Geister der Großstadt

Farai Mudzingwa: Die Avenues. Roman, Unionsverlag Zürich, 2026, 295 Seiten, 24 Euro

Harare ist die Drehscheibe des kulturellen und wirtschaftlichen Lebens in Simbabwe. Die innenstadtnahen Avenues sind eine begehrte Adresse. Doch in dem Viertel mit seinen inzwischen teilweise verfallenen Straßen und etlichen gestrandeten Bewohnern brodelt es, erzählt Farai Mudzingwa in seinem flüssig geschriebenen Roman.

Jedza, die junge Hauptfigur dieser spannenden Geschichte, träumt wie viele seiner Generation als Jugendlicher in einer abgelegenen Kleinstadt von einem guten Leben in der Hauptstadt. Mehr schlecht als recht schlägt er sich als Elektroinstallateur durch. Auch als er endlich dank persönlicher Kontakte ein Zimmer auf Zeit in den Avenues der Hauptstadt beziehen kann, bleibt seine Existenz zutiefst prekär. Der Roman erwähnt die wirtschaftliche Dauermisere und die massive Korruption in Simbabwe und die realen, sozialen sowie unsichtbaren Gräben, die den Stadtteil durchziehen. Kaputte Wasserleitungen, aus denen eine stinkende Brühe tropft, bringen den desolaten Zustand der Stadt auf den Punkt.

Hinzu kommt eine weitere Dimension: Denn als die britischen Kolonialherren hier ihre Verwaltungsmetropole von Rhodesien bauten, einst Salisbury, heute Harare, durchtrennten sie dafür Wasserläufe brachial und trockneten Tümpel aus.

Wassergeister suchen Jedza und seine Schwester Natsai heim

In Mudzingwas Geschichte sind die Wassergeister trotz der kolonialen Zerstörung ihres Lebensraums aber nicht verschwunden: Auch wenn die meisten Musasa-Bäume von europäischen Siedlern abgehackt und durch invasive Arten wie Jakaranda ersetzt wurden, flüstern aus den Zweigen der wenigen verbliebenen alten Schattenspender weiterhin herumirrende Geister. Sie suchen Jedza und seine Schwester Natsai heim. Beide jungen Leuten haben mit traumatischen Kindheitserinnerungen an Unfälle bzw. kindliche Unachtsamkeiten zu kämpfen, die zu unterschiedlichen Zeitpunkten zwei Spielkameraden das Leben kosteten. 

Sobald Jedza in den Avenues wohnt, wird er deshalb immer häufiger von Alpträumen geplagt. Außerdem verschwindet seine ältere Schwester Natsai, die ebenfalls in Harare lebt, plötzlich unter mysteriösen Umständen. Sie will Journalistin werden, was aber bedeutet, vorgefertigte Texte von der repressiven Regierung zu übernehmen oder selbst Meldungen zu schreiben, die politisch möglichst reingewaschen sind. Wiederholt ist sie bei Ortsterminen, Interviews und Begegnungen mit der Brutalität des simbabwischen Geheimdienstes konfrontiert. Zudem wird sie von frauenfeindlichen Bekannten nur als Objekt betrachtet. Ihr Bruder sucht sie vergeblich.

Ein Roman im Rhythmus spiritueller Mbira-Musik

Wie viele ihrer Generation betäuben Natsai und Jedza ihre Ängste und Frustrationen mit Alkohol. Erst am Schluss des Buches, als Jedza zu einem traditionellen Ahnenopfer bereit ist, sinkt der Druck, der seit Jahren auf ihm lastet.

Die vom Autor fein herausgearbeiteten Episoden vibrieren ebenso wie der ganze packende Roman vor vielstimmiger Lebendigkeit in kaleidoskopartigen Alltagsszenen. Farai Mudzingwas Stil ist von großer sinnlicher Intensität und atmosphärischer Wortzauberei getragen, sein eindrücklicher Rhythmus orientiert sich dabei an traditioneller spiritueller Mbira-Musik, die Kommunikation mit der Geisterwelt ermöglichen soll, und ist wie in Wellen mit Lyrik der simbabwischen Musikikone Thomas Mapfumo durchwebt. Es ist ein sprachliches Meisterwerk – auch in deutscher Übersetzung durch Jan Schönherr. 

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