„Doktor Wasswa“ verkauft in Iganga angebliche ­Heilmittel des chinesischen Konzerns TIENS. Ihn hat das reich gemacht – viele andere warten vergebens auf
den Erfolg

In die Schuldenfalle getappt

Eine chinesische Firma macht in Uganda gute Geschäfte mit Ernährungs- und Kosmetik­produkten. Ihr dubioses Vertriebsmodell treibt Tausende Menschen in den Ruin.

Auf der Webseite von Tianshi erfährt man, dass mehr als 200.000 Ugander „Mitglieder“ sind und die Produkte vertreiben – demnach gibt es in Uganda mehr Tianshi-Vertreter als Lehrer an öffentlichen Schulen. Wasswa behauptet, dass darunter auch zehn Parlamentsabgeordnete seien. Der ugandische Vizepräsident Edward Ssekandi nahm offiziell an einer Tianshi-Veranstaltung teil und traf sich mit chinesischen Managern der Firma.

Angesichts der hohen Arbeitslosenquote in Uganda – laut Schätzungen sind vier von fünf Jugendliche ohne Job – ist es leicht nachzuvollziehen, dass viele gern Tianshi-Vertreter werden wollen. Anständige Jobs werden kaum angeboten und Erfolgsgeschichten wie die von Wasswa Zziwa Edrisa sind noch viel seltener. Außerdem sind die Versprechungen der Tianshi-Werber sehr verführerisch. „Wenn man eine gewisse Stufe erreicht, fängt man an Gewinne zu machen“, versichert Wasswa seinen Zuhörern und erklärt ihnen, dass die Firma Geldprämien und Autos verteilt, wenn man in die höheren Ränge der internen Verkäuferhierarchie aufsteigt. Und dass man auf Kosten der Firma in andere Länder fliegen darf.

Doktor Wasswa verspricht ein Ende aller Geldsorgen

„Es macht gar nichts, wenn man keine Vorkenntnisse und keine Abschlüsse hat“, erklärt er weiter. „TIENS interessiert sich nicht für eure Ausbildung, sondern nur dafür, wie viele Produkte ihr kauft und wie viele neue Mitglieder ihr rekrutiert.“ Deshalb bedeutet die Mitarbeit bei TIENS „das Ende aller Geldsorgen“, denn „das Verlustrisiko ist gering“, und „wenn man fünf Jahre dabei war, kann man sich zur Ruhe setzen“ – so steht es in der Informationsbroschüre der Firma.

Die Mitgliederwerbung in den TIENS-Seminaren scheint gut anzukommen. Doch Karrieren wie die von Wasswa Zziwa Edrisa, der aus einer Bauernfamilie stammt, als Dorfschullehrer angefangen hat und jetzt ein nobler Großverdiener geworden ist, sind die große Ausnahme. In Wirklichkeit scheint es eher normal zu sein, dass man auf seinen Unkosten sitzen bleibt. In der Firmenzentrale von Tianshi-Uganda in Kampala können die Mitglieder ihre betriebsinternen Konten ausdrucken, und viele verlassen das Gebäude mit Tabellen in der Hand, aus denen hervorgeht, dass sie kaum etwas eingenommen haben. Auch in Iganga müssen selbst besonders überzeugte Fans der Firma zugeben, dass sie große Mühe hatten, überhaupt Verdienste zu erzielen.

Ein 30-jähriger Mann namens Robert erzählt, dass er vor sechs Monaten Mitglied wurde. Seitdem hat er an allen 14-tägigen Sitzungen teilgenommen und Produkte im Wert von 180 Dollar gekauft. Dank dieser Käufe ist er in die dritte von acht Rangstufen aufgestiegen. Außerdem ist es ihm gelungen, neun neue Mitglieder anzuwerben. Dennoch hat er selbst bisher kaum Geld verdient. „Meine Bilanz ist noch nicht gut“, sagt er. Anderen Tianshi-Vertretern, von denen viele keinen anderen Job haben, erging es ebenso. Viele scheinen wieder abzuspringen, wenn sie merken, dass das System bei ihnen nicht funktioniert.

Hochrangige festangestellte Mitarbeiter, für die sich ihre Tätigkeit auszahlt, und andere Tianshi-Vertreter, bei denen das nicht der Fall ist, sehen den Grund für Misserfolge in mangelnder Anstrengung. Die 25-jährige Sarah muss auf die Frage, woran es ihrer Meinung nach liegt, dass sie nach fünfmonatiger Mitgliedschaft noch nichts verdient hat, erst einmal überlegen. Da antwortet Robert bereits für sie: „Der Grund ist, dass sie zu wenig Leistung bringt“ – obwohl er selbst nicht viel besser dasteht.

Nach dem Seminar frage ich Wasswa, wie lange man braucht, um aus der Verlustzone herauszukommen. Drei Männer, die bereits seit Monaten als Tianshi-Vertreter arbeiten, ohne nennenswerten Einkünfte zu erzielen, hören interessiert zu. „Manchmal dauert es einen Monat, gelegentlich auch zwei“, antwortet er. Ich frage weiter: „Was ist, wenn jemand sein Bestes tut, aber nach sechs Monaten immer noch kein Plus macht?“ „Nach sechs Monaten?“, ruft Wasswa. „Nein, das ist eine Ausnahme. Das kommt sehr selten vor. Wenn jemand ernsthaft rangeht, sollte er nach sechs Monaten eine hohe Rangstufe erreicht haben und gut verdienen.“ Die drei Männer schauen verlegen zu Boden. Sie scheinen sich zu schämen.

erschienen in Ausgabe 8 / 2014: Gesichter der Karibik

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