Kenia
 Schon damals Hand in Hand: Die Bischöfin einer Pfingstkirche, Margaret Wanjiru, und der ­damalige Minister und heutige Vizepräsident William Ruto (Mitte) werben 2010 vor dem ­Referendum zur neuen Verfassung für „No“.

Tony Karumba/AFP via Getty Images

Kenia

Unheilige Allianz

In Kenia benutzen Geistliche und Politiker sich gegenseitig für ihre Zwecke. Vertreter der anglikanischen und der katholischen Kirche sehen das kritisch, die Führer jüngerer evangelikaler Kirchen haben weniger Skrupel.

Pastoren von Pfingstgemeinden treten in Kenia zunehmend als politische Akteure und Vermittler auf. Diese Rolle haben sie insbesondere seit den Wahlen von 2013 und 2017 übernommen und ähnliches zeichnet sich für die Wahlen im Jahr 2022 ab. Populistische Politiker wie Vizepräsident William Ruto setzen das Christentum weiterhin zu politischen Zwecken ein. Das spiegelt sich in seinen beträchtlichen Geldspenden an christliche Geistliche und Kirchen und in seiner religiösen Terminologie und Bildersprache. Das verändert die Beziehungen von Kirche und Staat und beeinflusst die religiös-ethnische Mobilmachung, den politischen Wettbewerb sowie das Vorkommen von Gewalt im Zusammenhang mit Wahlen.

Am 31. Juli 2019 enthüllten Vizepräsident Ruto und seine Frau einen Altar in seiner offiziellen Residenz in Karen in der Hauptstadt Nairobi. „Heute waren mein Ehemann, der Vizepräsident, und ich damit gesegnet, in der Anwesenheit von Glaubensvorbildern und gesellschaftlichen Schlüsselpersonen unseren nationalen Altar in der offiziellen Residenz des Vizepräsidenten feierlich einweihen zu können“, postete Rachel Ruto auf Twitter. Die Vorstellung des Altars wurde in den traditionellen und den sozialen Medien weit verbreitet. Sie zog führende Evangelikale und Geistliche an, etwa Teresa Wairimu von den Faith Evangelistic Ministries (FEM), Bischof Mark Kariuki von der Deliverance Church of Kenya zugleich Vorsitzender Evangelischen Allianz von Kenia sowie Bischof J. B. Masinde von der Deliverance Church Umoja.

Ruto hat ein Bild von sich geschaffen als bescheidener, betender, gottesfürchtiger Mann, der auch Großzügigkeit gegenüber den Kirchen des Landes walten lässt. Seine Frau stellt sich als eine bescheidene und unterwürfige Tochter Gottes dar, die in ihren Gebeten um das Wohl des Landes und der Familie bittet. Rachels ergebenes Auftreten und ihre Fürbitten wurden von ihrem Mann ebenso wie von der Öffentlichkeit dazu genutzt, Rutos Ehrenhaftigkeit und sein sauberes Image zu betonen. 

Unscharfe Beziehung von Kirche und Staat

Ruto hat sich die Fähigkeiten seiner Frau zu eigen gemacht, um sich als Familienmensch zu präsentieren, dessen Familie und Politik fest im Christentum verwurzelt sind. Kurz: Rachel verleiht ihrem Mann etwas Menschliches und lässt ihn gegenüber der überwiegend christlichen Wählerschaft als vertrauenswürdig erscheinen. Rachel Ruto führte das Land an beim Gebet für Rettung, für Freiheit von Unheil, Korruption, von schlechter Regierungsführung und Menschenrechtsverletzungen. Keine Rolle spielte dabei, dass ihr Mann in manche, wenn nicht gar alle der genannten Übel verwickelt ist.

Die Präsentation des Altars aber führte zu kontroversen Debatten; viele Kenianer fanden das unpassend. Das Problem hat mit der zunehmenden Instrumentalisierung des Christentums und einer zunehmend unscharfen Beziehung von Kirche und Staat zu tun. Die kenianische Verfassung von 2010 definiert Kenia als säkulares Land, in dem Staat und Kirche strikt getrennt sind. Tatsächlich aber ist Kenia nicht nur ein hochreligiöses Land, sondern auch eine „pfingstlerische Republik“. So jedenfalls drückt es der nigerianisch-amerikanische Soziologe Ebenezer Obadare von der Universität Kansas aus. Das liegt zum einen an Pfingstgemeinden, die überall wie Pilze aus dem Boden schießen, zum anderen an pfingstlerischen Sitten und Bräuchen, die den öffentlichen Raum erobert haben. 

Politiker wie Ruto haben das genutzt, um eine neue politische Theologie zu entwerfen. Er stellt sich selbst dar als ein „nicht perfekter Hoffnungsträger“, der Gott für dessen sozio-ökonomische Revolution dient. Dieses Verständnis nutzt er auch, um sich selbst von vergangenen, gegenwärtigen und künftigen Sünden reinzuwaschen. Tragischerweise hat diese Fassade einen großen Teil der Bevölkerung überzeugt: Viele Kenianer sind der Ansicht, religiöse Werte sollten das Fundament von Wahlprogrammen und der politischen Agenda bilden.

