Kampfthema Abtreibung: Brasilien vor der Stichwahl

Das Beenden einer Schwangerschaft ist in Brasilien nur in wenigen Fällen möglich. Dem Präsidentschaftskandidaten Bolsonaro geht aber schon das zu weit.

Salvador da Bahia - Suely hat eine schlaflose Nacht hinter sich. Heute soll sie die Bestätigung bekommen, dass alles vorbei ist. „Ich bereue es nicht“, sagt die 20-Jährige. „Es ist nicht so, wie die Sozialarbeiterin vorhergesagt hat“. Suely heißt in Wirklichkeit anders und lebt in einer nordostbrasilianischen Großstadt. Sie hat - wie jedes Jahr rund 1,8 Millionen Brasilianerinnen - abgetrieben.

Das Thema polarisiert die brasilianische Gesellschaft - gerade auch im Wahlkampf zwischen dem linksgerichteten Präsidenten Luis Inácio Lula da Silva und seinem rechtspopulistischen Kontrahenten Flávio Bolsonaro. Am kommenden Sonntag entscheidet sich in einer Stichwahl, wer das größte Land Südamerikas in den nächsten vier Jahren regiert. Während Bolsonaro deutlich Stellung für ein Abtreibungsverbot bezieht, vermeidet Lula eine klare Position. Persönlich sei er aber dagegen, sagte der Staatschef in der Vergangenheit.

Abtreibung nur sehr eingeschränkt möglich

Abtreibung ist in Brasilien nur in drei Fällen straffrei: bei Gefahr für das Leben der Mutter, bei schweren Fehlbildungen des Fötus und wenn die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung entstand. Ein Abbruch kann dann kostenlos im öffentlichen Gesundheitssystem vorgenommen werden.

Jede siebte Brasilianerin bis zu 40 Jahren hat laut einer nationalen Studie bereits mindestens einmal abgetrieben, mehr als die Hälfte war beim ersten Mal keine 19 Jahre alt. Mehr als 200.000 Frauen werden jedes Jahr zur Vollendung illegal begonnener Eingriffe oder wegen deren Folgen stationär in öffentlichen Krankenhäusern aufgenommen. Vor allem afrobrasilianische Mädchen und Frauen schlucken Giftpflanzen und sogar Rattengift, um abzutreiben, fand eine Untersuchung des Forschungsinstituts Iyaleta von 2023 heraus.

Sex unter Bedrohung ist Gewalt

„Ich wollte heimlich nach Kolumbien fahren“, erzählt Suely. Im Internet fand sie eine Organisation, die Frauen dabei unterstützt abzutreiben. Auf ihre Anfrage bekam sie Nachricht von der Gründerin von „Milhas pela vida das Mulheres“ (Meilen für das Leben der Frauen), Juliana Reis. „Suely gab an, der Geschlechtsverkehr sei einvernehmlich gewesen“, erinnert sich diese. „Aber auf die Frage, ob Gewalt im Spiel gewesen sein könnte, hat sie mit vielleicht geantwortet.“

Ihr Ex-Freund wollte die Trennung nicht, sagt Suely. Er überwacht sie wochenlang, droht, sich umzubringen. Zwei Monate lang erträgt Suely Beleidigungen, Kontrolle und schmerzhaften Sex, bekommt nachts Angstattacken. Dann merkt sie, dass sie schwanger ist. „Sex unter Bedrohung ist eine Gewaltsituation“, erklärt Reis. Damit dürfe sie gesetzlich abtreiben. Fehlendes Wissen zählt zu den Hauptgründen dafür, dass Brasilianerinnen ihr Recht auf einen legalen Schwangerschaftsabbruch nicht wahrnehmen.

Kirchen und Rechtsextreme wollen Gesetz aushebeln

In der Klinik, die Suely aufsuchte, habe ihr die Sozialarbeiterin den Eingriff ausreden wollen. „Sie hat gesagt, ich müsse Jesus akzeptieren und meine Eltern würden mir schon helfen.“ 29 Prozent der Brasilianerinnen und Brasilianer gehören Pfingstkirchen an, mehr als 56 Prozent bezeichnen sich als katholisch. Die Kirchen versuchen ebenso wie rechtsextreme Politiker, das Gesetz auszuhebeln.

Während der Amtszeit des Ultrarechten Jair Bolsonaro (2018-2022), dem Vater des Präsidentschaftsanwärters Flávio Bolsonaro, galt als Richtlinie ein Dekret zum „Schutz des Lebens ab dem Zeitpunkt der Empfängnis“. Präsident Lula schaffte die Bestimmung wieder ab.

Täglich 450 Entbindungen von Unter-14-Jährigen

„Unter der Rechten haben wir in vier Jahren Fortschritte von 20 Jahren eingebüßt“, sagt der Leiter eines öffentlichen Krankenhauses, das Abtreibungen vornimmt, Amado Nizarala, mit Blick auf die Amtszeit Jair Bolsonaros. Vor allem in kleinen Orten würden Schwangere zu wenig über ihre Rechte informiert, Kinderschwangerschaften und sexuelle Gewalt sollen als normal gelten.

Laut der Initiative Observatório Criança Não é Mãe (Beobachtungsstelle Kinder sind keine Mütter) gebären in Brasilien jeden Tag 450 Mädchen unter 14 Jahren. Deutlich weniger treiben ab, schätzt die Anwältin Leticia Vella, die das „Feministische Kollektiv Sexualität und Gesundheit“ leitet. „Die extreme Rechte engagiert sich für das Leben“, sagt Vella. „Aber wenn das Leben geboren ist, kümmert sie sich nicht mehr darum.“ Suely hat schließlich mit Hilfe eines Medikaments abgetrieben, in einer staatlichen, von der Frauenrechtsorganisation „Milhas“ empfohlenen Klinik.

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