Fragwürdiges Maß für den Fortschritt

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sagt wenig über den Wohlstand eines Landes und gar nichts darüber, wie nachhaltig es wirtschaftet. Das ist seit Jahrzehnten bekannt und hat bisher nichts daran geändert, dass praktisch überall die stetige Zunahme des BIP als erstes politisches Ziel gilt, an dem Regierungen gemessen werden. Da ist es bemerkenswert, wenn die Bundeskanzlerin im Februar fordert, den „Wachstumsbegriff für das 21. Jahrhundert neu zu definieren“: Man solle nicht länger „nur über das klassische Wachstum sprechen“, sondern auch über „neue Formen des Wohlstands“. Angela Merkel unterstützt damit eine Initiative des französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy. Der hatte Anfang 2008 drei renommierte Ökonomen – darunter die Nobelpreisträger Joseph Stiglitz (USA) und Amartya Sen (Indien) – gebeten, eine Kommission zu bilden, um die Schwächen des BIP zu ermitteln und Möglichkeiten für eine bessere Messung des sozialen Fortschritts vorzuschlagen. Denn falsche Messgrößen, so die Annahme, führen zu falschen wirtschaftspolitischen Entscheidungen.

Der Bericht der Kommission vom Oktober 2009 erklärt, dass das BIP schon die Produktion von Volkswirtschaften, die es messen soll, nicht zuverlässig abbilde. Mit feineren statistischen Methoden kann das laut der Kommission verbessert werden. Kaum zu beheben sind dagegen die Mängel des BIP als Wohlfahrtsindikator. Laut der Kommission sind für die Beurteilung des materiellen Lebensstandards das Einkommen und der Konsum der Haushalte aussagekräftiger. Sie sollten zusammen mit deren Vermögen zusätzlich erfasst werden, verbunden mit Indikatoren für die Einkommens- und Vermögensverteilung, öffentliche Dienste sowie unbezahlte Leistungen etwa in der Familie. Darüber hinaus hänge das Wohlbefinden von immateriellen Faktoren ab wie Bildung, politischer Teilhabe, sozialen Bindungen, der Umweltqualität sowie öffentlicher und sozialer Sicherheit. Wohlfahrtskennzahlen solle die Politik im Verhältnis zu Produktionsdaten stärker gewichten. Das BIP berücksichtige auch nicht, ob die Produktion Kapital aufbaut oder verzehrt – sei es physisches wie die Infrastruktur, seien es Wissen, Sozialkapital oder Naturgüter. Diese Frage der Nachhaltigkeit muss laut der Kommission gesondert bewertet werden.

Ohne Zunahme des BIP könnte der Staat seine Schulden nicht abtragen

Solche Ideen fallen zur Zeit auf fruchtbaren Boden – nicht nur in Berlin und Paris. Die Europäische Kommission strebt an, dass die EU-Staaten ihre volkswirtschaftliche Rechnung um Umwelt- und Sozialdaten erweitern und einen einheitlichen Umweltindex entwickeln. Die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hat ein Projekt zur Messung des Fortschritts von Gesellschaften auf den Weg gebracht,  in Kanada und Mexiko – zwei Mitgliedsländern der OECD – werden Indizes für den Lebensstandard entwickelt. Das alles wird offenbar von der Unhaltbarkeit des herrschenden Wachstumsmodells angesichts des Klimawandels befördert.

Es ist gut, wenn endlich die soziale Ungleichheit sowie Umweltfragen in den Fokus der Wirtschaftsstatistik rücken. Zu viel sollte man davon aber nicht erwarten. Keiner der erwähnten Vorschläge folgt der Idee, ein Wachstum, das per saldo Naturkapital vernichtet, gar nicht mehr als Wachstum auszuweisen. Und die Staatenlenker sind maximal bereit, von fossilen auf erneuerbare Energien umzustellen, um so „nachhaltiges Wachstum“ anzustreben. Leider ist aber unklar, ob es möglich ist, mit „grünem“ Wirtschaftswachstum auf Dauer den Naturverbrauch zu senken. Auch für Windräder und Elektroautos braucht man Rohstoffe und Energie, und Effizienzgewinne in der Produktion und im Konsum wurden bisher immer vom Mengenzuwachs aufgezehrt. Vernünftigerweise müsste deshalb die Priorität umgekehrt werden und lauten: Wachstum ja, aber nur soweit es mit der Beschränkung des Naturverbrauchs vereinbar ist.

Indizes, die die Wohlfahrt betonen, könnten ins Bewusstsein rücken, dass Wirtschaftswachstum vor allem in armen Ländern mit Wohlfahrtsgewinnen einhergeht, während es in reichen die durchschnittliche Lebensqualität kaum noch erhöht. Allerdings ist auch diese Erkenntnis alt und bisher politisch wirkungslos. Die Ursache dafür liegt im Wachstumszwang unserer Gesellschaften: Ohne Zunahme des BIP könnten auf Dauer Unternehmen ihre Kredite und der Staat seine Schulden nicht abtragen. Auch die sozialen Sicherungssysteme würden in die Krise geraten. Das Wachstum behält deshalb Priorität. Neue Indizes, die das BIP umrahmen, dürften daran wenig ändern.

 

erschienen in Ausgabe 3 / 2010: Mobilität - Die täglichen Wege