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Schützt der MSC die Fischbestände?

Die Fischbestände in den Weltmeeren schrumpfen bedrohlich; die Fangflotten ziehen weltweit täglich zu große Mengen an Land. Aber nicht alle Fischarten und Fangregionen sind gleichermaßen betroffen. Deshalb haben der World Wide Fund (WWF) und der Nahrungsmittelkonzern Unilever den Maritime Stewardship Council (MSC) geschaffen, der seit 1999 als unabhängige Organi­sation Fischereiunternehmen zertifiziert, die bestimmte Umweltstandards erfüllen. Taugt das MSC-Siegel als Orientierungshilfe für Verbraucher, die weiter Seefisch genießen und zugleich die Weltmeere schützen wollen?

Pro: Die Macht der Verbraucher nutzen

Von Gerlinde Geltinger

Der MSC ist eine gemeinnützige Einrichtung, die das weltweit führende Ökosiegel für nachhaltig gefangenen Fisch verwaltet. Gemeinsam mit Wissenschaftlern, Fischereiexperten und Umweltschutzorganisationen hat der MSC eine Definition für „Nachhaltige Fischerei“ geschaffen, die auf einem breiten Konsens beruht und eine umfassende ökologische Beurteilung von Fischereien ermöglicht. Betriebe, die den MSC-Standard erfüllen, dürfen ihren Fang mit dem blauen MSC-Logo kennzeichnen. Das Siegel ermöglicht es Verbrauchern, nachhaltig gefangenen Fisch auf einen Blick zu identifizieren und über den Kauf der Produkte verantwortungsbewusste Fischereien zu belohnen.

Das MSC-Programm erfüllt vollständig die Richtlinien der Welternährungsorganisation (FAO) zur ökologischen Kennzeichnung von Fisch aus marinen Fischereien. Diese Richtlinien fordern von Zertifizierungsprogrammen unter anderem, dass sie unabhängig, objektiv und transparent sind, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen und drei Aspekte berücksichtigen: Den Zustand des Fischbestandes, die Auswirkungen der Fischerei auf das Ökosystem und das Management der Fischerei. Ein gutes Management ist eine  Grundvoraussetzung, um Fischbestände nachhaltig zu bewirtschaften. Zudem wird geprüft, ob die Fischerei sich an internationale, nationale und regionale Gesetze hält und auf neue Rahmenbedingungen flexibel reagieren kann. Der MSC hat darauf hingearbeitet, die FAO-Richtlinien vollständig zu erfüllen, und mehrere Studien bestätigen, dass der MSC das einzige Programm verwaltet, das mit den Richtlinien übereinstimmt.

Ob eine Fischerei den MSC-Standard erfüllt, wird in der Praxis anhand von 31 Indikatoren abgefragt. Die Bewertung wird von unabhängigen Prüfern und Wissenschaftlern durchgeführt. Darüber hinaus werden externe Interessierte in die Beurteilung einbezogen, um sicherzustellen, dass alle relevanten Informationen berücksichtigt werden und das Verfahren neutral ist. Die Bewertungsberichte können öffentlich eingesehen werden, so dass jede Entscheidung nachvollziehbar ist.

Die Bewertung berücksichtigt nicht nur den Status quo einer Fischerei, sondern hat auch eine langfristige Komponente: Zertifizierungsauflagen sorgen dafür, dass Fischereien sich auch weiterhin verbessern und sich nicht einfach auf ihren Lorbeeren ausruhen. Zahlreiche Beispiele belegen, dass die MSC-Zertifizierung beachtliche ökologische Verbesserungen bringen kann. So zeigte etwa der Hokibestand von Neuseeland zum Zeitpunkt der Zertifizierung eine niedrige Nachwuchsproduktion mit der Folge, dass der Bestand schrumpfte. Die Fischerei bekam deshalb die Auflage, einen Erholungsplan einzuführen, worauf sie mit einer drastischen Reduktion der Fangquoten reagierte. Dadurch konnten die Bestände so weit aufgebaut werden, dass sie heute wieder auf sicherem Niveau sind.

Ein weiteres Beispiel für messbare ökologische Gewinne ist die MSC-zertifizierte Schollenfischerei in Holland. Durch die Einführung eines neuen Fanggerätes konnte sie ihren Beifang und die Auswirkungen auf den Meeresboden enorm reduzieren. Weiterhin hat sie sensible Gebiete für die Fischerei gesperrt. Die südafrikanische Seehecht-Fischerei konnte aufgrund einer Zertifizierungsauflage den Beifang an Meeresvögeln von 18.000 auf 200 pro Jahr senken.

Die Bewertung nach MSC-Standard erfordert eine Fülle an quantitativen Daten mit der Folge, dass bis vor kurzem viele kleine Fischereien und solche aus Entwicklungsländern nur schwer an der Bewertung teilnehmen konnten, da sie oft nicht über lange Datenreihen verfügen. Der MSC hat diesen Mangel erkannt und eine alternative Methode entwickelt, nach der auch Fischereien mit Datenmangel nach MSC-Standard bewertet werden können. Die neue Methode wird derzeit an sieben Fischereien unter anderem in Vietnam, Gambia, Mauretanien und Indien getestet.

Der MSC nutzt die Macht der Verbraucher, des Handels und der Industrie, um Fischereien Anreize zu verantwortungsbewusstem Verhalten zu setzen. Je stärker Händler und Kunden nachhaltig gefangenen Fisch und Meeresfrüchte mit dem blauen MSC-Siegel nachfragen, umso mehr sehen Fischereien sich veranlasst, vorausschauend zu arbeiten und dafür zu sorgen, dass auch in Zukunft noch ausreichend Fisch vorhanden ist.

