Perspektive der Opfer
Bianca Schmolze und Knut Rauchfuss (Hg.)
Kein Vergeben, kein Vergessen
Der internationale Kampf gegen Straflosigkeit
Assoziation A, Berlin/Hamburg 2009,
422 Seiten, 20 Euro
Geschichte aus der Perspektive der Opfer zu schreiben erfordert Nähe zu den Beteiligten und eine schwierige Balance zwischen Objektivität und eigenem Engagement. Bianca Schmolze und Knut Rauchfuss lassen sich anhand von zwölf Länderbeispielen auf dieses Unternehmen ein; fünf der Beispiele stammen aus Lateinamerika. Dort entstandenen unter Diktaturen Menschenrechtsbewegungen, die zu Keimen einer neuen Zivilgesellschaft wurden. Die Angehörigen von politischen Gefangenen und „Verschwundenen“, meist Frauen, protestierten öffentlich, wo jeder andere Protest unmöglich war. Sie führten der traumatisierten Gesellschaft eine Realität von Folter und Mord vor Augen, die diese während und nach der Diktatur verdrängte. Sie bewahrten das historische Gedächtnis ihrer Länder davor, in Schweigen zu versinken oder offiziellen Lesarten von der Rettung des Vaterlandes durch die putschenden Militärs zu folgen.
Das Buch berichtet von den Erfolgen dieser Gruppen – von anfangs aussichtslosen Menschenrechtsprozessen, die später zum Ferment des Übergangs zur Demokratie wurden, und von insgesamt 30 Untersuchungs- und Wahrheitskommissionen, die auf Druck der Zivilgesellschaft eingesetzt wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel ist das Plebiszit zum Amnestiegesetz für Folterer und Mörder in Uruguay, das zwar knapp scheiterte, aber dennoch eine gesellschaftliche Dynamik einleitete, die bis heute anhält. Ein Gewinn sind besonders die Kapitel zu Ländern, die in der Regel wenig öffentliche Beachtung finden, etwa Osttimor.
Thematisiert wird ferner die Bedeutung von Menschenrechtsprozessen, die im Ausland begonnen wurden, für Länder wie Argentinien oder Chile. Mittlerweile ist der globale Schutz der Menschenrechte Bestandteil vieler nationaler Gesetze. Die internationalen Strafgerichtshöfe für Ex-Jugoslawien und Ruanda sind die bisher letzte Etappe dieser Globalisierung des Menschenrechtsgedankens.
Beim Übergang von einer Diktatur zur Demokratie stellt sich die Frage, wie Versöhnung, Gerechtigkeit und die Suche nach Wahrheit abgewogen werden. Versöhnung und Gerechtigkeit geraten in Konflikt, wenn die Diktatur Straffreiheit als Bedingung für ihr Abtreten ausgehandelt hat, die Opfer aber auf Menschenrechtsprozessen bestehen. In Südafrika lag nach dem Ende der Apartheid der Schwerpunkt auf Wahrheitsfindung und Versöhnung. In Ruanda und Kambodscha ging es darum, die Hauptverantwortlichen zu bestrafen – das Ausmaß der Völkermorde machte die Strafverfolgung aller Täter unmöglich. Schwierig ist der Umgang mit Tätern, die zu Mord und Folter gezwungen wurden wie in Guatemala und Kambodscha.
Leider werden in dem Buch keine Quellen genannt. Einige Vorlagen sind offenbar unkritisch übernommen worden. Einzelne Fehler und Mythologisierungen wiegen schwer, weil kaum ein Leser die Problematik aller 12 Länder kennt, sich aber darauf verlassen muss, dass das, was nicht überprüfbar ist, stimmt. Dennoch kommt dem Band das Verdienst zu, die teilweise sehr unterschiedlichen Einzelbeispiele zusammenfassend zu dokumentieren.
Dieter Maier
