Rückkehr von 6,3 Millionen Menschen setzt Afghanistan unter Druck

Millionen Menschen kehren nach Afghanistan zurück, doch die internationale Unterstützung für das Land schwindet: UNHCR-Landeschef Jamal warnt vor verheerenden Folgen von perspektivlosen Rückkehrenden - und fordert mehr Investitionen.

Berlin - Afghanistan steht aus Sicht des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) durch die Rückkehr von Millionen geflüchteter Menschen vor einer beispiellosen Herausforderung. Gleichzeitig schwindet die internationale Unterstützung für das Land. „Seit 2023 sind rund 6,3 Millionen Afghaninnen und Afghanen ins Land zurückgekehrt“, sagte UNHCR-Landesvertreter Arafat Jamal dem Evangelischen Pressedienst (epd) in Berlin. Doch statt mehr Hilfe für das Land werde finanziell massiv gekürzt: „Wir mussten 200 von 400 Stellen im Land abbauen“, kritisierte Jamal.

Die hohe Zahl an zurückgekehrten Geflüchteten entspreche 15 Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie berge das Risiko, die ohnehin instabile Situation im Land weiter zu verschärfen. Vielerorts leide die afghanische Bevölkerung an Armut und Mangelernährung und sei Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt, berichtet Jamal. Zugleich würden rund 60 Prozent der Rückkehrenden unter Zwang aus dem Iran und Pakistan über die Grenzen geschickt, ohne Wohnung, Geld oder Dokumente.

Weltgemeinschaft handele bei Afghanistan „sehr kurzsichtig“

Besondere Sorge bereitet Jamal die fehlende Perspektive für junge Männer. Viele Rückkehrer hätten auch nach Monaten kein Einkommen. „Dann suchen sie natürlich nach anderen Möglichkeiten, ihre Familie zu versorgen“, sagte Jamal. Ein Weg sei die erneute Ausreise in den Iran oder nach Europa. Andere schlössen sich militanten Gruppen an. „Es gibt Gerüchte, dass diese Gruppen 500 Dollar pro Monat anbieten. Das ist in Afghanistan viel Geld“, sagte der UNHCR-Landesvertreter.

Jamal kritisierte zugleich die internationale Haltung gegenüber Afghanistan. „Ich glaube, die Welt handelt sehr kurzsichtig, wenn sie Afghanistan ignoriert“, sagte er. Die Geschichte habe gezeigt, dass das Land am Hindukusch immer ein Knotenpunkt internationaler Interessen gewesen sei. Letzten Endes sei es auch in europäischem Interesse, sich mit Investitionen für eine langfristige Stabilisierung in Afghanistan einzusetzen und neue Fluchtbewegungen vorzubeugen.

UNHCR-Landeschef: Niemand sollte durch eine Abschiebung in Gefahr gebracht werden

Mit Blick auf die von der Bundesregierung forcierten Abschiebungen nach Afghanistan warnte der UNHCR-Landeschef vor politischer Verfolgung. Frauen, Angehörigen von Minderheiten, ehemaligen Regierungsmitarbeitenden und weiteren Gruppen drohe nach ihrer Rückkehr Gewalt. Insgesamt betrachtet sollten „Menschen freiwillig nach Hause zurückkehren können und nicht dazu gezwungen werden“, betonte Jamal.

Trotz der schwierigen Lage in Afghanistan äußerte Jamal auch etwas Zuversicht. „Meine Hoffnung liegt vor allem bei den Afghanen selbst.“ Viele Menschen seien fest entschlossen, beim Wiederaufbau des Landes zu helfen. Zugleich gebe es eine beeindruckende Bereitschaft in der gesamten Bevölkerung, zurückgekehrte Afghaninnen und Afghanen aufzunehmen. 

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