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Lieber Herr Ludermann, danke für Ihren wie immer sehr differenzierten Kommentar.
Der Reflex, schnell etwas gegen diese Aggression zu tun, liegt wirklich nahe - und auch ich habe mich bei einer gewissen Genugtuung ertappt, als unsere Regierung ihr 100-Milliarden-Paket hervorgewuchtet hat. Allerdings: Das hilft niemandem - der Ukraine jetzt gar nicht, dem Frieden allgemein nicht und unserer Sicherheitslage auch nicht, obendrein werden aus diesem Reflex heraus andere nötige Ziele (etwa der Klima- und Umweltschutz) hintenan gestellt. Das bemerkens- und bedauernswerte Einbrechen der Grünen stimmt nachdenklich: Immer, wenn sie an Regierungen beteiligt sind (oder in diese Nähe kommen), drehen sie bei, was ihre Umwelt- aber auch ihre Friedensziele angeht. Das kann man (mit einem gewissen Zynismus) „Pragmatismus“ nennen, es ist aber besorgniserregend, würde doch jetzt eine deutliche Stimme in Richtung Abrüstung und Frieden innerhalb der Regierung hilfreich sein. (Wie man als Kleinstpartei resolut seine Ziele durchboxt, zeigt ja regelmäßig die FDP - daran kann es also eigentlich nicht liegen...)
Mich machen Berichte von Kriegsopfern nachdenklich, deren Ortschaften "zwischen die Fronten" geraten sind: Wenn es da keine Gewalt und eben auch Gegengewalt gäbe, wären die ja womögl. verschont geblieben. So sehr man intuitiv eine militärische Verteidigung rechtfertigen möchte - sie führt auch nur zu mehr Gewalt, mehr Opfern, mehr Leid... Leider ist es in der Geschichte m.W. selten versucht worden, gewaltfrei auf eine Aggression zu reagieren, so dass man da keine deutlichen Präzedenzfälle hat bzw. finden die bezeichnenderweise kaum Eingang in die Geschichtsbücher, in denen ja immer noch Gewaltherrscher und Kriegstreiber als "große" Staatsmänner gefeiert werden. Allerdings besagt ja z.B. die sogen. Chenoweth-Studie, dass "gewaltfreie Aufstände in betrachteten 323 Konflikten im Zeitraum 1900 bis 2006 weltweit fast doppelt so wirksam waren wie gewaltsame Methoden." Das sollte man bedenken.
Auch die simple Schwarz-Weiß-Malerei von Freund und Feind, Gut und Böse hilft wenig: Jeder Mensch ist sowohl gut als auch böse, und kein politischer Konflikt entsteht plötzlich und nur aus dem Hirn eines Einzeltäters, also muss man immer auch die Gegenseite in ihren Motivationen zu verstehen suchen, um wirkliche Lösungen finden zu können (da ist das despektierliche Wort vom "Putin-Versteher" kontraproduktiv). Es ist auch schade, dass die jahrzehntelangen Bemühungen um diplomatische Lösungen jetzt oft rundheraus schlechtgeredet werden. Man muss (wie Sie es in Ihrem Kommentar tun) die Fehler des Westens klar benennen, mehrfach wortbrüchig geworden zu sein, die Sorgen Rußlands eben nicht ernst genommen zu haben und wohl vor allem wegen lohnender Geschäfte manchen Aggressionen Putins gegenüber mehr als ein Auge zugedrückt zu haben. Aber miteinander reden kann nie verkehrt sein - zumindest ist es besser als mit Waffen aufeinander zu zielen.
Die 100 Mrd. sollte man besser und sicher wirksamer in Friedens- und Deeskalationsinitiativen stecken: International, national und ganz direkt bei uns BürgerInnen. Denn Frieden würde bei jedem einzelnen anfangen - und wenn man bedenkt, wieviel aggressive und gewalttätige Rhetorik sich so ausbreitet (nicht erst in den un-sozialen Medien), dann gibt es da eine Menge zu tun....
Mit herzlichen Grüßen,
Friedemann Neef