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Den Bau neuer oder die Modernisierung bestehender Kohlekraftwerke im Ausland auch weiterhin durch staatliche Akteure wie die bundeseigene KfW oder durch die Vergabe von Hermesbürgschaften zu fördern? Das halten wir für sehr problematisch. Der Artikel offenbart Ansichten und Argumente, die nicht einmal mehr die Weltbank vertritt und die in Zeiten des Klimawandels, fallender Preise für erneuerbare Energien und der Erfahrungen im Kampf gegen die Energiearmut in Entwicklungsländern aus unserer Sicht längst überwunden sein sollten.

Richtig ist: Die Menschen in den Entwicklungsländern haben ein Recht auf Zugang zu Energie bzw. Energiedienstleistungen. Das gilt übrigens unabhängig davon, ob sich die reichen Länder klimatisierte Sportstadien leisten oder nicht. Allerdings zeigen die Erfahrungen, dass der Bau zentraler Großkraftwerke (z.B. Kohlekraftwerke, Atomkraftwerke oder Großstaudämme) keine erfolgversprechende Strategie gegen Energiearmut in den Entwicklungsländern ist. Wie Tillmann Elliesen richtig aufführt, ist das Problem der Energiearmut im ländlichen Raum am größten. Der Grund: die fehlenden Verteilungsnetze. Ohne Netz kommt aber der Strom aus einem Kohlekraftwerk nicht zu den Menschen. Dafür müssten Regierungen oder Stromversorger neben den Investitionen in Kohlekraftwerke auch noch die teuren Leitungen legen. Ab etwa fünf Kilometer Entfernung vom Kraftwerk wird die Sache teurer als der Aufbau von dezentralen Versorgungssystemen auf Basis erneuerbarer Energien.

Ohnehin ist fraglich, ob es entwicklungsfördernd ist, in einem Land wie dem im Artikel als Beispiel aufgeführten Liberia durch die (finanzielle) Förderung des Baus von Kohlekraftwerken für den Weg in die Abhängigkeit von Kohleimporten zusätzlich Anreize zu schaffen. Selbst für Südafrika oder Indien mit ihren erheblichen eigenen Kohlevorkommen führt der Bau von Kohlekraftwerken noch lange nicht zu einer Verbesserung des Zugangs zu Energie für die in Armut lebenden Menschen. In Indien ist in den Regionen mit den meisten Kohlekraftwerken die Elektrifizierung ländlicher Haushalte im Landesvergleich am niedrigsten. Und obwohl in Südafrika etwa 90 Prozent des Stroms aus Kohle erzeugt werden, sind nach wie vor viele Haushalte nicht angeschlossen oder können sich den Strom nicht leisten, da die Verbraucher die Strompreise für die Großindustrie subventionieren. Die Menschen in beiden Ländern erleben zudem die weiteren Schattenseiten, die die Kohle als Energieträger mit sich bringt, wie Verwüstung ganzer Landstriche, Luftverschmutzung und die Beeinträchtigung der Wasserversorgung. Kohle als billige Energiequelle, die Entwicklung mit sich bringen soll, ist vor allem eine eigennützige Erzählung der Kohleindustrie, die die externen Folgekosten außen vor lässt.

