Man kann es eine kirchenrechtliche Annexion nennen. Am 28. August weihte der russisch-orthodoxe Patriarch Kyrill den 62-jährigen Iosif Paschentsev zum Bischof für die Region Cherson. Er stammt aus dem zentralrussischen Tambov und hatte vor seiner Kirchenlaufbahn eine Militärschule besucht und anschließend im Verteidigungsministerium gearbeitet.
Bischof Iosif ist nicht der erste moskautreue Geistliche in den besetzten Gebieten. Seit 2023 hat die russisch-orthodoxe Kirche (ROK) bereits in fünf der insgesamt elf ukrainischen Diözesen, in denen das russische Militär die Kontrolle übernommen hat, eigene Bischöfe installiert. Keiner von ihnen stammt aus der Ukraine und mehrere haben eine Militärausbildung oder waren in der staatlichen Verwaltung tätig. „Sie kennen nicht nur das System, sie sind Teil desselben“, sagt Regina Elsner, die an der Universität Münster Ostkirchenkunde und Ökumenik lehrt.
Was die Übernahme der Bistümer durch die ROK für die Bevölkerung in den besetzten Gebieten bedeutet, lasse sich schwer sagen. „Bekannt ist, dass jede Kritik an Russlands Vorgehen in der Ukraine massive Folgen haben kann.“ Erst unlängst sei ein Priester der Ukrainisch-orthodoxen Kirche (UOK), die sich wenige Monate nach Kriegsbeginn vom Moskauer Patriarchat losgesagt hat, zu 14 Jahren Lagerhaft in Russland verurteilt worden. „Viele Gläubige sind allerdings nicht politisch. Sie gehen in die Kirche, um an der Liturgie teilzunehmen und die Heilige Eucharistie zu empfangen“, erläutert die Theologin.
Zuständig auch für die eingekesselte Stadt Oleschky
In der Diözese des neuen Bischofs liegt auch die Stadt Oleschky im Süden der Ukraine, die seit Wochen international in den Schlagzeilen ist, weil die russische Armee sie hermetisch abgeriegelt hat und seit Mai keine Nahrungsmittel, keinen Treibstoff und keine Medikamente mehr hineingelassen hatte. Die mehr als tausend verbliebenen Einwohner sind akut von einer Hungersnot bedroht; erst Ende Oktober entspannte sich die Situation etwas, nachdem die Kriegsparteien sich auf eine Waffenruhe geeinigt hatten. Dass die ROK ausgerechnet in diesem Gebiet jetzt einen eigenen Bischof einsetzt, findet Elsner „unerträglich zynisch“. Erst neulich habe ein hochrangiger Geistlicher aus der ROK in den sozialen Medien eine Solidaritätskampagne von russischen Schülern für die hungernden Kinder in Oleschky kritisiert und die Eltern der Schüler aufgerufen, wachsam zu sein vor westlicher Propaganda. Das Böse sei in der Ukraine, und die Russen müssten die Menschen in Oleschky davon befreien. „Das zeigt einmal mehr, wie sehr die ROK Handlanger der russischen Kriegsführung ist“, sagt Elsner.
Umso weniger kann die Theologin verstehen, dass der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) nach wie vor zu freundlichen Kontakten mit dem Moskauer Patriarchat bereit ist. Am 15. September ist eine hochrangige Delegation der ROK auf Einladung des ÖRK nach Genf gereist und dort von ÖRK-Generalsekretär Jerry Pillay empfangen worden. Was genau hinter verschlossenen Türen besprochen wurde, ist nicht zu erfahren, nur dass man sich „offen und konstruktiv“ über Krieg und Frieden, Nuklearwaffen, Religionsfreiheit und die Rolle der Kirche in Konflikten ausgetauscht habe. „Wir brauchen mehr und nicht weniger solcher Gespräche“, zitierte die ÖRK-Pressestelle Jerry Pillay im Anschluss an das Gespräch, zu dem auch der Moderator des ÖRK-Zentralausschusses, Heinrich Bedford-Strohm, online zugeschaltet war. Gemeinsam müsse die Kirche gegen Gewalt und Ungerechtigkeit sprechen, weil es sonst nur noch mehr Spaltung und Konfrontation gebe.
„Der ÖRK versucht, das Politische vom Religiösen zu trennen. Das geht in diesem Krieg aber nicht“, findet Elsner. Damit werde man den Opfern dieses Krieges nicht gerecht. Sie kritisiert, dass der ÖRK sich öffentlich nicht klarer auf deren Seite stelle und der ROK nach wie vor eine Bühne biete. Es sei doch seit langem eindeutig, dass der Moskauer Patriarch den Krieg unterstütze – spätestens seit einem im Juli veröffentlichten Buch, in dem er seine Position wiederhole, dass dies ein heiliger Krieg gegen die westliche Ideologie sei, den Russland führen müsse und der nur militärisch gewonnen werden könne.
Neben dem ÖRK pflegt auch der Vatikan weiter Beziehungen nach Moskau. Ende August war Erzbischof Richard Paul Gallagher, der im Vatikan die Rolle des Außenministers einnimmt, nach Russland gereist und hatte dort ROK-Vertreter getroffen und mit dem russischen Außenminister Sergej Lawrow über ein Ende des Kriegs in der Ukraine gesprochen. Anschließend wiederholte er die Position des Heiligen Stuhls, dass der Konflikt nicht mit militärischen Mitteln gelöst werden könne. Russland und die Ukraine müssten das Völkerrecht sowie das humanitäre Recht achten, insbesondere in Bezug auf Zivilisten, Infrastruktur, Verwundete und Kriegsgefangene.
„Der Vatikan kann mit seinen eigenen staatlichen Strukturen anders auftreten als der Weltkirchenrat“, erklärt Elsner, warum die katholische Seite politisch klarer formuliere. Dennoch nutze die ROK jedes solcher Treffen dazu, den Krieg mit der angeblich bedrohten Religionsfreiheit der orthodoxen Christen in der Ukraine zu rechtfertigen. „In jedem Friedensplan, den Moskau bisher vorgelegt hat, wird gefordert, dass für die Orthodoxen in der Ukraine künftig wieder die ROK zuständig sein soll. Das wäre jedoch das Ende der Religionsfreiheit in der Ukraine.“

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