Eine Ärztin testet einen jungen Mann in der
Demokratischen Republik Kongo auf Schlafkrankheit.

Faire Pillen gesucht

Schlafkrankheit, Elefantiasis und Flussblindheit: An diesen Krankheiten leiden vor allem arme Menschen in den Tropen. Für die Pharmaindustrie winken da keine Profite. Dennoch kann man sie dazu bringen, neue Medikamente zu entwickeln.

Es passiert am hellichten Tag – beim Baden am Fluss, beim Waschen oder Fischen. Der Biss der Tsetse-Fliege tut zwar weh, aber er scheint zunächst keine Folgen zu haben. „Das ist das heimtückische an der Schlafkrankheit“, sagt der Tropenmediziner Andreas Lindner. Auch die ersten Anzeichen, Kopfschmerzen und Fieber, sind harmlos. In der Regel vergehen Jahre, bis das zentrale Nervensystem und das Gehirn von dem Erreger, einem Parasiten, der von der TseTse-Fliege übertragen wird, angegriffen werden. In diesem zweiten Stadium sind Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen die Folge, Verwirrtheit und schließlich ein Dämmerzustand. Wer nicht behandelt wird, stirbt.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".

Die Schlafkrankheit gibt es nur in Afrika südlich der Sahara, und dort in abgelegenen Gegenden und Konfliktzonen – vor allem in der Demokratischen Republik Kongo, in Zentralafrika und im Sudan. Weil sie meist arme Menschen trifft, genießt sie weder in nationalen Gesundheitsprogrammen noch bei der Erforschung und Entwicklung neuer Diagnose- und Therapiemöglichkeiten eine besondere Priorität. Das hat sie mit 16 weiteren Krankheiten gemeinsam, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als vernachlässigte Tropenkrankheiten einstuft. 

Bahnbrechende Neuerung?

Auch hier gibt es Fortschritte: Laut Schätzungen der WHO haben weltweit 30.000 Menschen die Schlafkrankheit, die Zahl der Neuinfektionen lag in den vergangenen Jahren relativ konstant bei jeweils rund 7000. Patienten im schweren Stadium der Erkrankung können seit 2009 mit einer Kombination der Medikamente Nifurtimox und Eflornithin behandelt werden, eine „bahnbrechende Neuerung“, wie Lindner unterstreicht.

Die Patienten bekommen zehn Tage Tabletten und Infusionen und können dann in den meisten Fällen als geheilt entlassen werden. Zuvor sei die Therapie „extrem aufwendig“ gewesen und habe schwere Nebenwirkungen verursacht, sagt Lindner, der anderthalb Jahre lang für „Ärzte ohne Grenzen“ in Afrika Menschen auf Schlafkrankheit getestet und behandelt hat.

Zufrieden ist der Mediziner trotzdem nicht. Zu viele Patienten mit Schlafkrankheit hätten noch immer keinen Zugang zu Diagnostik und Therapie. Es fehle ein einfacher und sicherer Test, um den Erreger frühzeitig im Blut nachzuweisen, und auch für die Therapie wünscht er sich wirksamere Tabletten, damit auf die Infusion verzichtet werden kann. „Nur dann können wir das Ziel der WHO erreichen, die Schlafkrankheit bis 2020 zu eliminieren“, sagt er.

Wissenschaftler und nichtstaatliche Organisationen (NGO) wie „Ärzte ohne Grenzen“ und die BUKO Pharma-Kampagne kritisieren schon seit Jahren, dass sogenannte Armutskrankheiten – zu denen je nach Definition auch Malaria, Tuberkulose und HIV/Aids gezählt werden – zu wenig Aufmerksamkeit erfahren: vor allem von Seiten der Pharmaindustrie, aber auch von öffentlichen Gebern.

Partnerschaft für besseren Zugang zu Arzneimitteln

Die Schweiz will gemeinsam mit der Stiftung von Bill und Melinda Gates die Gesundheitsbehörden in Afrika stärken. Ziel der Public-Private-Partnership (PPP) ist es, die Prüfungs- und…

„Rund drei Milliarden Menschen, das sind 40 Prozent der Weltbevölkerung, leiden unter solchen Krankheiten“, sagt der Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie, Stefan Kaufmann. „Aber im Kampf dagegen wird viel zu wenig getan.“ Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nur vier Prozent der 850 Medikamente und Impfstoffe, die zwischen 2000 und 2011 neu entwickelt wurden, sind laut einer Studie des britischen Fachblatts „Lancet“ vom vergangenen Jahr zur Prävention und Therapie vernachlässigter Krankheiten gedacht.

Den größten Teil der Forschung und Entwicklung in diesem Bereich finanzieren öffentliche Geber wie die Nationale Gesundheitsbehörde der USA und die Europäische Union. 2012 betrug ihr Anteil an den Gesamtinvestitionen in Höhe von 3,2 Milliarden US-Dollar laut dem „G-Finder“-Bericht des unabhängigen „Policy Cures“-Instituts mehr als zwei Drittel, während private Stiftungen und die Pharmaindustrie knapp 20 beziehungsweise 17 Prozent der Mittel beisteuerten.

