Die sudanesische Schriftstellerin Stella Gaitano erzählt in ihrem historischen Roman "Eddos goldenes Lächeln" von Krieg, Tod und Folter, aber auch von Fürsorge, Freundschaft und familiärem Rückhalt in ihrem Heimatland.
Stella Gaitano ist eine begnadete Erzählerin. Sie wuchs mit mündlichen Überlieferungen ihrer Mutter und Großmutter auf, die bereits während der 1970er Jahre vom Süden des Landes in die Hauptstadt Khartum fliehen mussten, wo Stella Pharmazie studierte. Gleichzeitig glaubte sie an die Veränderungskraft von Büchern und organisierte Buchsammlungen und -transporte in Krisengebiete im Sudan. Zudem begann sie, kurze Episoden über ihren Alltag zu schreiben: Darüber, was passiert, wenn Menschen auf der Flucht sind, Soldaten jegliche Moral verlieren, kleine Kinder ihre schwer kranken Eltern versorgen müssen und weder Staats- noch Religionsvertreter sich verantwortlich fühlen. Ihre wortgewaltigen Kurzgeschichten über den Lebenswillen einfacher Sudanesen hallen lange nach.
Eddos Ahnengeist behütet ihre Enkelkinder
An sie knüpft ihr Roman „Eddos goldenes Lächeln“ an. Die Autorin veröffentlichte ihn im Südsudan, der 2011 ein eigener Staat wurde. Deshalb und wegen des Inhalts geriet sie ins Visier der sudanesischen Regierung. Der Roman, in dem die Protagonistinnen pragmatisch mit Religionen umgehen, spielt zunächst im ländlichen Süden des Sudans nach dessen politischer Unabhängigkeit 1956, später in Khartum. Im Mittelpunkt stehen Eddo und ihre Tochter Lucyirinu – kurz Lucy. Sie ist das einzig überlebende Kind der trauernden Mutter, die anderen sind an Krankheiten gestorben. Als christliche Missionare kommen, lässt Eddo sich taufen. Denn sie will Gott wegen des Todes ihrer zehn Säuglinge zur Rede stellen – wörtlich hat sie mit ihm „noch ein Hühnchen zu rupfen“. Nach Eddos Tod behütet ihr Ahnengeist zahlreiche Enkelkinder, die ihre Tochter Lucy gebiert.
Das Selbstbewusstsein schützender Mütter zieht sich als Thema durch den gesamten Roman. So nutzt die unbändige Lucy überschüssige Muttermilch, um einem schwächelnden Bäumchen zum Wachstum zu verhelfen – mit Erfolg. Oder sie erschlägt kurzerhand einen aggressiven Hund, weil er Kinder angefallen hat. Wer kein deutscher Hundefetischist ist und sich von drastischen Szenen über Gewalt und Gestank nicht abschrecken lässt, wird belohnt mit einem Panorama an unterschiedlichen Perspektiven auf den turbulenten Alltag in einem Mehrfamilienhaushalt in Khartum.
Protagonisten mit Ecken und Kanten
Dazu zählen neben zahlreichen Kleinkindern unterschiedlicher Eltern Lucy, ihr liebevoller Mann Marco, dessen guter Freund Peter sowie seine verwöhnte Frau Theresa. Diese lässt Lucy zunächst als Putzkraft bei Nachbarinnen arbeiten, streicht aber selbst das Geld dafür ein – eine pikante Angelegenheit in einer früheren Sklavenhaltergesellschaft. Doch Gaitano gibt dem individuellen und sozialen Wandel eine Chance: Theresa wird von ihrem Mann Peter aus dem Haus gejagt, darf aber zurück, als sie Abbitte leistet.
Die jeweiligen Protagonisten, die wie im wahren Leben Kanten und Ecken haben, erzählen und kommentieren mit viel direkter Rede. Weil Details angedeutet, aber nicht ausgewalzt werden und die Geschichte mit weiteren Episoden und Familienmitgliedern letztlich offen endet, inspiriert dieser turbulente und lesenswerte Roman zum eigenen Weiterdenken.

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