchen Werten funktionieren – Formen des Wirtschaftens und der Bedürfnisbefriedigung ohne Wachstumszwang, dem Gemeinwohl verpflichtete Unternehmen, nicht gewinnorientierte Betriebe.
Eine Auseinandersetzung mit der Diskussion über solidarische Ökonomie sowie über Chancen und Risiken von sozial Benachteiligten hätten seine Hoffnung auf eine schleichende Evolution dieses „dritten Wirtschaftssektors“ allerdings relativiert. Denn nicht nur die Gesellschaft, die Felber aufruft, sich gegen die kapitalistische Hegemonie der Wertedefinition zu wehren, sondern auch ihre Institutionen sind macht- und interessengeleitet und lassen sich lediglich mit Appellen und guten Absichten nicht ändern. Als wirkungsmächtiger könnte sich da schon die gegenwärtige Systemkrise erweisen. Und vor diesem Hintergrund wird Felbers überzeugende, kenntnisreiche und engagierte Zerlegung des herrschenden Wertesystems sehr aktuell.
Uwe Hoering
