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Die vier Narrative von Mike Hulme zeigen das Dilemma, dass „die Moral der Zahlen moralisches Denken verdrängt, das sich nicht auf Berechnungen herunterbrechen lässt“. Das gilt ebenso für die Bewältigung der Corona-Krise, die ja eng mit der Klimakrise verbunden zu sein scheint...

Merkwürdigerweise hat der antiglobale Impuls durch das Isolationsgebot der Corona-Krise mit den geschlossenen Grenzen, welches plötzlich die Emissionsbelastung unseres Planeten schlagartig verringert hat, eine Parallele zum Klimawandel, der ja auch lokale Kreativität als Denkmodell fordert. Der Ausgangspunkt und Schwerpunkt der Corona-Krise scheint bis jetzt jedenfalls mehr in den reicheren Ländern mit industrieller Wirtschaftsstruktur zu sein, sind doch die Fallzahlen bisher der ärmeren Agrarländer wie in Afrika vergleichsweise gering. Parallel dazu ist der Klimawandel eindeutig von den Industrieländern verursacht, genauso wie die „Krankheit der Reichen“.

Zu Al Gores „Wege zum Gleichgewicht“: Die globale Angst vor der Zukunft, ausgelöst, bzw. verstärkt durch die „Klimakrise“, hält Al Gore in seinen Ausführungen den Glauben entgegen, „sich ausliefern aus freien Stücken an eine spirituelle Realität, die größer ist als wir selbst“( S. 375). „Für die Zivilisation als Ganzes ist der Glaube, dass es notwendig ist, das fehlende Verhältnis zur Erde wieder herzustellen, zugleich der Glaube, dass wir eine Zukunft haben.“

M. E. ist es jedoch gefährlich, die berechtigte ‚Angst vor der Zukunft‘ durch einen etwas nebulösen Glauben zu instrumentalisieren, hofft Al Gore doch, mit der Religion, der sich der größte Teil der 3. Welt mehr verpflichtet fühlt als dem Kapitalismus, die religiösen Institutionen (Kirche) mit ins Boot zu nehmen, was schon hervorragend gelungen ist, da sich diese in den jungen Klimaschützern viele neue Schäflein erhofft. Die ganze Klimadebatte rückt damit jedoch in die Nähe metaphysischer, fundamentalistischer und fanatischer Theorien. Sicher können wir uns vor extremen Wetterbedingungen durch entsprechende technologische Maßnahmen und Systeme schützen, sich jedoch einzubilden, der Mensch hätte die Macht, durch konzertierte Aktionen wie CO2-Zertifikate und CO2-Bepreisung das „Klima zu schützen“, ist eine hybride Vorstellung...

Dass die Klimadebatte inzwischen zum Geschäftsmodell gigantischen Ausmaßes geworden ist, geht sicher nicht allein zulasten Al Gores. Er hat aber durch sein ‚Glaubensbekenntnis‘ nicht nur zu einem größeren Verständnis zwischen Mensch und Umwelt ( Natur) beigetragen, sondern auch zu einem absolutistischen, fanatischen und teilweise hysterischen Umgang mit dem Klimathema, was leider die weltweite Spaltung der Gesellschaft hervorgerufen hat, in einerseits katastrophenbeschwörende Klimaaktivisten (5 nach 12) und in Klima-Ignoranten, die die zunehmenden Einschränkungen und Verbote durch neue Umweltstandards für übertrieben und kontraproduktiv halten und in Zweifel ziehen.

Der verantwortliche Umgang mit der Natur (und dem kostenlosen ‚Naturarbeiter‘ zwischen Kapital und Arbeit ) ist nicht nur das Gebot der Stunde, sondern das rissig gewordene Fundament menschlicher Existenz geworden. Inwieweit die Rettung des Menschen in einem kapitalistischen System, „dem die Tendenz eigen ist, den Menschen in ein Objekt, eine Ware zu verwandeln“, *möglich ist, wird die Zukunft zeigen. „ Die Sklaven der entwickelten industriellen Zivilisation sind sublimierte Sklaven, aber sie sind Sklaven, denn den Sklaven erkennt man nicht an seinem Gehorsam, und nicht an der Härte seiner Arbeit, sondern an seiner Erniedrigung zum Werkzeug und an seiner Verwandlung von einem Menschen in eine Sache.“ ) **

*Joachim Israel: der Begriff Entfremdung, Reibek 1972 rororo, S. 311 ( das Problem der Verdinglichung)
** H. Marcuse, der eindimensionale Mensch, Berlin 1968 S. 52