Leider lässt der Artikel völlig außer Acht, dass der Bau neuer Kohlekraftwerke und auch die Modernisierung bestehender Anlagen, so sie dadurch länger am Netz bleiben können, wegen der langen Lebensdauer solcher Investitionen nicht mit dem Ziel vereinbar sind, die globale Erwärmung auf unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Das ergibt sich aus den Szenarien des fünften Sachstandsbericht des UN-Wissenschaftsrats zum Klimawandel (IPCC), nach denen weltweit die CO2-Emissionen aus dem Stromsektor bis zur Jahrhundertmitte mehr oder weniger auf null sinken müssen, um das Temperaturlimit nicht zu überschreiten. Da nicht zu erwarten ist, dass die Abscheidung und unterirdische Speicherung von CO2 in den kommenden Jahren ernsthaft einsatzfähig werden wird (dafür müsste diese Technologie neben den technischen Problemen und Risiken vor allem die mangelhafte Wirtschaftlichkeit überwinden), bleibt der Welt nur die Abkehr von der Kohle als Energieträger. Richtig ist natürlich, dass sich kein Land vorschreiben lässt, ob es sich der Kohle bedient oder nicht. Warum aber deshalb der Artikel implizit fordert, dass die KfW deswegen weiterhin die Finanzierung von Kohlekraftwerken im Ausland bereitstellen und so sozusagen bei vollem Bewusstsein die Einhaltung des Zwei-Grad-Limits untergraben sollte, erschließt sich uns nicht.

Den Kampf gegen Energiearmut zwar möglichst klimafreundlich, aber eben doch mit Kohlekraftwerken führen zu wollen, ist ein Widerspruch in sich. Wir hoffen sehr, dass Tillmann Elliesen nicht zwischen den Zeilen seines Artikels die Notwendigkeit der Begrenzung des Klimawandels gegen den berechtigen Entwicklungsbedarf in den armen Ländern ausspielen möchte, etwa durch eine implizite oder einfach nur hingenommene Aufweichung des Temperaturlimits im Namen der Entwicklungsförderung. Schon eine Erwärmung um diese zwei Grad (im globalen Durchschnitt) wird in vielen Ländern die mühselig erreichten Fortschritte im Kampf gegen die Armut zunichtemachen. Jenseits des Temperaturlimits dürfte sich infolge wiederkehrender schlimmer Dürren, massiver Zunahme von extremen Unwettern, schwindender Ökosysteme, erheblicher Beeinträchtigung der Nahrungsmittelproduktion und der Wasserversorgung weltweit das Rad der menschlichen Entwicklung zurückdrehen – da kommt dann auch der erhoffte Beitrag zur Entwicklung durch Strom aus Kohlekraftwerken nicht gegen an.

Zum Glück ist das kein unabänderliches Schicksal. Der Welt stehen die Technologien und die nötige Wirtschaftskraft zur Verfügung, die Große Transformation zu schaffen und die Welt in zunehmendem Maße mit erneuerbaren Energien zu versorgen. 100% bis 2050 sind möglich. Leicht wird das nicht, denn es erfordert Widerstand gegen die mächtige Lobby der fossilen Energien, ausreichend politischen Willen allerorten, wesentlich mehr Unterstützung der reichen Länder für die armen Länder beim Aufbau zukunftsfähiger Energiesysteme und insbesondere ein Ende der öffentlichen Förderung von Kohlekraftwerken im Ausland durch Exportkredite oder Bürgschaften (bei denen es ohnehin nicht um Entwicklung, sondern um die Förderung der Exportwirtschaft geht). Es erfordert aber insbesondere auch die Abkehr von den gestrigen Mythen über die entwicklungsfördernde Rolle fossiler Energien und die dahinter vermutlich noch stehenden alten Ängste über mögliche Grenzen der erneuerbaren Energien. Mehr visionäres Denken bitte.

Regine Richter, Referentin Internationale Finanzinstitutionen, urgewald
Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik, Brot für die Welt
Susanne Breuer, Referentin Energie / Lateinamerika, MISEREOR
Jan Kowalzig, Referent für Klimawandel und Klimapolitik, Oxfam

Mehr dazu:
„Energiearmut überwinden“, Diskussionspapier von Misereor und Brot für die Welt, 2014 (http://bit.ly/1UWEfwx)
„Keine Zukunft für die Kohle – weltweit“, Klima-Allianz Deutschland, 2014 (http://bit.ly/1rkbq1w)
„Powering Up Against Poverty: Why Renewable Energy Is The Future”, Oxfam, 2015 (http://bit.ly/1hPuW3e)