Jedes Jahr am ersten Freitag im März kommen rund um den Globus Millionen Christinnen in ihren Gemeinden zusammen und feiern einen Gottesdienst, den Frauen aus einem vorher ausgewählten Land vorbereitet haben. Allein in Deutschland sollen es nach Angabe des Deutschen Komitees für den Weltgebetstag 800.000 Frauen sein, die regelmäßig beim Weltgebetstag dabei sind.
Mal kommt die Liturgie aus einem Pazifikstaat wie Vanuatu 2021 oder den Cookinseln 2025, mal aus Afrika (Simbabwe 2020, Nigeria 2026), mal aus Asien (Taiwan 2023, Palästina 2024) und immer wieder auch aus Südamerika oder der westlichen Welt. Die Themen ihrer Gottesdienste legen die Frauen aus dem jeweiligen Schwerpunktland fest.
Häufig geht es um die Herausforderungen ihres Alltags, etwa die Ungerechtigkeit patriarchaler Strukturen und häusliche Gewalt. Oder um den harten Alltag von Müttern, die ihre Kinder versorgen müssen, auch wenn kein Geld da ist. Von Töchtern, die ihre kranken Eltern versorgen, weil es sonst niemand tut. Oder von Frauen, deren Männer im Gefängnis oder verschwunden sind, aus welchen Gründen auch immer. Solche Themen betreffen Mädchen und Frauen überall auf der Welt.
Den Kirchenleitungen bei Tabu-Themen weit voraus
Früh hat der Weltgebetstag auch Tabus berührt. Lange vor ihren Kirchenleitungen etwa haben Christinnen in Afrika das Thema Aids angesprochen. Auch zu anderen politischen Fragen arbeitet der Weltgebetstag schon seit vielen Jahren, etwa zu den Folgen des Kolonialismus, den hässlichen Seiten des Kapitalismus weltweit wie Landgrabbing, Umweltzerstörung und Klimawandel.
Der Weltgebetstag geht auf den ersten „World Day of Prayer“ am 4. März 1927 zurück, zu dem der Verband der Frauenwerke für Äußere Mission in den USA und Kanada eingeladen hatte. In dieser Organisation waren die sogenannten Frauenmissionswerke der verschiedenen protestantischen Kirchen vertreten, die Spenden für die Missionsarbeit in Übersee sammelten und Lehrerinnen oder Krankenschwestern als Missionarinnen entsendeten.
Gemeinden aus 120 Ländern und ein breites Spektrum von Konfessionen
In den Anfangsjahren hatte der Weltgebetstag noch kein Schwerpunktland. Gebetet wurde für die Missionsarbeit an sich, für den Frieden, für die Stärkung der Frauen in den Kirchen und für die Solidarität untereinander. Doch bereits 1930 wurde Korea sogenanntes Themenland. Bis heute wurden in mehr als 80 verschiedenen Ländern Weltgebetstags-Liturgien vorbereitet. Manche Länder wie die USA, Indien, Irland, Südafrika, China oder Palästina waren schon zwei Mal oder noch häufiger dran.
Autorin
Katja Dorothea Buck
ist freie Fachjournalistin für Religion und Politik und ständige Mitarbeiterin von „welt-sichten“.Heute feiern Gemeinden aus 120 Ländern mit. Auch das Spektrum der Konfessionen hat sich verbreitert: Ursprünglich von protestantischen Frauen ins Leben gerufen, feiern heute orthodoxe, katholische, evangelische, charismatische und in anderen Freikirchen organisierte Christinnen alljährlich den Weltgebetstag.
Das internationale Weltgebetstagskomitee in New York ist mit Frauen aus aller Welt und allen Kirchen besetzt. Die Hauptversammlung, zu der alle zehn Jahre Vertreterinnen der nationalen Weltgebetstagsteams zusammenkommen, legt fest, aus welchen Ländern die künftigen Gottesdienstordnungen kommen sollen. 2028 wird es Costa Rica sein, danach Italien, Nepal und dann Jamaika.