Die Politik zur Erlösung führen

Die Geistlichen haben diesen Hunger nach nackter Macht sanktioniert. Sie sind jedoch gleichermaßen vom Wunsch beseelt, die Politik für ihre Zwecke zu nutzen, um sich so Legitimität, finanzielle Ressourcen, Macht und soziales Ansehen zu verschaffen. Außerdem sollten sich religiöse Führungspersonen ihrer Meinung nach in der Politik engagieren, um sie zur Erlösung zu führen.

Autorin

Damaris Parsitau 

ist assoziierte Professorin für Religion und Gender Studies an der Egerton Universität in Njoro in Kenia und Präsidentin der Afrikanischen Association for the Study of Religion in Africa and its Diaspora.
Seit der Verabschiedung der neuen Verfassung im Jahr 2010 hat sich insbesondere das pfingstlerische Christentum in politischen Wahlen hervorgetan. Vor allem Pfingstkirchen wie Jesus Is Alive Ministries International (JIAM), Faith Evangelistic Ministries (FEM), Deliverance Churches of Kenya, Ministry of Repentance and Holiness (MRH) und der Dienst Christus ist die Antwort (CITAM) in der Valley Road in Nairobi sind zu Stätten der politischen Mobilmachung geworden. Zugleich haben sich einzelne pfingstlerische Pastoren als politische Vermittler hervorgetan, indem sie selbst für politische Ämter kandidiert oder aber Kandidaten unterstützt haben, die sich an den von ihnen bevorzugten christlichen Idealen orientieren.

Ein gutes Beispiel ist Bischöfin Margaret Wanjiru, die unlängst der Partei von Vizepräsident Ruto beigetreten ist, der United Democratic Alliance (UDA). Wanjiru leitet die Kirche Jesus Is Alive Ministries International und gilt als Anwärterin auf einen Gouverneursposten. Sie ist als ein Gesicht der pfingstlerischen Ko-Option in Erscheinung getreten, die den Vizepräsidenten im Streben um das kenianische Präsidentenamt unterstützt. Als sie im Juli dieses Jahres in ihrer Kirche sprach, erklärte sie, sie sei dem Lager des Vizepräsidenten beigetreten, weil Ruto wie sie Christ sei und weil er für Gott und für die Kenianer einstehe. 

Ein gottesfürchtiger Mann, der „nicht an Kater leidet“

In einem weit verbreiteten Video, mit dem Wanjiru ihre Bewerbung für den Gouverneurssitz für Nairobi in den Ring warf, rief sie die kenianische Kirche dazu auf, sich an den Wahlen im Jahr 2022 zu beteiligen. Sie sagte: „Als Kirche sollten wir uns vor den Wahlen 2022 nicht aus der Politik heraushalten. Wenn die Gerechten an der Macht sind, das lehrt uns die Bibel, freut sich das Volk.“ Es stimme sie sehr froh, sagte die Bischöfin, „dass ich mit meinem Vizepräsidenten predigen und mich mit ihm engagieren kann. Es ist an der Zeit, dass das Volk William Ruto zum Präsidenten von Kenia wählt, einen gottesfürchtigen Mann, der nicht an Kater leidet.“ Damit spielte sie darauf an, dass er anders als der amtierende Präsident Uhuru Kenyatta alkoholischen Getränken abgeneigt ist.

Wanjiru ist eine der religiösen Personen, die sich der Verabschiedung der Verfassung von 2010 widersetzt haben. Sie gilt als streitbare Politikerin, die nicht davor zurückschreckt, Kontroversen loszutreten. Sie nutzt ihre Kirche als Plattform, um sich für Ruto einzusetzen und ihn als Mann darzustellen, der ein wirtschaftliches Modell propagiert, das den Armen eine Chance gibt – während er selbst in großem Wohlstand lebt. 

 Juliet Adhiambo (links) beim ­Gottesdienst in Nairobis armem Stadtteil Kibera.Donwilson Odhiambo/SOPA Images/LightRocket via Getty Images

Im Juni dieses Jahres versammelte Wanjiru mehr als 500 UDA-Kandidaten bei einem Treffen. Ihr Vorgehen verdeutlicht, dass das pfingstlerische Christentum inzwischen eng mit populistischer Politik verflochten ist. Wanjirus Doppelrolle in ihrer Kirche und in der Politik hat andere religiöse Führungspersonen dazu animiert, sich ebenfalls politisch zu engagieren. Mehr als je zuvor durchdringen pfingstlerische Ausdrücke, Gebräuche, Bildersprache und Ideen die politische Sphäre.