Produktentwicklungspartnerschaften

Gleichwohl sehen Gesundheitsexperten in den vergangenen zehn Jahren Bewegung in die richtige Richtung. „Die Pharmaindustrie bringt sich stärker ein“, sagt Christian Wagner-Ahlfs von der BUKO Pharma-Kampagne. Als wichtigste Neuerung nennt er die Produktentwicklungspartnerschaften (PDP).

Bei solchen Non-Profit-Organisationen arbeiten Pharmafirmen, öffentliche Forschungseinrichtungen, private Geber wie die Gates-Stiftung und NGOs zusammen, um Forschungslücken zu schließen und Diagnostika, Impfstoffe und Mittel zur Bekämpfung von vernachlässigten Krankheiten zu erschwinglichen Preisen auf den Markt zu bringen. Die Pharmaunternehmen stellten mit ihren Wirkstoffdatenbanken einen „enormen Schatz“ zur Verfügung, erklärt Wagner-Ahlfs.

Auch der Immunbiologe Kaufmann hält die Produktentwicklungspartnerschaften für ein gutes Modell, etwa um Medikamente, die bereits zur Behandlung einer Krankheit zugelassen sind, auch für die Therapie einer anderen zu erproben. Auf diese Weise wurde der Durchbruch bei der Heilung von Patienten mit Schlafkrankheit erzielt. Im Rahmen der Produktentwicklungspartnerschaft „Drugs for Neglected Diseases initiative“ (DNDi) testeten Forscher in klinischen Studien den Wirkstoff Nifurtimox von Bayer, ursprünglich zur Behandlung von Krebs und der Chagas-Krankheit entwickelt, in Kombination mit Eflornithin von Sanofi-Aventis – und waren erfolgreich.

Für die Pharmaunternehmen seien Produktentwicklungspartnerschaften der „goldene Weg“, um Medikamente für Patienten bereitzustellen, deren „Kaufkraft gleich Null ist“, sagt  Harald Zimmer vom Verband forschender Arzneimittelhersteller (vfa). So sei die Zahl der Projekte für Mittel gegen Armutskrankheiten zwischen 2008 und 2012 von 67 auf 162 gestiegen. Die Industrie bringe neben Substanzen auch das Wissen über deren Wirkung sowie Laborkapazitäten ein. Novartis, MSD und GlaxoSmithKline unterhalten laut Zimmer inzwischen spezielle Labore für die Forschung etwa zu Dengue-Fieber- und Tuberkulose-Medikamenten sowie zu Impfstoffen gegen vernachlässigte Krankheiten.

Engagement der Bundesregierung

Die Bundesregierung engagiert sich seit 2011 ebenfalls verstärkt im Kampf gegen solche Krankheiten. Im vergangenen Jahr gab sie dafür laut „G-Finder“ rund 47 Millionen Euro aus. Das Bundesforschungsministerium steuerte mit rund 13,7 Millionen Euro den größten Anteil bei, wie dessen Sprecher Rüdiger Fischer mitteilt.

Es fördert unter anderem drei Produktentwicklungspartnerschaften, darunter DNDi, sowie Projekte an Universitäten und öffentlichen Einrichtungen. Ferner beteiligt es sich an einer gemeinsamen Initiative europäischer und afrikanischer Staaten, die mit Hilfe klinischer Tests die Zulassung besserer Mittel gegen Aids, Malaria und Tuberkulose voranbringen will.

Es sei beabsichtigt, „die Forschungsförderung in diesem für die Weltgesundheit wichtigen Bereich zu stärken“, erklärt Fischer – das steht im Übrigen auch im Koalitionsvertrag. Und es wird nötig sein, denn gerade die Investitionen in die viel gepriesenen Produktentwicklungspartnerschaften sind im vergangenen Jahr gegenüber dem Vorjahr um ein Fünftel gesunken, der größte Rückgang seit ihrem Bestehen, wie der „G-Finder“-Bericht feststellt.

Für Philipp Frisch, den Leiter der Medikamentenkampagne von „Ärzte ohne Grenzen“, ist das Engagement der Bundesregierung ein „guter erster Schritt“. Doch gemessen an seiner Wirtschaftskraft übernehme Deutschland zu wenig Verantwortung, sagt er. Mit mehr Geld allein ist es allerdings nicht getan. Ein grundlegender Wandel in der Forschungspolitik sei nötig, meint Christian Wagner-Ahlfs von der BUKO Pharma-Kampagne. Bislang sei sie darauf ausgerichtet, dass die Pharmaindustrie mit Forschungsergebnissen, die mit öffentlichen Mitteln finanziert wurden, möglichst viel verdient. Stattdessen müsse sichergestellt werden, dass möglichst viele Menschen einen gesundheitlichen Nutzen haben.