Eine typische Frauenbewegung – aber keine Spielwiese für Frauen
Auch wenn beim Weltgebetstag mittlerweile vielerorts einige Männer mit dabei sind, bleibt er eine typische Frauenbewegung, ehrenamtlich getragen und unabhängig von kirchlichen Strukturen. Unabhängigkeit bedeutet im Umkehrschluss, dass die Bewegung von Spenden abhängig ist. Auch gehören die Verantwortlichen nicht unbedingt zu denjenigen, die in den verfassten Kirchen oder in den Gemeinden das Sagen haben.
Manche Beobachter tun den Weltgebetstag als bedeutungslos ab oder belächeln ihn als „typisch kirchliche Frauenarbeit“: Man singt Lieder aus anderen Ländern, tanzt vielleicht noch dazu und probiert sich im Kochen exotischer Speisen – eine Spielwiese für Frauen, die sich selbst verwirklichen und niemandem wehtun wollen. So das Klischee.
Bei den Vorbereitungstreffen zum Weltgebetstag, die je nach Ortsgruppe ausführlicher oder weniger ausführlich gestaltet werden, wird in den Gemeindehäusern tatsächlich viel gesungen, manchmal getanzt und oft gekocht. Und verletzen will man auch niemanden. Dass sich aber Frauen (und Männer) mit ganz unterschiedlichen beruflichen und privaten Hintergründen rund um den Globus mit Themen wie Kolonialismus, Apartheid oder Migration beschäftigen, die sie in ihrem Alltag vielleicht nicht direkt betreffen, sollte nicht kleingeredet werden. Denn wer sich mit der Lebenssituation von Menschen in einem fremden Land befasst, hört Nachrichten auf einmal anders und ordnet Informationen anders ein. So können sich neue Sichtweisen eröffnen.
Der Klimawandel im Pazifik erhielt auf einmal ein Gesicht
2021 zum Beispiel, als es in Deutschland noch keine Flut im Ahrtal gegeben hatte und sommerliche Waldbrände noch nicht die Schlagzeilen in Europa beherrschten, konfrontierten die Frauen aus dem kleinen pazifischen Inselstaat Vanuatu alle mitfeiernden Frauen mit der Unerbittlichkeit des Klimawandels. Was heißt es konkret, wenn ein durch den Klimawandel verstärkter Zyklon die Existenz einer ganzen Nation bedroht?
Über die Frauen in Vanuatu erhielt der Klimawandel im Pazifik auf einmal ein Gesicht. Und Millionen Menschen auf der Welt begannen zu ahnen, welche Auswirkungen der westliche Lebensstil auf andere Völker hat, die traditionell von und mit der Natur leben und nichts zum Klimawandel beigetragen haben.
2024: Heftige Kontroversen über die palästinensische Liturgie
Dass diese Form der Bildungsarbeit den Weltgebetstag in stürmisches Fahrwasser bringen kann, zeigte sich 2024, als die Gottesdienstordnung von Frauen aus Palästina kam. Sie berichteten von den Demütigungen, Einschränkungen und der Gewalt, welche sie täglich durch die israelische Besatzung erleben müssen. Die Enteignungen und Vertreibungen während der Staatsgründung Israels 1948 (Nakba) und die seit 1967 andauernde Besatzung sollten zentrale Themen im Gottesdienst sein und sich in den Liedern, Gebeten und Bibeltexten spiegeln.
In Deutschland stieß das bei einigen Theologinnen und Theologen sowie Verantwortlichen in den Kirchen auf Vorbehalte, zumal nach dem Massaker der Hamas an fast 1200 Menschen in Israel am 7. Oktober 2023. Sie kritisierten die palästinensische Liturgie heftig und warfen den Autorinnen Antisemitismus vor. Das deutsche Weltgebetstagskomitee sah sich gezwungen, die Liturgie noch einmal zu überarbeiten – sehr zur Entrüstung eines großen Teils der beteiligten Frauen in Deutschland und der palästinensischen Autorinnen, die sich verletzt und bevormundet fühlten. Bevormundung passt nun mal so überhaupt nicht zu einer ökumenischen Bewegung.
2027 wird es kein Schwerpunktland geben. Das internationale Komitee hat beschlossen, selbst die Gottesdienstordnung zu schreiben und sie unter das Thema „100 Jahre Weltgebetstag“ zu stellen. Es könnte ein guter Anlass sein, sich in einer Welt der Kriege, der Polarisierung und schrumpfenden internationalen Zusammenarbeit des Werts der weltweiten Ökumene zu vergewissern.
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