Die traditionellen Kirchen stehen am Rand

Zugleich hat sich die Politik in eine quasi-pfingstlerische religiöse Landschaft verwandelt, in der die traditionellen Kirchen am Rand stehen. Einige Geistliche der anglikanischen und der katholischen Kirche haben Politiker unmissverständlich dazu aufgefordert, mit ihrem Geld den Kanzeln fernzubleiben, doch die Mehrheit der religiösen Leitungspersonen in Kenia stört sich nicht daran. Das gilt vor allem für jene, die evangelikalen und pfingstlerischen Überzeugungen anhängen und dem sogenannten Wohlstands-evangelium nahestehen. Als Jackson Ole Sapit, Erzbischof der Anglikanischen Kirche Kenias (ACK), 2019 vor einer breit aufgestellten Initiative über Korruption sprach, warnte er Geistliche seiner Kirche davor, korruptes Geld anzunehmen. Zu Wohltätigkeitszwecken gespendetes Geld dürfe nicht dazu genutzt werden, „dass sich korrupte Politiker reinwaschen“, sagte Sapit. Vizepräsident William Ruto und einige ihm nahestehende Politiker antworteten Sapit prompt: „Wir werden Gott weiterhin mit unserem Herzen und unserem Vermögen lieben. Wir schämen uns nicht für Gott und entschuldigen uns nicht für unseren Glauben.“

Erzbischof David Gitari von der Anglikanischen Kirche, Erzbischof Raphael Ndingi Mwana a’Nzeki von der Katholischen Kirche und Pastor Timothy Njoya von der Presbyterianischen Kirche von Ostafrika (PCEA), der mittlerweile im Ruhestand ist, kämpften während der Diktatur unter Daniel arap Moi für Demokratie, Meinungsfreiheit und ein Mehrparteiensystem. Sie wurden oftmals als Architekten der sozialen Gerechtigkeit und als das Gewissen der Nation bezeichnet. Seit evangelikale Pastoren in Erscheinung getreten sind, die das Wohlstandsevangelium antreibt, scheint das Fundament brüchig, für das diese Vertreter der großen Kirchen sich einst beherzt eingesetzt hatten.

Pfingstlerische Überzeugungen scheinen für viele Kenianer die neue Art des religiösen Lebens zu sein. Es ist nicht nur in Mode gekommen, dass sich Menschen als „wiedergeborene Christen“ verstehen, auch die Sitten und Gebräuche der Pfingstgemeinden sind inzwischen in den traditionellen Kirchen angekommen. William Ruto hat auf geschickte Art und Weise versucht, sich das sowohl für die religiöse als auch für die ethnische Mobilisierung von Wählern zunutze zu machen. Während die ethnische Mobilisierung vor Wahlen charakteristisch für die Politik in Kenia war, ist die christliche Mobilisierung ein jüngeres Phänomen.

Volkszugehörigkeit, Gott, Geld und Politik

In Kenia gehören Volkszugehörigkeit, Gott, Geld und Politik oft zusammen. Bei den Wahlen 2013 und 2017 haben Politiker versucht, ihre Politik als gottgegeben darzustellen, während sie ihre Gegner aussehen ließen, als seien sie von dunklen, satanischen Kräften oder auch von Zauberei angetrieben. Vor den Wahlen von 2013 sahen sich der Präsidentschaftskandidat der Jubilee Alliance, Uhuru Kenyatta, und sein Bewerber um die Vizepräsidentschaft, William Ruto, Anklagen beim Internationalen Strafgerichtshof ausgesetzt. Das Duo bemühte daraufhin eine religiöse Rhetorik und stellte seine Not als Werk des Teufels und der Opposition dar, die damals von Raila Odinga angeführt wurde. Die Zivilgesellschaft bezeichneten sie als „böse Gesellschaft“. Kenyatta und Ruto bereisten das Land, hielten politische Versammlungen in Form von Andachten ab und wurden von einem Gefolge von religiösen Leitungspersonen begleitet, die ihnen die Hand auflegten und sie salbten, während sie inbrünstig beteten, um sich so der Dämonen des Strafgerichtshofs zu entledigen, die Opposition abzustrafen und die „böse Gesellschaft“ zu verurteilen.

Volkszugehörigkeit, Geld und Religion werden über die Präsidentenwahl 2022 entscheiden. Es ist wichtig, Religion und Politik dabei innerhalb eines breiteren Kontexts ethnischer Mobilisierung zu verorten. Sie gelingt mithilfe der Verteilung von Gütern wie etwa Land, auch wenn dies in den vergangenen Jahren abgenommen hat; geblieben sind Bestechungsgelder. Die Beziehungen zwischen Religion und Politik werden nicht nur immer enger, sondern auch immer komplexer und problematischer. Sowohl das religiöse Führungspersonal als auch die Politiker haben sich in einer unheiligen Allianz von politischer Täuschung und List verfangen. Davon haben die Kenianerinnen und Kenianer nichts Gutes zu erwarten.

Aus dem Englischen von Christine Lauer.

erschienen in Ausgabe 10 / 2021: Pfingstler auf dem Vormarsch

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