Dies sei etwa im Rahmen des sogenannten „equitable licensing“ möglich: Wenn eine öffentliche Einrichtung einen Wirkstoff entdeckt hat, könne die Lizenz zur Produktentwicklung beispielsweise mit der Verpflichtung verknüpft werden, das Arzneimittel Entwicklungsländern zu einem geringeren Preis zur Verfügung zu stellen, sagt Wagner-Ahlfs. Hierfür müssten die rechtlichen Rahmenbedingungen geschaffen werden.

Gesundheitsexperten diskutieren zurzeit außerdem darüber, wie für vernachlässigte Krankheiten Forschungsanreize geschaffen werden können, die nicht vom Profit gesteuert sind. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) will zunächst sieben Pilotprojekte fördern, die innovative Ansätze verfolgen, darunter eine „open source“-Plattform, um die Arzneimittel-Entwicklung zu beschleunigen. Bei solchen Vorhaben veröffentlichen alle Beteiligten ihre Ergebnisse und geben sie zur Nutzung frei. Diesen Ansatz befürwortet auch Christian Wagner-Ahlfs. Dennoch habe die Weltgesundheitsorganisation eine Chance vertan. „Die meisten anderen Vorschläge entsprechen dem gängigen Schema“, sagt er, „sie sind nicht geeignet, die Forschung sozial gerechter zu machen.“

Forschungsprämien

Philipp Frisch von „Ärzte ohne Grenzen“ nennt als eine weitere Möglichkeit die Auslobung von Forschungsprämien. Wer als erster ein neues Diagnostikum oder Medikament – etwa gegen die Schlafkrankheit – auf den Markt bringe, erhalte einen zuvor festgelegten Betrag. Im Gegenzug müsse er auf sein Herstellungsmonopol verzichten und sich verpflichten, das Mittel zu einem bezahlbaren Preis zu vertreiben.

Harald Zimmer vom vfa steht dem skeptisch gegenüber. Unternehmen müssten in der Hoffnung auf die Prämie gut zehn Jahre in Vorleistung gehen – so lange dauert die Entwicklung eines Medikamentes bis zur Marktreife mindestens, sagt er. Das wäre aus wirtschaftlichen Überlegungen unrealistisch. Ferner sei eine Forschungsprämie nicht dazu geeignet, den Wettbewerb unter den Firmen zu fördern und so die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass mindestens ein Entwicklungsprojekt bis zum Ende erfolgreich ist.

Zimmer sieht vor allem Schwellenländer wie Indien, Südafrika, China und Brasilien in der Pflicht, einen Markt für Medikamente gegen Tropenkrankheiten zu schaffen – indem sie mehr Geld für Gesundheit ausgeben, damit sich die Investitionen der Pharmaunternehmen mehr lohnen. „Viele Staaten sind dazu nicht bereit“, kritisiert er.

So gebe Indien gerade einmal ein Prozent seines Bruttoinlandsproduktes für die Gesundheitsversorgung aus, in Brasilien seien es acht Prozent. „Diese Länder müssen ihrer globalen Verantwortung sehr viel stärker nachkommen“, meint Zimmer. Einer internationalen Konvention für die Arzneimittelentwicklung und der Einrichtung eines globalen Fonds zur Finanzierung, wie es von verschiedenen NGOs gefordert wird, räumt er deshalb „wenig Erfolgsaussichten“ ein.

Aufmerksamkeit schaffen

Ein Bündnis von NGOs und Wissenschaftlern hat derweil eine neue Initiative ergriffen, um den vernachlässigten Krankheiten – und denen, die daran leiden – zumindest in Deutschland mehr wissenschaftliche und öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen. Sie haben Ende Januar 2014 erstmals den mit 5000 Euro dotierten „Memento“-Preis verliehen. Ausgezeichnet wurden ein Forschungsteam sowie zwei Politikerinnen: Gisela Bretzel und Marcus Beißner von der Ludwig-Maximilians-Universität München wurden für ihre Forschung zu Lepra und Buruli-Ulkus geehrt, Karin Roth (SPD) und Anette Hübinger (CDU) für ihr Engagement für mehr öffentliche Forschungsförderung.

Für Patienten mit Schlafkrankheit gibt es Anlass zur Hoffnung. Die „Drugs for Neglected Diseases initiative“ testet zurzeit in Zusammenarbeit mit dem Arzneimittelhersteller Sanofi-Aventis in klinischen Studien die Wirksamkeit und Sicherheit einer Tablette mit dem Wirkstoff Fexinidazol und ist damit schon bis zur klinischen Phase drei vorangekommen. Würde das Medikament zugelassen, müssten die Kranken künftig nur noch zehn Tage lang täglich eine Pille einnehmen und könnten ambulant behandelt werden. Die bislang benötigten Infusionen könnten entfallen – und damit auch der oft beschwerliche, mitunter tagelange Fußmarsch in das nächstgelegene Krankenhaus. 

erschienen in Ausgabe 3 / 2014: Medizin: Auf die Dosis kommt es an

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