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Mit Interesse habe ich die Berichte zum Fleischkonsum gelesen. Beim Artikel „Die Kuh bleibt heilig“, bin ich an dem Foto der Opferzeremonie auf S. 25 hängen geblieben. Es hat mich irritiert, dass die Frau, die die Obstschale hält, unter ihrem Sari keine Bluse trägt.
Ich bin Mitglied im Verein „Partnerschaft in der Einen Welt – Hilfe zur Selbsthilfe e.V.“ und habe mich an Gespräche mit unserer indischen Partnerorganisation „CARDS“ über die Geschichte und die Situation der Dalits erinnert. Die Probleme der Dalit-Frauen sind dabei oft ein Thema.
Früher durften Dalit-Frauen keine Bluse unter dem Sari tragen. Das war eine der vielen Demütigungen unter denen die Dalits zu leiden hatten. Die Frauen wurden damit als unanständig gebrandmarkt. Dalit-Frauen mussten jederzeit zur Verfügung stehen und in ihrem unzulänglich bekleideten Zustand die Augen der höherkastigen Männer erfreuen. Dabei blieb es oft nicht. Belästigungen, Übergriffe und Vergewaltigungen waren in schockierendem Umfang eine Selbstverständlichkeit, die hingenommen werden musste. Die sog. „Unberührbarkeit“ spielte in dem Bereich keine Rolle mehr.
Polizei und Behörden versagten jegliche Unterstützung. Eine Möglichkeit, sich gegen solche Angriffe zu wehren gab es somit nicht. Hoffentlich ändert sich das jetzt gerade - auch für Dalit-Frauen. Gut, dass es heute zur Sprache kommt und nicht mehr so leicht unter den Tisch gekehrt wird, sondern als Verbrechen geahndet wird.
Den Dalits als sog. „Unberührbare“ wurde und wird der Zugang zu den Hindu-Tempeln und den Zeremonien der Höherkastigen verwehrt, Dalits haben ihre eigenen Tempel. Aber bei bestimmten Zeremonien müssen Dalits im Tempel bei verschiedenen Aufgaben dienen, Frauen z.B. als Devadasis. Unter dem Deckmantel der Religion werden schon kleine Mädchen aus dieser „Kaste“ an Tempel verkauft und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.
Nur einmal, vor einigen Jahren, habe ich bei meinen Besuchen in Indien, in einem abgelegenen, kleinen Dorf eine alte Frau gesehen, die keine Bluse getragen hat. Heute sieht man das sonst nicht mehr. Deshalb war ich schockiert, auf einem Foto, das doch wohl noch nicht so alt ist, eine Frau ohne Bluse zu sehen.
Ein solches Foto sollte man nicht unkommentiert drucken. Dalit-Frauen für solche „Dienste“ in entwürdigender Kleidung abzubilden, ist die Darstellung einer Verletzung der Menschenrechte. Es ist eine Schande, wenn Frauen sich so in der Öffentlichkeit zeigen müssen. Keine indische, höherkastige Frau würde sich freiwillig so in der Öffentlichkeit zeigen. Für uns erscheint dieser Anblick auf dem schön bunten Foto zwar in keiner Weise negativ, aber nur weil wir die Hintergründe nicht verstehen und gerade auch deshalb sollte man es thematisieren. Es ist im Übrigen nur ein Mosaikstein zum Stellenwert der Dalits, besonders der Dalit-Frauen in der indischen Gesellschaft.
Trotz vieler Benachteiligungen, denen die Dalits ausgesetzt sind, gibt es Verbesserungen, durch zahlreiche Regierungsprogramme und Projekte verschiedener NGOs, die sich für Bildung und Menschenrechte der Dalits einsetzen, wie z.B. die Colleges und die über 4.000 Nachhilfeschulen von CARDS: www.hzsh-cards.de, www.bala-bata.de.
Margit Nitsche
Partnerschaft in der Einen Welt - Hilfe zur Selbsthilfe e.V.