Land unter am Golf von Bengalen

Der Meeresspiegel steigt und die Wissenschaftler sind hilflos

Von Sunita Narain

In den Sundarbans an der Küste von Bangladesch spült das Wasser zunehmend die Lebensgrundlagen der Bewohner hinweg. Den Menschen bleibt nur noch die Flucht ins Landesinnere. Auch indische Wissenschaftler müssen zugeben, dass sie mit den Umweltveränderungen überfordert sind.

Mein Kollege Pradip Saha hat in Ghoramara, einer Insel im Delta der Flüsse Ganges und Brahmaputra in Bangladesch, einen Film gedreht. Er wollte verstehen, warum die Menschen in den Sundarbans über das Versinken von Landflächen klagen. Die Geschichte der Hausfrau Savita steht stellvertretend für viele. Vor zwei Jahren nahmen die steigenden Wassermassen ihr Land mit. Eine Entschädigung bekam sie nicht. Schließlich zog sie weiter in das Innere der Insel und kaufte ein neues Stück Land mit einer Unterkunft. Aber jetzt greift das Wasser wieder nach ihrer kleinen Hütte; Savita zeigt die tiefen Risse im Boden davor. Auch die Unterlagen des Dorfrats sprechen eine deutliche Sprache: In den vergangenen 20 Jahren ist die Insel von 13.800 Hektar auf 4290 Hektar geschrumpft.

Das ist nichts Ungewöhnliches oder Neuartiges. Die Inseln liegen im Mündungsgebiet der Flüsse – Erosion ist daher natürlich und unabwendbar. Sheich Lalmohan führt das Filmteam in ein großes Gewässer südlich von Ghoramara. Vom Boot aus zeigt er, wo früher seine Farm, die Schule, der Tempel und die Häuser von Verwandten standen – die gesamte Insel Lohachara ist in den 1980er Jahren versunken. Nun lebt Lalmohan in einem Flüchtlingslager auf der Insel Sagar. Die Dorfbewohner, die mit dem Leben in einem Delta vertraut sind, sehen, dass die Erosion an Tempo zulegt. Sie wissen, dass sie dem nicht mehr gewachsen sind. Sie bauen Dämme und schützen ihre Lehmbauten mit Barrieren aus Bambus. Aber das genügt nicht und kommt zu spät.

Steigt der Meeresspiegel, so dass das Land darunter versinkt? Während der Film gedreht wurde, war ich gerade in Goa, wo sich das bedeutendste indische Institut für Meeresforschung befindet. Dort suchte ich Antworten. Die Wissenschaftler gaben offen zu, dass wir bislang nur wenig über den Anstieg des Meeresspiegels an unseren Küsten wissen. Ein möglicher Anstieg könne gemessen werden, indem man die Aufzeichnungen der Gezeitenpegel analysiert, erklärten sie. Dafür seien Unterlagen aus mehr als 60 Jahren nötig.

Die Wissenschaftler A.S. Unni­krishnan und D. Shankar haben Daten zusammengetragen, die immerhin über 40 Jahre zurückreichen. Sie stammen von zehn Häfen am Indischen Ozean und am Arabischen Meer. Nach der Bereinigung von widersprüchlichen Daten blieben fünf Häfen übrig: Aden, Karatschi, Mumbai, Kochi am Arabischen Meer und Vishakhapatnam im Golf von Bengalen. Insgesamt zeigen diese Daten einen Anstieg der Meeresspiegel, der nahe am Durchschnitt dessen liegt, was weltweit beobachtet wird – zwischen 1,06  und 1,75 Millimeter pro Jahr bei einem Mittelwert von 1,29 Millimeter.

Doch sind in diesen Durchschnittswerten die Daten vom Diamond Harbour in Kalkutta und der Insel Sagar in den Sundarbans nicht enthalten, da sie aus dem Rahmen fallen: Hier zeigen die mittleren Messwerte der Gezeitenpegel enorme Veränderungen von 5,74 Millimetern pro Jahr. Die Wissenschaftler erklären diesen Zuwachs allerdings mit dem Absinken der umgebenden Landflächen. Untersuchungen zufolge senkt sich der Boden bis zu 4 Millimeter pro Jahr aufgrund plattentektonischer und anderer geologischer Ursachen, möglicherweise verstärkt durch die Entnahme von Grundwasser.

Das bedeutet, dass nicht der Meeresspiegel ansteigt, sondern das Land versinkt. Viele Fragen seien noch offen, gesteht der Leiter des Instituts S. R. Shetye. Unsere Fähigkeiten, diese Veränderungen der Erde auch nur zu verstehen, hätten gravierende Mängel und Lücken. Das liege zum Teil daran, wie Geowissenschaften und Ozeanografie unterrichtet werden. Die Lehre sei rückständig und realitätsfern.

Und was soll Savita angesichts dieser Probleme tun? Sie kann sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob der Meeresspiegel ansteigt oder das Land absinkt. Ihr Grundstück wird untergehen. Sie hat ihre Lebensgrundlage schon einmal verloren. Die einzige Möglichkeit, sich auf die Situation einzustellen und zu überleben, besteht darin, sehr weit weg zu ziehen. Aber wohin? Ist dies ein Vorgeschmack auf die Zukunft, in der die Meeresspiegel anfangen, schneller zu steigen – und zwar nicht nur vor den Sundarbans, sondern an allen besiedelten Küsten und Inseln der Welt?

Aus dem Englischen von Anna Latz

Sunita Narain ist Direktorin des Zentrums für Wissenschaft und Umwelt in Neu-Delhi und Herausgeberin der indischen Zeitschrift „Down to Earth“.

welt-sichten 8-2008

 

erschienen in Ausgabe 8 / 2008: Die Macht der Religionen
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