Wieder aufgebaut und alleingelassen

Ein Fischerboot auf einem Haus in Banda Aceh 2009. Obwohl nicht alle Spuren der Verwüstung beseitigt sind, ist der Wieder­aufbau seit 2009 offiziell beendet.
Seit dem Tsunami von 2004 ist vieles besser geworden in Aceh. Die Zivilgesellschaft bleibt aber schwach und könnte Unterstützung gut gebrauchen. Doch die internationalen Helfer sind längst weg.

Chaideer Mahyuddin war stolz, als er im vergangenen Jahr die Hand des Ministers schütteln durfte. Bereits zum dritten Mal hatte er den indonesischen Pressefotowettbewerb gewonnen. Für eine Aufnahme vom Erdbeben in Banda Aceh im April 2012 erhielt er den Preis in der Kategorie Nachrichtenfoto. Die Agentur AFP und das „Time Magazine“ brachten das Bild.

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Chaideer Mahyuddin

war früher Kämpfer der Bewegung Freies Aceh (GAM), heute dokumentiert er als Fotograf die Umbrüche in Aceh.

Basilisa Dengen

ist Geschäftsführerin der Organisation „Watch Indonesia!“ in Berlin (www.watchindonesia.org).

Als Student hatte sich Chaideer der Bewegung Freies Aceh (GAM) angeschlossen; kurze Zeit saß er dafür in Haft. Nach seiner Freilassung sagte er sich vom bewaffneten Kampf los. 2004 musste er dann erleben, wie der Tsunami seine Heimatregion Lamno im Nordwesten von Aceh verwüstete. Die Flutwelle riss mehr als ein Drittel der Einwohner in den Tod; nur 22 von 48 Dörfern blieben verschont. Chaideer verlor viele Verwandte und Bekannte sowie sein Zuhause.

Anders als viele ehemalige Kämpfer, die nach der Auflösung der GAM in die Politik einstiegen, entschied sich Chaideer für eine Karriere als Fotojournalist. Sein Leben ist ein Beispiel für die erfolgreiche Reintegration eines ehemaligen Kämpfers. Chaideer war nie von Hilfe abhängig; aus der schwierigen Lage heraus hat er erfolgreich seinen eigenen Weg gefunden. Nur wenige haben das ähnlich gut geschafft.

Der Tag, als die Flutwellen kamen

Bis heute schmerzt die Menschen in Aceh die Erinnerung an den Tag, als ein Beben der Stärke 9,1 im indischen Ozean Flutwellen auslöste, die in weniger als einer halben Stunde die Küstengebiete komplett verwüsteten. Nahezu zwei Drittel der öffentlichen Infrastruktur der Stadt Banda Aceh waren zerstört; allein dort starben 25.000 Menschen. In ganz Aceh und der benachbarten Insel Nias gab es 170.000 Tote.

Für internationale Hilfsorganisationen war es schwierig, nach Aceh zu gelangen, da die Region bis zu diesem Zeitpunkt Konfliktgebiet war. Seit 1976 hatte das indonesische Militär  die Rebellen der GAM bekämpft. Die Armee erlaubte aus Sicherheitsgründen zunächst keine Hilfsmaßnahmen – auch aus der Überzeugung heraus, dass Indonesien die notwendige Hilfe selbst leisten könne. Doch zwei Tage nach der Katastrophe hatte auch Indonesiens Führung deren Ausmaß und die Begrenztheit der eigenen Kapazitäten begriffen. Es erging ein Hilfegesuch an die UN, wenige Wochen danach waren bereits 200 internationale Organisationen in Aceh.

Der Tsunami war der entscheidende Faktor, der die Konfliktparteien in Aceh an den Verhandlungstisch brachte. Am 15. August 2005 unterzeichneten die indonesische Regierung und die GAM in Helsinki ein Friedensabkommen. Es wurden zwei Behörden eingerichtet: eine für den Wiederaufbau, die aus internationaler Entwicklungshilfe mit rund acht Milliarden US-Dollar ausgestattet wurde, und eine für die Friedensförderung, die 360 Millionen Dollar erhielt.

Auf den ersten Blick ist in Aceh seit dem Tsunami viel erreicht worden: Das Straßenbild von Banda Aceh erinnert an andere indonesische Städte. Ständig steigt die Zahl von Motorrädern und Autos, die den Verkehr zum Erliegen bringen. Es gibt einen neuen Flughafen mit einer direkten Verbindung nach Kuala Lumpur. Die Wirtschaft wächst um fünf Prozent jährlich.

