Heikle Arbeitsteilung

Wenn das Militär in Konfliktgebieten zivile Aufgaben wie den Bau von Straßen und Schulen übernimmt, geraten Hilfsorganisationen dort in eine prekäre Situation: Zuständigkeiten verschwimmen, die Neutralität der Helfer ist in Gefahr und leicht werden sie zur Zielscheibe von Übergriffen. Wie schwierig es ist, in einem solchen Umfeld zu arbeiten, zeigen Erfahrungen aus Afghanistan.

Katja Richter arbeitet seit zwei Jahren in einer gefährlichen Umgebung. In Dschalalabad, der Hauptstadt der umkämpften afghanischen Provinz Nangahar, leitet sie ein umfassendes Entwicklungsprogramm für die Deutsche Welthungerhilfe. In 114 Dörfern entwerfen die Helfer gemeinsam mit der Bevölkerung Entwicklungspläne, bohren Brunnen, legen Bewässerungskanäle an und bauen Solaranlagen. Die Dörfer befinden sich im Kommandogebiet der US-amerikanischen Kräfte der internationalen ISAF-Truppe. Doch den Kontakt zu den Soldaten meidet Richter. „Die Amerikaner verstehen unter zivil-militärischer Zusammenarbeit, dass sie erst mit Gewalt in ein Dorf hineinschlagen und die Taliban vertreiben“, sagt sie. „Dann bauen die Soldaten Brücken, Schulen und Straßen und am Ende kommen Entwicklungshelfer, um die Abnahme zu machen. Die Arbeit der sogenannten Provincial Reconstruction Teams geht nicht auf.“ Im August wurde bereits der dritte Mitarbeiter der Welthungerhilfe im Osten Afghanistans bei einem Anschlag getötet, drei weitere wurden verletzt.

Laut einer Studie des Overseas Development Institute (ODI) haben Entführungen und Angriffe auf Entwicklungshelfer und Mitarbeitende humanitärer Hilfsorganisationen in den vergangenen Jahren stark zugenommen. „Internationale Militärinterventionen haben die Umgebung für Hilfsorganisationen unberechenbar gemacht“, sagt Adele Hamer, Mitherausgeberin der Studie. „Zudem übernehmen Truppen immer mehr humanitäre Aufgaben und tragen damit zu einem Verwischen der Grenzen zwischen zivilem und militärischem Engagement bei.“

In Afghanistan leitet die Internationale Schutztruppe 26 Provincial Reconstruction Teams (PRT). Die kleinen Einheiten sollen einerseits mit militärischen Mitteln für eine sichere Umgebung sorgen, andererseits aber Straßen und Schulen bauen. „Der Gedanke dahinter ist, mit der schnellen Verbesserung der zivilen Infrastruktur die Herzen der Bevölkerung zu gewinnen“, sagt Wolf-Christian Paes vom Bonn International Center for Conversion. „Dabei geht aber die Neutralität des zivilen Engagements verloren.“ Wie die zivil-militärische Zusammenarbeit (CIMIC) genau umgesetzt wird, regeln die einzelnen Nationen in eigener Zuständigkeit.

Autor

Jérôme Cholet

ist freier Journalist in Hamburg mit den Schwerpunkten Nahost, Afrika und Lateinamerika.

Die amerikanische Entwicklungshilfe orientiert sich vor allem an militärischen Zielen. Die Projekte der amerikanischen ISAF-Kräfte sind dabei weder langfristig noch nachhaltig“, kritisiert Katja Richter. „Sie werden weder mit der lokalen Bevölkerung abgesprochen noch in die gesamte Entwicklung der Region eingebettet.“ Stattdessen beklagt die Projektleiterin, dass die Amerikaner mit ihren Hilfsmaßnahmen häufig neue Konflikte zwischen verschiedenen Gemeinden herbeiführen, beispielsweise wenn sie den einen das Wasser abgraben, während sie den anderen einen Kanal bauen. „Die Preise für Baumaterial, aber auch für Facharbeiter schnellen jedes Mal in astronomische Höhen, wenn die Amerikaner aktiv werden. Unsere langfristige und mit der afghanischen Bevölkerung mühsam erarbeitete Entwicklungsstrategie kommt nicht dagegen an.“ Problematisch ist aber vor allem, dass die Vermischung von zivilem und humanitärem Engagement den Aufständischen einen Vorwand liefert, auch die Arbeit der Entwicklungshelfer als feindliche Aktivitäten zu denunzieren. Richter lehnt deshalb jegliche Zusammenarbeit mit dem Militär kategorisch ab: „Keine Abstimmung, keine Weitergabe von Informationen und vor allem keine gemeinsamen Projekte. Jeglicher Kontakt würde die Akzeptanz bei der Bevölkerung aufs Spiel setzen und die Sicherheit unserer Mitarbeiter gefährden.“ Zu häufig wurden in der Region bereits Entwicklungsprojekte bombardiert, in denen zuvor Militärs aufgetaucht waren.

