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Die Aussage der Frau in Hererotracht, die nach Auskunft der Redaktion welt-sichten am 14.5.2017 als Demonstrantin vor der von mehr als 9000 Teilnehmern besuchten Schlussveranstaltung im Rahmen der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds in Windhoek mit einem Schild auftritt, ist eindeutig und weitgehend: „EKD Cofession is a Lie (das Schuldbekenntnis der EKD ist eine Lüge)“. Offenbar ist diese Frau aus ihrer Situation als Nachkommin der Opfer des Völkermords und aufgrund ihrer Erfahrungen mit Mitgliedern der deutschen evangelischen Kirche zu dieser Überzeugung gekommen und wirbt mit ihrem Transparent um Zustimmung und Verständnis in Namibia für ihre Aussage.

Aber auch wenn man in Deutschland das späte Zustandekommen der Schulderklärung kurz vor der Vollversammlung des Lutherischen Weltbunds, wenn man die Zurückhaltung und das Schweigen der EKD-Verantwortlichen in der Frage der deutschen Schuldverantwortung am Völkermord in Namibia gegenüber der eigenen Regierung, der deutschen Öffentlichkeit, ja selbst gegenüber der eigenen Synode im November 2017 bemerkt hat, kann man das späte Bekenntnis der EKD-Verantwortlichen, gemessen an den großen „aus tiefsten Herzen“ kommenden Worten der Schulderklärung als verlogen empfinden.

Dazu kommt, dass der Text der Schulderklärung im Einzelnen so viele Unstimmigkeiten enthält, dass man an seiner Glaubwürdigkeit zusätzlich zweifeln kann.
1. In der Schulderklärung wird behauptet, die von der Vorgängerorganisation entsandten Pfarrer hätten sich „bis auf wenige Ausnahmen“ dem Völkermord nicht entgegengestellt. Tatsächlich waren zwischen 1900 und 1910 drei deutsche Pfarrer in Windhoek oder Namibia tätig, zwei vom Preußischen Oberkirchenrat und einer vom Kaiser und Preußischen König Wilhelm II. als Militärpfarrer entsandt. Von denen ist bekannt, dass sie voll und ganz hinter der deutschen Kolonialpolitik standen.
2. Die zu pastoralen Dienst an den deutschen Siedlern und Schutztruppen entsandten Pfarrer werden in dem Schuldbekenntnis in äußerst negativen Farben geschildert und aus theologischen Gründen zu Hauptschuldigen gemacht. In dem aufwendigen, sich über insgesamt sieben Jahre erstreckenden Studienprozess, der in dem Schuldbekenntnis als entscheidender Beitrag der EKD zur Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit aufgeführt wird, werden die drei Pfarrer im Sammelband des Studienprozesses nicht oder nur beiläufig erwähnt und nicht in Zusammenhang mit dem Völkermord gebracht.
3. Als Entlastung oder Entschuldigung werden vorangegangene Schulderklärungen angeführt, die aber alle nicht von der EKD, sondern von anderen Gruppierungen in Deutschland oder Namibia ausgegangen sind.

Es gilt, was in einer öffentlichen Erklärung des Lutherischen Weltbunds am Schluss der Vollversammlung in Windhoek im Mai 2017 zur Versöhnung im Zusammenhang mit dem Völkermord in Namibia gesagt worden ist: „Erst wenn die Wahrheit gesagt und Gerechtigkeit gesucht ist, kann tatsächliche Versöhnung über den Schmerzen der Vergangenheit stattfinden.“

Die Auslandsbischöfin der EKD, Petra Bosse-Huber, hat bei der EKD-Reise nach Namibia im März dieses Jahres vor allem mitbekommen, „wie mühsam und schmerzhaft die Aufarbeitung des Genozids in Namibia ist.“ Dass die notwendige Aufarbeitung des Genozids in Deutschland, vor allem aber in der EKD noch kaum begonnen hat, wird von ihr nicht thematisiert. Nach Bosse-Huber „können wir von außen nur eine begrenzte Rolle spielen“. In Wirklichkeit ist die EKD durch ihre besondere koloniale Verflechtung, verbunden mit anhaltender personeller und finanzieller Unterstützung der Deutschen Evangelisch-Lutherischen Kirche (DELK), schon seit Jahrzehnten an den Vorgängen in Namibia in hohem Maße beteiligt. Die Auslandsbischöfin will „nun aus ihrer engen Perspektive herauskommen“ und mithilfe des Council of Churches of Namibia (CCN) die überkonfessionelle Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche in Namibia und Deutschland suchen. Das schließt auch die Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche in Namibia und Deutschland mit ein. Eine besondere privilegierte Unterstützung einer reichen deutschen Minderheitskirche in Namibia ist von daher nicht mehr zu vertreten. Was der Mainzer Arbeitskreis Südliches Afrika (MAKSA) schon seit über 45 Jahren erwartet, die Beendigung dieser kolonialen Beziehung, kann nicht mehr auf die lange Bank geschoben werden.