Kein Monopol auf Beleidigungen

„Der arabische Fernsehzuschauer liebt politische Talkshows. Je kontroverser, desto besser", konstatierte die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit" bereits vor fünf Jahren. Auch das deutsche TV-Publikum liebt hitzige Debatten. Welche Unterschiede es in den politischen Diskussionen gibt, die dieses Sendeformat prägen, haben Mannheimer Kommunikationswissenschaftler untersucht und auf einer Fachtagung „Medienkultur im Wandel" in Bremen präsentiert.

„Das Phänomen eines echten, öffentlichen Meinungsstreits ist in der arabischen Welt relativ neu", sagen Hartmut Wessler und Maria Röder. Ihrer Ansicht nach haben vor allem weltweit operierende arabische Sender wie Al Jazeera die „Liberalisierung der politischen Diskurskultur" bewirkt. Sie vergleichen in ihrer Studie die zwei Talkshows von Al Jazeera „The Opposite Direction" und „More Than One Opinion" mit den beiden deutschen Sendungen „Das Duell" vom Privatsender ntv und „Hart aber fair" von der ARD.

Ausgangspunkt der Inhaltsanalyse sind unterschiedliche Kommunikationsformen, die die interkulturelle Forschung Gruppen oder Völkern zuordnet. Danach bringen Deutsche ihre Anliegen zum Beispiel eher direkt vor, fallen mit der Tür ins Haus, während Araber eher blumig mit einem Smalltalk zur Beziehungspflege ein Gespräch beginnen und über Umwege zum Thema kommen. Diese und andere Unterscheidungen dienen als Hypothesen zur Analyse der Gespräche in den vier Talkshows. Emotionalität wird etwa daran gemessen, ob ein Gesprächsteilnehmer laut wird oder von der arabische Hochsprache in seinen regionalen Dialekt verfällt. Um den Einfluss des Themas auf das Verhalten der Talk-Gäste zu neutralisieren, suchten die Forscher vergleichbare Sendungen heraus, die zwischen 2007 und 2009 ausgestrahlt wurden, etwa zur Rolle von Islamisten in Großbritannien (Al Jazeera) und in Deutschland (ARD).

Ergebnis: Es gibt weniger kulturspezifische Unterschiede als vermutet. Sowohl in den arabischen als auch in den deutschen Talkshows versuchten die Teilnehmer ihre Positionen durch gründliche Argumentationen zu stützen und zeigten wenig Neigung, sich mit ihren Gesprächspartnern zu einigen. Unterschiede beim Gebrauch von Beleidigungen und in der Emotionalität zum Beispiel lassen sich nicht eindeutig auf die verschiedenen Kulturen zurückführen, sondern scheinen formatspezifisch zu sein, stellen die Forscher fest.

Spezifisch arabisch hingegen ist der Verlautbarungstil der Talkshow-Gäste. Die arabischen Gesprächsteilnehmer reden doppelt so lange wie die deutschen und werden entsprechend häufiger unterbrochen. Zudem beantworten sie die Moderatorenfragen seltener direkt. Dieser Diskursstil sei zum einen in der arabischen Tradition der öffentlichen Rede begründet, die politische Botschaften manchmal mit Dichtung verbindet. Zum anderen gebe es in autokratischen Systemen eine „geringe Notwendigkeit, auf andere einzugehen", erläutert Hartmut Wessler.

Vor diesem politischen Hintergrund erstaunt es nicht, dass vor allem Intellektuelle, Experten oder Exilanten an den arabischen Talkshows teilnehmen, aber keine Politiker. „Präsident Mubarak würde niemals bei Al Jazeera auftreten", meint Maria Röder, die einige Zeit in Ägypten gelebt hat. Viele arabische Politiker scheuten kritische Live-Sendungen und bevorzugten inszenierte Programme, in denen sie ideologisierende Monologe halten können. Die Frage ist, wie lange sie sich das noch leisten können. Denn Al Jazeera ist für arabische Journalisten so etwas wie ein Meinungsführer und beeinflusst die dortige Medienlandschaft, vermutet Röder.

Bärbel Röben

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2009: Kleidung – Wer zieht uns an?

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