Zu gefährlich sind die Gerüchte, zivile Helfer seien Spione und hätten Informationen an das Militär weitergeben. Laut Informationen des afghanischen Geheimdienstes rangieren ausländische Entwicklungshelfer auf der Zielliste von Selbstmordattentätern gleich hinter den ISAF-Soldaten. Zahlreiche nichtstaatliche Organisationen (NGO) haben ihre Arbeit in Afghanistan bereits eingestellt, weil sie sich außer Stande sahen, humanitäre Hilfe zu leisten, nachdem ihr Mandat vom Militär instrumentalisiert worden war. Auch die afghanischen Organisationen distanzieren sich zunehmend. Das Afghanische Zivilgesellschafts-Forum (ACSF)  leistet in allen Provinzen des Landes Wiederaufbau- und Entwicklungshilfe, es zählt 137 Mitglieds- und 315 Partnerorganisationen. Sie fühlen sich zunehmend unter Druck. „Wir müssen den PRTs gegenüber einen guten Willen erkennen lassen“, sagt Aziz Rafiee, Direktor des Forums, „aber wir werden immer häufiger als Spione bezeichnet.“ Die PRTs gingen zudem nicht besonders effizient vor. Die parallelen Strukturen würden die Arbeit der Hilfsorganisationen und der Regierung untergraben, fügt Rafiee hinzu.

„Natürlich ist der Ansatz der vernetzten Sicherheit richtig, mehr Koordination führt auch zu mehr Effizienz. Doch die Amerikaner vermischen alles“, sagt Wolf-Christian Paes. „Die Bundeswehr tut gut daran, sich davon zu distanzieren.“ Die deutschen PRTs in Kundus und Faisabad werden gemeinsam von einem militärischen Kontingentführer und einem Diplomaten des Auswärtigen Amts geleitet. „Gemeinsame Verantwortung bei getrennten Verantwortlichkeiten lautet unser Konzept“, erklärt Oberstleutnant Claus Wetzel, Leiter der CIMIC-Einheit in Kundus, „kein Soldat baut hier etwas, das machen alles afghanische Organisationen.“

Jedem PRT ist zudem ein Mitarbeiter des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) zugeordnet. „Unsere zivilen Kräfte wohnen nicht mit den Soldaten zusammen, sind klar als Zivilisten erkennbar und werden auch nicht militärisch eskortiert. Ihr Hauptarbeitsplatz ist in zivilen Einrichtungen“, sagt Christine Toetzke vom BMZ. „Die Aufgabe der Bundeswehr ist die militärische Absicherung. Zu den Aufgaben der Entwicklungsexperten gehören die Verbesserung der Grundbildung und der Wasserversorgung sowie die Förderung der Wirtschaft.“ Der entwicklungspolitische Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag, Hellmut Königshaus, meint,  der Vorwurf der Ununterscheidbarkeit von zivilen und militärischen Kräften habe sich im deutschen Einsatzgebiet nicht bewahrheitet. „Ich sehe keine Unterordnung der Entwicklungspolitik unter das militärische Engagement, vor Ort erleben wir eine vorbildliche Koordination“, sagt der Politiker, der selbst bereits zwei Mal Afghanistan besucht hat.

Die humanitären Organisationen und Entwicklungshelfer stehen in Staaten wie Afghanistan vor einem Dilemma. Einerseits sind sie auf die Stabilisierung des Umfeldes angewiesen und profitieren von zusätzlichen Kapazitäten beim Wiederaufbau, andererseits verlieren sie an Neutralität. Was am Ende zählt, sind vertrauensvolle und verlässliche Kontakte zur Zivilbevölkerung. 

erschienen in Ausgabe 9 / 2009: Medien: Die heiße Ware Information

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