Religionen

Marén Gröschel für welt-sichten

Der Papst ruft zu Umwelt- und Klimaschutz auf, radikale Hinduisten beeinflussen Wahlausgänge in Indien, Kirchen in Afrika wollen Gesetze gegen sexuelle Minderheiten: Religionsgemeinschaften nehmen politisch Einfluss. Weniger sichtbar, aber nicht minder wichtig sind ihre Einsätze für Katastrophenhilfe, gegen Armut und für Frieden.

Aktuell zum Thema

Tansania
In Tansania will eine Gruppe von Katholiken ihre eigenen Bischöfe beim Papst in Rom anzeigen. Sie werfen ihnen vor, sich zu stark in politische Belange einzumischen. Hinter der Aktion wird die Regierung vermutet.
Für das Menschenrecht der Religionsfreiheit gibt es in Deutschland seit acht Jahren einen eigenen Beauftragten. Drei Jahre war das Frank Schwabe (SPD). Er erklärt, warum das Amt wichtig ist, und warum ihn auch in Deutschland der muslimische Gebetsruf vom Minarett nicht stört.

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Zwei Schüler der Internatsschule Lirboyo in Java sitzen auf einem Dach und lesen in islamischen Schriften; vor ihnen sitzt eine Katze.
Internatsschulen in Indonesien
Indonesien unterhält das weltweit größte islamische Bildungswesen, dessen Herzstück die Internatsschulen (Pesantren) bilden. Es ist teilweise in das nationale Bildungssystem eingebunden und hat zur Entstehung einer selbstbewussten islamischen Mittelschicht beigetragen.
Katholikos Karekin II. in einem rot-schwarz-goldenen Gewand. Er hält ein goldenes Kreuz in der Hand.
Kirche und Ökumene
Mehrere hochrangige Kirchenfunktionäre wurden festgenommen und das Kirchenoberhaupt Katholikos Karekin II. Anfang Januar zum Rücktritt aufgefordert: Die armenische Regierung will die Landeskirche unter ihre Kontrolle bringen.
Sarah Mullally bei einem Gottesdienst in Kent am 3. Oktober 2025.
Anglikanische Weltgemeinschaft
Der Streit um die Sexualethik droht die anglikanische Weltgemeinschaft zu spalten. Der Auslöser ist, dass eine als liberal bekannte Bischöfin Oberhaupt der Church of England und damit der Anglikaner weltweit werden soll.

Gut zu wissen

Religionen weltweit
Verliert der Glauben an Bedeutung?
In Debatten über wirtschaftliche Entwicklung kommt Religion selten vor. Dabei spielen etwa in Afrika und Südasien Religionsgemeinschaften eine viel größere Rolle im sozialen und politischen Leben als in Europa und Nordamerika. Es ist falsch zu denken, der globale Süden folge einfach einem Säkularisierungstrend in den Industrieländern.

 

Drei Aspekte von Säkularisierung muss man dabei unterscheiden: die Trennung von Staat und Religion, die Zurückdrängung der Religion aus dem sozialen Leben ins Private sowie den Rückgang des persönlichen Glaubens. Befunde zu den Trends sind zwiespältig. 

Umfragen des Pew Research Center haben ergeben, dass sich mit Zunahme des Wohlstands im Schnitt weniger Menschen zu einer Religion bekennen oder sie praktizieren. Aber die Bevölkerung wächst da stark, wo Menschen sehr religiös sind, besonders in Afrika, und schrumpft da, wo viele nicht Religiöse leben – die meisten finden sich in China. Daher schätzt das Pew Center, dass der Anteil der religiös Ungebundenen zwar in Europa und Nordamerika weiter steigen, global aber sinken wird: von etwa 16 Prozent der Weltbevölkerung 2010 auf 13 Prozent 2050. Der Anteil der Christen bleibt danach bei gut 31 Prozent, von denen 2050 ein größerer Teil in Afrika lebt als heute; der Anteil der Hindus bleibt konstant bei etwa 15 Prozent. Der Anteil der Muslime wird laut Pew von 23 auf fast 30 Prozent wachsen.

