Netto-Null Treibhausgasemissionen bis 2040: Die Klimaziele der Stadt Zürich sind ambitioniert. Und bei den direkten Emissionen, so schreibt die Stadt, also bei jenen, die in der Stadt etwa durch den Verkehr, fossile Heizungen oder die Müllentsorgung entstehen, sei man auf gutem Weg, dieses Ziel zu erreichen. Dabei bedeutet Netto-Null nicht, dass es gar keine Emissionen geben darf, etwa weil noch Benzinautos fahren. Das Ziel ist, diese so weit wie möglich zu reduzieren – und die verbleibenden Emissionen mit sogenannten Negativ-Emissionen auszugleichen, etwa mit Techniken zum Abscheiden und Speichern von CO2 im Boden.
Ganz anders aber sieht das Bild bei den „indirekten Emissionen“ aus, die von der Bevölkerung außerhalb des Stadtgebiets verursacht werden – insbesondere durch Flugreisen, den Konsum von Lebensmitteln oder den Kauf von Kleidern, die anderswo hergestellt wurden. Diese machen laut Angaben der Stadt mit 84 Prozent den Großteil der Gesamtemissionen aus – und statt zu sinken, sind diese in den letzten Jahren sogar noch gestiegen. Auf diese Emissionen hat die Stadtverwaltung wenig Einfluss.
Die Projekte sind noch nicht festgelegt
Vor diesem Hintergrund hat Zürich dieses Jahr den Startschuss für ein neues Projekt gegeben: Mit insgesamt neun Millionen Franken will die Stadt über fünf Jahre hinweg Klimaprojekte in Ländern des globalen Südens unterstützen mit dem Ziel, dort CO2-Emissionen zu reduzieren. Welche Projekte genau finanziert werden, ist noch unklar, erklärt Anna Schindler, Direktorin Stadtentwicklung der Stadt Zürich. Derzeit befindet sich das Pilotprojekt in der Vorbereitungsphase, Ende dieses Jahres wird es eine Ausschreibung für Projektbewerbungen geben.
Einige Kriterien sind bekannt: Die Projekte sollen CO2 reduzieren und zugleich einen gesellschaftlichen Beitrag leisten, indem sie etwa zur Armutsbekämpfung beitragen. Zudem sollten sie einen Bezug zur Stadt aufweisen, etwa indem sie von Zürcher Organisationen durchgeführt werden oder im Zusammenhang mit der Lieferkette von Produkten stehen, die in Zürich verkauft werden.
Die ursprüngliche Initiative wurde abgeschwächt
Angestoßen haben das Vorhaben zur Klimafinanzierung vor vier Jahren die beiden Zürcher Gemeinderätinnen Julia Hofstetter (Grüne) und Barbara Wiesmann (SP). In einer parlamentarischen Initiative forderten sie, dass Zürich mit der Unterstützung von Klimaprojekten im globalen Süden CO2 reduziert, im Umfang von zehn Prozent der Gesamtemissionen der Stadt. „Die Klimakrise ist für mich untrennbar mit der Klimagerechtigkeit verbunden“, sagt Hofstetter. „Zürich ist reich – gerade auch dank eines Finanzplatzes, der mit klimaschädlichen Investitionen Geld verdient und die Klimakrise mitfinanziert. Daraus erwächst eine besondere Verantwortung.“
Allerdings hat die Stadtregierung den ursprünglichen Antrag des Gemeinderats deutlich abgeschwächt. So hatten die beiden Gemeinderätinnen zwischen 15 und 25 Millionen Franken jährlich für Klimaprojekte im Ausland gefordert, was dem Betrag entspricht, der zur Reduktion der jährlichen Zürcher Emissionen um zehn Prozent nötig wäre. Zudem sollten die Reduktionen aus den Projekten nicht der CO2-Bilanz der Stadt Zürich angerechnet werden.
Nun soll der Geldbetrag allerdings wesentlich kleiner ausfallen. Anna Schindler rechtfertigt das damit, dass man so Erfahrungen sammeln könne, ohne gleich das Personal deutlich aufstocken zu müssen. Zudem werde die Frage, ob die im Ausland erzielten Reduktionen doch in der eigenen CO2-Bilanz berücksichtigt werden, möglicherweise doch noch diskutiert, sollte sich die Klimafinanzierung nach der Pilotphase bewähren, sagt Schindler. Das vor allem widerspricht dem Auftrag, den Julia Hofstetter und Barbara Wiesmann in ihrem Vorstoß formuliert haben: „Wir wollen nicht, dass die Projekte angerechnet werden. Denn bei Auslandskompensationen besteht die Gefahr, dass man damit die eigenen Reduktionsziele schlittern lässt.“
In jedem Fall eine gute Idee, sagt ein Forscher
Für Axel Michaelowa, der an der Universität Zürich zu Auslandkompensationen forscht und Klimaschutzberater bei der Beratungsfirma Perspectives ist, ist das Zürcher Vorhaben trotzdem wertvoll – unabhängig davon, ob die erzielten Reduktionen angerechnet werden oder nicht. „Die weltweiten Klimaziele werden im Süden erreicht, nicht im Norden“, sagt er. Während reiche Länder wie die Schweiz zwar historisch gesehen die größte Verantwortung für den Klimawandel trügen, seien sie bei der Reduzierung von Emissionen etwa durch erneuerbare Energien oder klimafreundliche Mobilität weiter als andere Orte der Welt. Dort könne mit weniger Geld effizienter CO2 reduziert werden, etwa durch die Steigerung der Energieeffizienz von Gebäuden, die Verringerung des Autoverkehrs oder die Vermeidung von Methan in der Abfallwirtschaft.
Dabei trägt die Bevölkerung reicher Länder, etwa über den Konsum von Gütern, die anderswo produziert wurden, auch eine Mitverantwortung für die Emissionen dort. Allerdings stellten die reichen Staaten immer weniger Geld für Klimaprojekte im Ausland zur Verfügung.
Seiner Ansicht nach sollte sich Zürich bei der Auswahl der Projekte auf Abfallmanagement oder den Ausbau öffentlicher Verkehrsinfrastrukturen in Städten des globalen Südens konzentrieren. Dass Zürich bereits mehrere Städtepartnerschaften habe, sei ein Vorteil, um rasch Projekte aufzubauen.
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