Doch die Regierung kämpft mit einer hohen Arbeitslosenquote, während ihr gleichzeitig die notwendigen Kapazitäten fehlen, um ihre Budgetmittel sinnvoll auszugeben. Dabei warten noch mehr als tausend Tsunamiopfer auf neue Häuser, die nie gebaut wurden, weil die Wiederaufbaubehörde mittlerweile aufgelöst wurde. Die einst reichhaltigen Gas-und Ölvorkommen in Aceh gehen zur Neige. Eine neue Wirtschaftsstrategie müsste erarbeitet und neue Einkommensquellen müssten erschlossen werden.

Aceh ist nicht friedlicher geworden

Immerhin: Der bewaffnete Konflikt zwischen Militär und GAM gehört der Vergangenheit an. Ohne Angst und Ausgangssperre kann man bis spät in der Nacht mit Freunden im Café sitzen, sei es zum Fußballgucken, sei es zu politischen Diskussionen. Über kostenloses WLAN, das an vielen Orten angeboten wird, kann man seine Ansichten an Ort und Stelle über soziale Medien verbreiten.

Doch Aceh ist nicht unbedingt friedlicher geworden. Die Menschenrechtsorganisation Koalisi NGO HAM registrierte letztes Jahr 563 gewaltsame Zusammenstöße politischer oder krimineller Art, darunter 25 Konflikte, bei denen es um Ressourcen ging: Einwohner streiten sich mit Unternehmen und Sicherheitskräften um Landrechte.

Zudem gibt es politische Rivalitäten zwischen der aus der GAM hervorgegangenen Partai Aceh (PA) und deren Abspaltung  Partai Nasional Aceh (PNA): Beide beanspruchen, legitimer Nachfolger der GAM zu sein. Es kommt zu Angriffen, Brandstiftung und Morden. Die dieses Jahr anstehenden Parlaments- und Präsidentschaftswahlen in Indonesien sorgen für neuen Zündstoff. Besonders an der Ostküste gab es viele Konflikte.

Kein Land für die ehemaligen Kombattanten

Die 2005 begonnene Reintegration der ehemaligen Kombattanten läuft nicht nach Plan. Die Regierung kann die versprochenen zwei Hektar Land für jeden ehemaligen GAM-Kämpfer nicht bereitstellen, weil sie nicht über ausreichend Bauland verfügt. Von der ihnen zustehenden Hilfe erhalten die Exkämpfer nur einen Bruchteil, da in der für die Reintegration zuständigen Behörde auf jeder hierarchischen Ebene eine kleine „Verwaltungsgebühr“ abgezogen wird.

Viele Hilfeempfänger wiederum geben das Geld nicht wie vorgeschrieben aus und kaufen sich lieber ein Auto statt der Kühe, von denen sie eigentlich leben sollen. Das empört Konfliktopfer, die sich im Vergleich zu den ihrer Ansicht nach privilegierten Exkombattanten stiefmütterlich behandelt sehen.
Zahlreiche ehemalige Kämpfer haben von den Veränderungen profitiert; als Vertreter der Partai Aceh sitzen sie im Provinzparlament. Die PA stellt dort mit 47 Prozent die größte Fraktion. Sie stellt auch den Gouverneur von Aceh: Zaini Abdullah gewann die Wahlen 2012 souverän mit 55 Prozent der Stimmen.

Hat sich die GAM also erfolgreich von einer Befreiungsbewegung zu einer politischen Partei gewandelt? Offiziell will die Partai Aceh das Helsinki-Friedensabkommen verwirklichen und den Wohlstand für das Volk von Aceh mehren. Sie behauptet auch, sie stehe für Demokratie, Gerechtigkeit und Menschenrechte. Doch tatsächlich verfolgt sie ganz andere Ziele. Im Dezember 2013 verabschiedete Gouverneur Zaini Abdullah die Verordnung zum islamischen Strafgesetz (Qanun Jinayah), die unter anderem Ehebruch, Homosexualität und Alkoholkonsum verbietet.

Verstöße können mit Geld- oder Körperstrafen von bis zu 200 Peitschenschlägen geahndet werden. Abdullahs Vorgänger Irwandi Yusuf, der ebenfalls der GAM angehörte, aber in der PA keine Unterstützung hatte, hatte sich standhaft geweigert, diese Verordnung zu unterzeichnen. Die GAM selbst hatte noch als Widerstandsorganisation die Einführung der Scharia nie unterstützt, sondern war immer bemüht, sich ein säkulares Image zu geben.

