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Defizite der EKD-Erklärung

Die EKD-Erklärung "Vergib uns unsere Schuld" ist unter den Lesern der Allgemeinen Zeitung (AZ) in Windhoek, der Tageszeitung der kleinen deutschen Minderheit in Namibia, auf fast einhellige Ablehnung gestoßen. In ihrer Ausgabe vom 26.4. werden die Leser gefragt, "ob die DELK (die Deutsche Evangelisch-Lutherische Kirche) dem Beispiel der EKD folgen solle oder nicht." Das Ergebnis ist erschreckend: Nur 17 (11%) der 162 Teilnehmer antworten mit Ja und 145 (89%) mit Nein.

Ausführliche Leserbriefe bestätigen dieses Ergebnis. Man wartet auf eine öffentliche Erklärung der für die DELK verantwortlichen Kirchenleitung. Doch diese hüllt sich in Schweigen.

Die DELK ist mit ca. 5000 Mitgliedern eine Partnerkirche der EKD, die von dieser immer noch finanziell und vor allem personell durch die Entsendung von Pfarrerinnen und Pfarrern unterstützt wird. Noch heute kommt ein Großteil dieser Pfarrer aus Deutschland.

Wenn man sich das Resultat der AZ-Befragung vor Augen hält, wird man sich fragen müssen, wie es zu dieser offensichtlichen Diskrepanz der Einstellungen kommt: War das Schuldbekenntnis der EKD mit der Partnerin DELK abgesprochen und sollte vor allem der Befriedigung der LWB-Vollversammlung dienen? Oder war es nicht abgesprochen und zeigt, wie weit die 'Partner' auseinander sind, obwohl ihre Vorfahren in derselben Weise als Täter an dem Völkermord von 1904-08 beteiligt waren, die der DELK - als Siedler, Schutztruppler und Kolonialbeamte, Kaufleute, Eisenbahner und Handwerker - sogar noch unmittelbarer als die des preußischen Evangelischen Oberkirchenrats, der Vorgängerinstitution der EKD?

Doch abgesprochen oder nicht, das immer wieder beschworene besondere Vertrauensverhältnis zwischen EKD und DELK ist entweder äußerst fragwürdig oder brüchig.

Unverständlich ist auch, weswegen die EKD nicht endlich ihre exklusive Partnerschaft mit der DELK beendet und so den Weg frei macht für eine umfassendere Partnerschaft, die sie in Verbindung auch mit den Nachfahren des Völkermords bringt.

Unverständlich ist es auch, weshalb die EKD noch immer den Studienprozess von 2007-11 als Grundlage ihrer Schulderklärung ausgibt.

Hans-Martin Milk hat in einer kürzlich von der Berliner Gesellschaft für Missionsgeschichte veröffentlichten Studie nachgewiesen, dass der Studienprozess im Hinblick auf die Geschichte des Völkermords erhebliche wissenschaftliche Mängel aufweist, auch indem er die damalige deutsche Gemeinde in Windhoek und die Vorgängerinstitution der EKD zu Unrecht auf Kosten der damaligen Rheinischen Mission zu entlasten versucht.

So wirft ein Beitrag von Hanns Lessing im Studienprozess-Band der Rheinischen Missionsgesellschaft vor, an der Errichtung von Konzentrationslagern der Kolonialtruppe beteiligt gewesen zu sein. Hans-Martin Milk hat demgegenüber nachgewiesen, dass von einer aktiven Rolle der RMG bei der Errichtung von Konzentrationslagern nicht die Rede sein kann. Vielmehr zeigt sich, dass in den von Rheinischen Missionaren eingerichteten "Sammellagern" viele Hereros von einheimischen "Helfern" gerettet wurden.

Milk fragt: "Wie genau ließe sich die schuldhafte Verstrickung der Siedler und ihrer christlichen Organisationen bei einer ähnlich detaillierten Untersuchung in den kirchlichen Archiven darstellen (wie das ja im Hinblick auf die Rheinischen Missionare geschehen ist)? Warum der Studienprozess diese offensichtliche Fragestellung nicht versucht hat, durch einen Forschungsauftrag zu beantworten, bleibt klärungsbedürftig."