Auch beim sozialen und politischen Einfluss von Religion beobachtet man widersprüchliche Trends. So sind in vielen muslimischen Ländern und im Sahel, aber auch unter Christen in den USA, in Afrika und Lateinamerika fundamentalistische Strömungen entstanden, die zum Beispiel Frauenrechte oder den Schutz für sexuelle Minderheiten zurückdrängen wollen. Manche Religionsgemeinschaften lassen sich für Wählermobilisierung einspannen und beeinflussen so, wer ein Land regiert, etwa in der Türkei, Brasilien und Indien. Einige legitimieren Gewalttaten oder „heilige Kriege“, andere setzen sich für Frieden ein. Und Regierungen beschränken die Freiheit von Religionsgruppen, die ein Machtfaktor werden könnten – so China und manche Staaten der islamischen Welt, die sich auf den Islam berufen und ihn zugleich ans Gängelband nehmen.

Religionsunterschiede spielen in vielen Konflikten eine Rolle, besonders wo sie mit ethnischen Unterschieden zusammenfallen wie in Nigeria. Zugleich tragen Religionsgemeinschaften oft zur Beilegung solcher Konflikte bei. Sie unterhalten in vielen Entwicklungsländern Krankenhäuser und Schulen. Und religiöse Würdenträger haben aufgrund ihres lokalen Ansehens Einfluss auf Erfolg oder Misserfolg von Entwicklungsvorhaben und auf den Wandel sozialer Normen, etwa bei Frauenrechten. Nicht zuletzt deshalb versuchen auch staatliche Entwicklungsagenturen, sie einzubinden. Mit dem sozialen Wandel verändert sich die Rolle der Religionsgemeinschaften in Gesellschaft und Politik. Aber sie werden eigenständige Kräfte bleiben.
 

Hintergrund

In allen Religionen ist Frieden ein hoher Wert – auch wenn sich in allen Auslegungen finden, die Gewalt rechtfertigen. Und religiös motivierte Friedensstifter genießen als Vermittler oft besonderes Vertrauen.

Infografik

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In Kenia benutzen Geistliche und Politiker sich gegenseitig für ihre Zwecke. Vertreter der anglikanischen und der katholischen Kirche sehen das kritisch, die Führer jüngerer evangelikaler Kirchen haben weniger Skrupel.

Tipp

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Eine junge Frau heiratet drei Brüder, und als ihr Lieblingsmann vermisst wird, bricht sie mit dem zweiten Mann auf, ihn zu suchen. Das bildgewaltige Drama zeigt auch eine spirituelle Sinnsuche und reflektiert Glaubensvorstellungen des Buddhismus.
Titelbild Ab in die Schule
Bildung ist ein Menschenrecht, doch nicht überall auf der Welt können alle Kinder und Jugendlichen zur Schule gehen. Dabei trägt Bildung stark zur Entwicklung eines Landes bei. Wie wird das gemessen? Wie finden in Nordnigeria und im Jemen trotz Kämpfen und Krieg Unterricht statt? Und welche Rolle spielen islamische Internate in Indonesien?
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Die Menschenrechte gelten für alle. In der Praxis aber werden sie von repressiven Regierungen oder durch entwürdigende Lebensumstände immer wieder verletzt. Debattiert wird zudem, ob die Menschenrechte in verschiedenen Kulturen Verschiedenes bedeuten und ob politische, soziale, wirtschaftliche und kulturelle Menschenrechten gleich wichtig sind. Und überall müssen Menschen für die Verwirklichung ihrer Rechte kämpfen.

Seit einigen Jahren steigt der Anteil der Hungernden an der Weltbevölkerung wieder. Dabei werden genug Lebensmittel weltweit produziert, aber vielen Menschen fehlt es am Zugang zu Nahrung - vor allem dort, wo Krieg herrscht. Derweil streiten Fachleute über die Zukunft der Landwirtschaft: Die industrielle Produktion von Lebensmitteln verursacht gravierende Umweltschäden, aber kann die Agrarökologie alle satt machen?

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