28.03.2014

Iranische Lebenswege

Christina Ayazi
Should I Stay or Should I Go
Iranische Absolvent/innen deutscher
Hochschulen. Perspektiven und Lebenswege
World University Service,
Wiesbaden 2013, 332 Seiten,
4 Euro zzgl. Versandkosten

Über Migration wird viel diskutiert – Deutschland braucht mehr Zuwanderung angesichts des Fachkräftemangels, aber auch die Herkunftsländer sind dringend auf hochqualifizierte Frauen und Männer angewiesen. Christina Ayazi hat sich in ihrer Dissertation die Lebenswege von Iranerinnen und Iranern angeschaut, die in Deutschland studiert haben. 

Der Iran hat in den vergangenen 40 Jahren viele Umbrüche und Krisen erlebt. Zahlreiche Menschen, darunter Akademikerinnen und Akademiker, sind ausgewandert, weil sie Verfolgung durch das Regime befürchteten oder auf bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen im Ausland hofften. Laut dem Internationalen Währungsfonds gehört der Iran zu den Ländern, aus denen die höchste Zahl an Intellektuellen auswandert. Forschungen über den Lebensweg von hochqualifizierten Migranten, ihre Karrieren, sozialen Netzwerke, ihr Wirken in den Gesellschaften, in denen sie leben, stehen noch weitgehend aus. Die vorliegende Arbeit will hier eine Lücke schließen.

Ziel der Erhebung ist es, mit Hilfe von Interviews die Vielfalt der Erfahrungen und Vorstellungen aus Sicht der Iranerinnen und Iraner, die an deutschen Hochschulen studiert haben, zu dokumentieren und Einblick in individuelle Migrationsverläufe und ihre Lebenswirklichkeit zu erhalten. Welche Faktoren und Motive sind wichtig für die Entscheidung, nach dem Studium in Deutschland zu bleiben oder in den Iran zurückzukehren?

Vielen fällt es schwer, im Iran zu leben

So stehen der Wunsch, mit der Familie zu leben, und die Verbundenheit mit dem Herkunftsland bei vielen im Vordergrund, wenn sie sich entscheiden, in den Iran zurückzukehren. Anderseits ist es für viele aufgrund der politischen Lage schwer, im Iran zu leben, und sie haben die Hoffnung auf eine Veränderung verloren. Bei der Entscheidung, in Deutschland zu bleiben, spielt die Integration in die deutsche Gesellschaft und den Arbeitsmarkt eine entscheidende Rolle.

Die Interviews werden dokumentiert und ausgewertet, die Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartner werden in kurzen Porträts vorgestellt. Die Autorin stellt zudem Bezüge zu anderen Untersuchungen her und kommt zu Schlussfolgerungen für die Praxis. In diesem Teil geht sie auf die Programmpolitik im Rahmen der Internationalisierung der Hochschulen und die erziehungswissenschaftliche Praxis bei der Begleitung von hochqualifizierten Migranten ein und gibt Empfehlungen für einzelne Politik- und Arbeitsbereiche. Sie rät, an den Universitäten und in Studienbegleitprogrammen Räume zu schaffen, in denen die Erfahrungen und die Entscheidungen beim Übergang vom Studium in den Beruf geteilt und reflektiert werden können.

Die Arbeit zeigt die individuellen Sichtweisen und zugleich die kollektiven Merkmale der Lebenssituation von iranischen Hochschulabsolventinnen und -absolventen auf. Die Publikation ist allen zu empfehlen, die an der Migrationsdebatte interessiert sind. Sie stellt einen wichtigen Beitrag in der Hochschul-, Migrations- und Integrationsforschung dar. (Dieter Hampel)

Erschienen in welt-sichten 4-2014


 

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