Zeitschriftenschau
Ein „New Deal“ für die Landwirtschaft
Nueva Sociedad (Caracas, September/Oktober 2009): Zur Überwindung der Ernährungskrise und als Anschub für eine breitere wirtschaftliche Entwicklung fordert José Graziano da Silva von der brasilianischen Staatsuniversität Campinas einen „New Deal“ für landwirtschaftliche Familienbetriebe in Lateinamerika. Die steigende Zahl der Hungernden sei nicht auf schlechte Ernten zurückzuführen, sondern eine Folge der Weltwirtschaftskrise sowie ein Ergebnis der neoliberalen Agrarexportpolitik seit Beginn der 1980er Jahre, schreibt er in seinem Beitrag. Die seit dieser Zeit in allen lateinamerikanischen Ländern verfolgte Deregulierungspolitik habe die Bedeutung des Agrarsektors für die Schaffung eines Binnenmarktes vernachlässigt und die Rolle des Staates im Bereich Agrarkredite und ländliche Beratung zurückgedrängt.
Da Silva plädiert für eine neue Agrarpolitik, die dem Staat eine stärkere Rolle zukommen lässt und zugleich das „enorme, unausgeschöpfte Potenzial“ der bäuerlichen Landwirtschaft freisetzt. Regierungen müssten mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft deutlich mehr in den Agrarsektor investieren, damit Kleinbauern Zugang zu Saatgut und Düngemitteln, angepassten Techniken, Infrastruktur, Finanzierung und Märkten erhalten, fordert er. Als Beispiel für eine erfolgreiche Agrarpolitik, die den Absatzmarkt für die bäuerliche Landwirtschaft durch eine gezielte Stärkung der Nachfrage ausweitet, nennt der Autor Brasilien. „Seit Mitte 2003 kauft der Staat im Rahmen des Null-Hunger-Programms (Fome Zero) die Ernte der bäuerlichen Familienbetriebe, um die Systeme der kommunalen Nahrungssicherung zu versorgen: Schulen, Krankenhäuser, Volksküchen oder Kindergärten.“
Auf diese Weise schaffe er einen Markt für Kleinbauern und fördere die lokale Landwirtschaft. Die in der näheren Umgebung erzeugten Lebensmittel seien zudem frisch, gesund und verursachten geringe Transportkosten. Die mittleren und höheren Schulen seien gesetzlich verpflichtet, mindestens 30 Prozent ihrer Lebensmittel bei Kleinbauern zu kaufen. Mit Hilfe des Programms, von dem bis zu 8,2 Millionen Schüler profitieren, erhielten bäuerliche Familienbetriebe zusätzlich umgerechnet 300 Millionen US-Dollar.
Karl Otterbein