Subkulturen sind strafbar

Die Einführung der Scharia in Aceh schränkt insbesondere individuelle Rechte von Frauen ein. Sie dürfen zwar Motorrad fahren, aber nicht breitbeinig hinter einem Mann auf dem Sozius. Sie dürfen keine engen Hosen und figurbetonenden Kleider tragen. Mädchen dürfen ihren Freund treffen, aber nur vor Sonnenuntergang. Homosexualität sowie jugendliche Subkulturen wie Punk sind nicht akzeptiert und sogar strafbar. Die islamischen Führer und die Regierung sind sich in diesen Punkten weitgehend einig.

Haare schneiden, baden, beten: Die Scharia-Polizei in Aceh zwingt Ende 2011 Dutzende Punks zu „moralischer Besserung“ in der Polizeischule.Chaideer Mahyuddin
Anfang dieses Jahres erklärte ein Vertreter des Parlaments von Aceh, die Scharia werde künftig auch für Nichtmuslime gelten. Der Gouverneur wiegelte ab und erklärte, Aceh respektiere die Religionsfreiheit, daher gelte die Verordnung weiter nur für Muslime. Der Aufschrei in der Bevölkerung bleibt jedoch aus: Wer sich öffentlich gegen die Scharia ausspricht, riskiert, als antiislamisch stigmatisiert zu werden.

Die indonesische Regierung reagiert auf diese Entwicklungen nicht eindeutig. Die Beziehungen zwischen Jakarta und Aceh schwanken wie Ebbe und Flut. Ständig entstehen neue Unklarheiten, wie weit die Sonderautonomie reichen sollte, die Aceh als Teil des Friedensabkommens erhalten hat. Die Regierung in Aceh beschwert sich, Jakarta verletze ständig das Friedensabkommen und das Autonomiegesetz: Die indonesische Regierung bestehe darauf, jede Verordnung müsse vor Inkrafttreten von ihr abgesegnet werden. Immerhin gibt es mittlerweile ein symbolisches Staatsoberhaupt für Aceh, den Wali Nanggroe, obwohl Jakarta seinen Segen dafür verweigerte. Streit gibt es weiterhin um Symbole wie Flagge und Wappen der Provinz.

Das Friedensabkommen und das Autonomiegesetz sehen die Bildung eines Menschenrechtsgerichtshofes und einer Wahrheits- und Versöhnungskommission vor. Darauf konzentrieren sich auch die meisten Menschenrechtorganisationen in Aceh und Jakarta. Die nationale Menschrechtskommis­sion untersucht zurzeit Menschenrechtsverletzungen während der Zeit des militärischen Ausnahmezustands von 1989 bis 1998.

Als Kommissionsmitglied Otto Syamsuddin Ishak die Untersuchung auf einer Konferenz vorstellte, wurde er mit dem Widerstand einer Jugendgruppe aus Aceh konfrontiert: Es sei nicht nötig, sich mit den Geschehnissen der Vergangenheit neu zu befassen; dies werde nur dem Frieden schaden. Viele Leute in Aceh vertreten ähnliche Ansichten. Dennoch beschloss das Parlament von Aceh Ende 2013, eine Wahrheits- und Versöhnungskommission einzurichten. Menschenrechtsorganisationen bleiben aber skeptisch: Sie bezweifeln, dass die Regierungen in Aceh und Jakarta den erforderlichen politischen Willen haben, den Parlamentsbeschluss zu verwirklichen.

Der Wanderzirkus ist weitergezogen

Seitdem die internationalen Organisationen Aceh verlassen haben, sinkt auch die Aufmerksamkeit für die Region. In der internationalen Entwicklungspolitik ist „Nachhaltigkeit“ eine der wichtigsten Vokabeln. Aber wie nachhaltig ist das Engagement in Aceh? Der Wanderzirkus der Hilfsorganisationen und staatlichen Entwicklungsagenturen ist längst weitergezogen.
Dabei wäre es wichtig, die Zivilgesellschaft in Aceh zu stärken: Frauengruppen, die Jugend, Künstler sowie Minderheitengruppen. Es sollte eine Kultur der Zivilcourage gegen Ungerechtigkeit und Rechtsverletzungen gefördert werden. Hierzu könnte die internationale Gemeinschaft einen Beitrag leisten.

Es ist noch ein langer Weg zum Frieden in Aceh, wenn Frieden mehr bedeuten soll, als die Abwesenheit von Gewalt. Wird uns der Fotograf Chaideer Mahyuddin wieder die Bilder dazu liefern, wenn alles aus dem Ruder läuft?
 

erschienen in Ausgabe 4 / 2014: Indonesien: Von Islam und Demokratie

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