Wunderbar einfach

Wenn Entwicklungshilfegeber in armen Ländern eine Straße oder ein Wasserwerk finanzieren, kommt häufig die beste und teuerste Technologie zum Einsatz. Dabei wäre es sinnvoller, einfachere und weniger kapitalintensive Technik zu verwenden und so mehr Arbeitsplätze zu schaffen. Doch die Politik und die Profiteure der bisherigen Praxis in reichen und armen Ländern verhindern einen Kurswechsel.

Vor etwa 40 Jahren gab es schon einmal eine Debatte über angepasste Technologien, die unter anderem geführt wurde von Erhard Eppler, der von 1968 bis 1974  Bundesentwicklungsminister war, und dem 1977 verstorbenen deutsch-britischen Ökonomen E. F. Schumacher. Sie verlief im Sande, weil die Unternehmen in den Industrieländern kein Interesse hatten, angepasste Technologien zu entwickeln. Außerdem manövrierten sich die Protagonisten dieser Debatte damals selbst ins Aus, weil sie immer nur neueste angepasste Technologien vor Augen hatte.

Es wäre besser gewesen, sie hätten sich mit der Technologie zufrieden gegeben, mit der Länder wie Deutschland  vor dem Zweiten Weltkrieg zu wohlhabenden Industrienationen geworden waren. Die war deutlich weniger kapitalintensiv als die moderne Technologie von 1970 oder die von heute.

Heute allerdings hat sich das Interesse der Industrie gewandelt. Unternehmen wie Siemens oder der Lastwagenbauer MAN entwickeln abgespeckte Versionen ihrer Premium-Produkte und exportieren sie in Entwicklungsländer oder produzieren und verkaufen sie gleich dort. Es sind Produkte ohne Schnickschnack: robuster, einfacher in der Handhabung, deutlich billiger und damit deutlich weniger kapitalintensiv. MAN baut in Indien Lastwagen, die technologisch weniger anspruchsvoll sind und den dortigen Verhältnissen mehr entsprechen. Wegen des Erfolges dieser Laster hat MAN ein Montagewerk in Usbekistan errichtet, in dem unter anderem in Indien gefertigte Lkw-Einzelteile montiert werden.

Ein anderer Trend ist, dass Firmen aus Entwicklungsländern angepasste Technologien für ihre Heimatmärkte entwickeln und diese nicht nur zu Hause, sondern auch in anderen Ländern verkaufen, sogar in Industrieländern. In China etwa wurde ein kostengünstiges mobiles Ultraschallgerät entwickelt. Und der indische Fahrzeugbauer Mahindra & Mahindra hat mit kleinen Traktoren den US-Markt erobert und ist heute einer der größte Traktorenhersteller der Welt.

Die arbeitsintensiven und wenig kapitalintensiven Technologien wären also da – oder könnten für viele Bereiche entwickelt werden. Aber die Geberländer nutzen sie nicht in ihrer Entwicklungszusammenarbeit. Ein Grund dafür ist, dass Entwicklungsprojekte etwa im Straßenbau oder der Wasserversorgung in der Regel von Planungsbüros in Industrieländern ausgearbeitet werden.

Planungsbüros in Entwicklungsländern verfügen meistens nicht über die nötige Qualifikation und Erfahrung und kommen deshalb bei internationalen Ausschreibungen nicht zum Zug. Die Folge ist, dass die Projekte nach dem höchsten internationalen Standard geplant werden. Entwicklungspolitische Überlegungen, dass mit mittlerer Technologie Tausende Arbeitsplätze geschaffen werden könnten, werden ignoriert.

Auch die Regierungen der Entwicklungsländer sind an mittleren Technologien nicht interessiert, weil sie die Projektkosten ohnehin nicht tragen. Zudem bieten kapitalintensive Projekte korrupten Politikern bessere Möglichkeiten, ausländische Devisen abzuzweigen. In den Geberländern wiederum sind die Bauunternehmen und Baumaschinenhersteller mit der bisherigen Praxis zufrieden und würden ihre Lobbyisten losschicken, wenn ernsthaft über einen Kurswechsel in Richtung weniger kapitalintensiver Technologien nachgedacht würde.

Dennoch: Ein solcher Kurswechsel ist überfällig. Mittlere Technologien bieten die Möglichkeit, die Errichtung von Infrastruktur mit der Schaffung von vielen Arbeitsplätzen in Entwicklungsländern zu verknüpfen. Wer Armut überwinden will, sollte diesen Weg einschlagen: Beim Bau von Straßen, Eisenbahnen und anderer Infrastruktur geht es eben nicht nur um das fertige Projekt, sondern ebenso sehr darum, wie es erstellt wird.

erschienen in Ausgabe 8 / 2014: Gesichter der Karibik

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