Gerlinde Geltinger leitet die Öffentlichkeitsarbeit im Berliner Büro des Maritime Stewardship Council.

 

Kontra: Der Verbraucher wird in die Irre geführt

Von Andre Standing

Kaum jemand behauptet, dass Ökosiegel wie das des MSC als Lösung für Umweltprobleme wie die Überfischung der Weltmeere ausreichen. Aber bringen sie überhaupt etwas? Vermutlich nicht. Mehr als 70 Prozent der vom MSC zertifizierten Produkte stammen von Industriefischereien, die mit Schleppnetzen arbeiten. Es sieht also nicht so aus, als würden die Prinzipien des MSC den Wandel fördern, der nötig ist, um die weltweiten Fischbestände zu retten.

Das soll nicht heißen, dass die MSC-Standards zu lasch wären. Das Problem ist aber, dass der MSC regelmäßig nicht nachhaltige Fischereien zertifiziert. Das geschieht meistens ganz offen und beruht auf der Abmachung, dass die Unternehmen sich ändern sollen. Das mag eine gute Wachstumsstrategie für den MSC sein – die Verbraucher hingegen führt es in die Irre. Zudem wurde der Vorwurf laut, dass die Organisationen, die die Fischereien für den MSC begutachten, zur Parteilichkeit neigen. Warum? Weil die Fischereiunternehmen, die das MSC-Siegel wollen, die Gutachter selbst aussuchen und bezahlen. Die Gutachterfirmen konkurrieren miteinander um lukrative Aufträge – und wenden die MSC-Standards deshalb wahrscheinlich kaum so streng an wie sie sollten. Der MSC hat dieses Problem erkannt und versucht, das Verfahren zur Prüfung der Gutachten durch unabhängige Experten zu verbessern. Das zeichnet ihn zwar gegenüber konkurrierenden Umweltsiegeln aus, zerstreut aber nicht die Zweifel vieler Experten und umweltpolitischer Organisationen. Greenpeace jedenfalls hält nichts vom MSC-Siegel.

Doch selbst wenn erwiesen wäre, dass Fischprodukte mit MSC-Logo besser für die Umwelt sind als andere, könnte man dem MSC erst dann eine positive Wirkung attestieren, wenn es Belege dafür gibt, dass er nichtzertifizierte Produkte vom Markt drängt. Solche Belege gibt es aber nicht; wir wissen also gar nicht, ob der steigende Absatz von MSC-zertifizierten Produkten wirklich ein Fortschritt ist. Wohl aber wissen wir, dass die Nachfrage nach Wildfisch weiter steigt und das Risiko der Überfischung weltweit keineswegs kleiner wird.

MSC-Gründer Mike Sutton sagt, der MSC erreiche genau das, wozu er geschaffen worden sei: die Industrie nachhaltiger zu machen. Doch dafür gibt es keinerlei Beweise; die Fischereiunternehmen fischen genau so wie zu Zeiten vor dem MSC. Tatsächlich scheint es in einer Zeit, in der wir den Konsum von Meeresfisch eigentlich reduzieren müssten, nicht die beste Idee zu sein, die Leute mittels einer öffentlichkeitswirksamen Kampagne zum Verzehr von noch mehr Fisch anzuhalten. Studien haben gezeigt, dass Kampagnen, die Verbraucher vom Kauf eines Produkts abhalten wollen, viel wirksamer sind. Aber die kriegen nun mal nicht die Unterstützung der Fischereiindustrie und der Supermarktketten.

Zudem bringt der MSC nur wenig den Entwicklungsländern, aus denen mehr als die Hälfte des weltweit gehandelten Fischs stammt. Zum einen ist die Zertifizierung teuer und technisch aufwändig. Zum anderen lässt sich nur schwer sicherstellen, dass der wirtschaftliche Gewinn, den ein Öko-Zertifikat bringen kann, bei den Kleinfischern und ihren Gemeinden ankommt. Es ist dem MSC deshalb bislang nicht gelungen, das Interesse von Fischereiunternehmen aus armen Ländern zu gewinnen, obwohl zu diesem Zweck schon erheblich an den Kriterien für die Zertifizierung gefeilt wurde. Zwar hat der MSC gemeinsam mit anderen Organisationen wie dem World Wide Fund (WWF) Geld für die Zertifizierung von Fischereien in Afrika ausgegeben. Doch das hat eher den Anschein einer Werbekampagne für den MSC.

Die Überfischung der Weltmeere verlangt nach weit reichenden Verhaltensänderungen – mit Blick sowohl auf die Fangmethoden als auch auf unsere Konsumgewohnheiten. Es ist nach wie vor eine gute Idee, die Verbraucher mit verlässlichen Informationen über die sozialen und ökologischen Kosten von Fischprodukten zu versorgen – vorausgesetzt, es geschieht unabhängig von den kommerziellen Interessen der Fischereiindustrie und so, dass Fischereien überall auf der Welt Nutzen davon haben. Der MSC ist ein gutes Marketinginstrument für die Fischereiunternehmen. Er bietet aber keine Lösung, die Fischbestände weltweit zu schützen.

Andre Standing arbeitet beim Institute for Security Studies in Nairobi, Kenia. Zu seinen Schwerpunkten gehört die Ausbeutung natürlicher Rohstoffe in Afrika. Im vergangenen Jahr hat er eine Studie über die Zertifizierung von Fischerei­unternehmen im südlichen Afrika veröffentlicht

 

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