Zurückgestutzt

Die Evangelische Kirche in Österreich will ihre Mittel für Entwicklungszusammenarbeit deutlich kürzen. Zugleich will sie die Steuerung der entwicklungspolitischen Arbeit enger an die Kirchenleitung binden. Die Neuorganisation geht vor allem zulasten der Hilfswerke Brot für Hungernde und Evangelischer Arbeitskreis für Weltmission (EAWM). Die werten den Schritt als Disziplinierungsmaßnahme: Im vergangenen Jahr hatte der EAWM einen Korruptionsfall in deutschen Missionswerken öffentlich scharf kommentiert und damit Verstimmungen zwischen deutschen und österreichischen Kirchen ausgelöst.

Auf einer Sitzung nach Ostern legten die Oberkirchenräte Klaus Köglberger und Karl Schiefermair einer kleinen Runde von Mitarbeitern der kirchlichen Werke im Auftrag der Synodalausschüsse ein neues Strukturmodell für die evangelische Entwicklungszusammenarbeit vor. Danach sollen die bereits in den vergangenen Jahren gekürzten Mittel für Entwicklungszusammenarbeit im nächsten Jahr von 90.000 Euro auf 45.000 Euro halbiert werden. Dieses Geld erhalten aber nicht die bestehenden Werke, sondern es soll in ein neu zu schaffendes Referat Weltmission und Entwicklungszusammenarbeit fließen und dort eine 60-Prozent-Stelle finanzieren. Das neue Referat wäre an die Kirchenleitung und die Synodalausschüsse angebunden und soll gleichzeitig den Missionsrat, die Pfarrstelle „Internationale Partnerschaft", die Betreuung der internationalen evangelischen Gemeinde in Österreich sowie die Bildungs- und Öffentlichkeitsarbeit übernehmen. Nach Einschätzung von Kennern eine Titanenaufgabe, der in 24 Wochenstunden unmöglich gerecht zu werden sei.

Die Kürzung betrifft die Stellen des EAWM-Geschäftsführers und der einzigen Referentin von Brot für Hungernde (BfH), die künftig anders finanziert werden müssen. Gleichzeitig sollen nicht mehr die Werke Projekte abwickeln, sondern eine neue bei der Kirchenleitung angesiedelte Einheit, die noch keinen Namen und keine Organisationsform hat. Jedoch sollen der EAWM, der vor allem Projekte in Afrika betreut, das an die Evangelische Frauenarbeit angegliederte Hilfswerk Brot für Hungernde sowie die Auslandshilfe der Diakonie als „Marken" vorläufig bestehen bleiben. Laut dem Plan der Kirchenleitung sollen sie sich weiter der Spendensammlung bei ihrer jeweiligen Klientel widmen und zugleich verstärkt um Kofinanzierung kümmern, etwa von der staatlichen Austrian Development Agency oder der Europäischen Union.

Dieses Modell, so eine Mitarbeiterin einer betroffenen Organisation, wurde von jemandem ersonnen, „der keine Ahnung von Entwicklungszusammenarbeit und Kofinanzierung hat". Denn die Projekte der Hilfswerke bewegen sich mit 5000 bis 10.000 Euro Jahresfinanzierung weit unterhalb der Schwelle für Kofinanzierung durch große Institutionen. Lauri Hätönen, der Geschäftsführer des EAWM, sieht schwarz für die eigene Arbeit, sollte sich die Kirchenführung mit ihren Vorstellungen durchsetzen: „Wir sind nicht sehr einverstanden damit."

Die Kirchenleitung begründet die Notwendigkeit einer neuen Struktur einerseits mit ökonomischen Sachzwängen. Andererseits war auf der nachösterlichen Sitzung von einer „möglichen Neugestaltung des Missionsauftrages und der Entwicklungszusammenarbeit in der Kirche" die Rede. Die betroffenen Werke berichten in diesem Zusammenhang über wiederholte Klagen der Kirchenleitung, sie unterstützten zu viele Projektpartner, die nicht direkt aus dem protestantischen Umfeld kommen.

Laut einem Gedächtnisprotokoll der Sitzung haben die Kirchenräte auch von einem „Vertrauensbruch" gesprochen. Für alle Beteiligten war klar, dass sich das auf eine Korruptionsaffäre bei einem Projektpartner dreier deutscher evangelischer Hilfswerke (Mission Eine Welt, Nordelbisches Missionswerk und die Arbeitsstelle Eine Welt der Kirchenprovinz Sachsen) in Tansania bezog. Das EAMW hatte diese Affäre 2008 in deutschen Medien kritisch kommentiert. Die Folge waren Zerwürfnisse zwischen deutschen und österreichischen Kirchen sowie Druck der österreichischen Kirchenleitung auf den EAWM und ein Wechsel in dessen Geschäftsführung.

Oberkirchenrat Schiefermair sprach auf Anfrage von „welt-sichten" von „Kommunikationsproblemen", die daraus resultierten, dass es in Österreich - anders als bei Kirchen anderswo - keine zentrale Stelle für Mission und Entwicklung gebe, sondern dieser Bereich an Vereine ausgelagert sei. Zur Strukturreform wollte sich Schiefermair nicht weiter äußern, weil es sich um ein laufendes Verfahren handle, dessen Ergebnis er nicht vorgreifen wolle. Er könne sich jedoch nicht erinnern, dass in der Sitzung mit den Werken das Wort „Vertrauensbruch" gefallen sei.

Vertreter der Werke werten die vorgesehene Reform übereinstimmend als Disziplinierungsmaßnahme. Dass die Öffentlichkeitsarbeit in Zukunft zentralisiert und eng an die Kirchenführung angebunden werden soll, sei ein Indiz dafür. Für Ende Juni ist eine neue Sitzung anberaumt, bei der die Mitarbeiter um die Existenz der Werke kämpfen wollen.

Ralf Leonhard

 

 

erschienen in Ausgabe 6 / 2009: Kleidung – Wer zieht uns an?