Weltklimabericht
Weltklimabericht

„Wechselwirkungen verstehen“

Der Weltklimarat hat seinen Sonderbericht zu Landfragen vorgestellt. Was an dem Bericht bemerkenswert ist, erklärt Anika Schroeder vom katholischen Hilfswerk Misereor.

Anika Schroeder ist Referentin für Klimawandel und Entwicklung in der Abteilung Politik und Globale Zukunftsfragen des katholischen Hilfswerks Misereor.
Warum befasst sich der Weltklimarat IPCC in einem eigenen Bericht mit Landnutzung? 
Wenn man die Klimakrise begrenzen will, ist das nicht ohne Schritte im Landsektor möglich. Denn die Emissionen aus der Bewirtschaftung von Land tragen rund ein Viertel zur Erderhitzung bei. Sie entstehen bei der Abholzung oder beim Abbrennen von Wäldern, um Viehweiden oder Ackerland zu gewinnen, bei der Trockenlegung von Mooren, und natürlich setzen Viehhaltung und Ackerbau Stickstoff und Methan frei. Methan entsteht zum Beispiel bei der Haltung von Wiederkäuern wie Rindern oder beim Ausbringen von Gülle aus der Massentierhaltung, und die Stickstoffdüngung verursacht Stickstoffdioxid, ein weiteres Treibhausgas.

Ökosysteme an Land nehmen gleichzeitig Treibhausgase auf, oder? 
Ja. Wenn zum Beispiel Wälder wachsen, nehmen sie Kohlendioxid aus der Luft auf und  binden den Kohlenstoff in der Biomasse, einen Teil auch mittel- bis langfristig im Boden. Im Moment nimmt der Landsektor insgesamt ungefähr so viel Kohlendioxid auf, wie er abgibt, die Bilanz ist grob null. Aber das verändert sich – nicht nur weil weiter Wälder vernichtet werden. Auch der Klimawandel kann bewirken, dass aus Senken für Treibhausgase Quellen werden, zum Beispiel wenn Dürren, Waldbrände und der Befall mit Schädlingen zunehmen und deshalb Wälder verloren gehen. Die komplexen Wechselwirkungen zwischen der Atmosphäre und dem Landsektor sind noch nicht gut verstanden. Aber das wäre dringend nötig. Denn im Pariser Klimaabkommen haben die Staaten sich verpflichtet, den Ausstoß der Treibhausgase in der zweiten Jahrhunderthälfte auf "netto null" zu bringen: Sie wollen nur noch so viel emittieren, wie von der Biomasse an Land wieder aufgenommen werden kann – oder wie man mit Technik, die noch nicht anwendungsreif ist, aus der Atmosphäre entnehmen kann. Man muss dann aber wissen, wie im Landsektor Treibhausgase aufgenommen und freigesetzt werden. Deshalb hat der IPCC in diesem Sonderbericht die 7000 vorliegenden Studien zum Landsektor im Klimawandel ausgewertet. Der Bericht ist ein gutes Fundament, zeigt aber auch, dass es sehr viele offene Fragen gibt.

Welche wichtigen Effekte sind bekannt?
Bei den Auswirkungen des Klimawandels auf den Landsektor zeigen die vorliegenden Forschungsergebnisse zum Beispiel klar: Der Klimawandel wird bei allen wichtigen Getreidearten die weltweiten Erträge senken, auch wenn sie im globalen Norden leicht zunehmen. Beim Thema Auswirkungen möglicher Klimaschutzmaßnahmen betrachtet der Bericht ausführlich die Konkurrenz um Land zwischen Nahrungsproduktion und Klimaschutz. Das Grundproblem ist bekannt: Wir brauchen Fläche, um Nahrung und landwirtschaftliche Rohstoffe wie Fasern und Öle zu erzeugen, aber auch für Siedlungen und Infrastruktur und natürlich für Natur- und Artenschutz. Der Flächendruck führt immer wieder zu Vertreibungen von Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, Indigene und traditionell lebende Völker verlieren Lebensraum. Das Spannende an dem Bericht ist nun, dass der IPCC auch zukünftige Ansprüche mit in den Blick nimmt, speziell die Flächen, die künftig für Klimaschutz benötigt werden.

Welche Art Klimaschutz erhöht den Flächenbedarf?
Zum Beispiel dass mehr Wald geschützt und aufgeforstet werden muss. Es wird auch gefordert, mehr Biomasse zur Erzeugung von erneuerbarer Energie anzubauen. Weiterer großer Landbedarf ergibt sich aus der Idee negativer Emissionen. Dazu soll Biomasse angebaut, zur Energieerzeugung verbrannt und das Kohlendioxid aus den Abgasen gefiltert und in den Untergrund gepresst werden in der Hoffnung, dass es dort auf Dauer bleibt. Das nennt man BECCS, Bioenergy with Carbon Capture and Storage. Weil die Staaten bei der Senkung der Emissionen versagt haben, gehen fast alle Szenarien davon aus, dass BECCS in mehr oder weniger großem Umfang notwendig ist, wenn man die Erderwärmung noch auf 1,5 Grad begrenzen will. Den künftigen Landbedarf dafür hat der IPCC nun kritisch analysiert.

Ist demnach BECCS trotz der Landkonkurrenz in großem Ausmaß möglich?
Der IPCC kommt zu dem Ergebnis, dass das Potenzial von Bioenergie und BECCS sehr viel geringer ist, als die erwähnten Klimaschutz-Szenarien erfordern. Deshalb müssten diese Szenarien angepasst werden in Richtung auf radikalere Klimaschutzpfade – wir als Misereor möchten zum Beispiel am Wachstumsparadigma rütteln.
 
Neben Klimaschutz ist im Landsektor auch Klimaanpassung nötig, oder?
Ja. Und das betrifft nicht nur den Umgang mit Ackerland, wo der IPCC vor allem auf Diversifizierung der Anbausysteme setzt, sondern auch mit Wäldern, Mooren und anderen Ökosystemen. Die wird der Klimawandel stark schädigen und die Frage ist: Was können Menschen tun, um sie widerstands- und anpassungsfähiger zu machen, damit sie nicht zu einer Quelle für Emissionen werden? Unter anderem sollte dazu die Artenvielfalt in den Ökosystemen gefördert werden.

Sagt der Bericht etwas dazu, welche Art Landwirtschaft mit Klimaschutz und Klimaanpassung verträglich ist?
Er macht deutlich, dass das gegenwärtige System absolut nicht nachhaltig ist und mit Klimaschutz sowie mit Anpassung an den Klimawandel unvereinbar. Schnelles Handeln sei erforderlich, die Optionen lägen auf dem Tisch. Viel ist von Effizienzgewinnen die Rede, also davon, mit weniger Dünger dieselbe Menge Nahrung zu erzeugen. Boden soll geschützt und die Humusbildung unterstützt werden. Der Bericht nennt aber wenige Veränderungen am System. „Nachhaltige Landnutzung“ wird als Klimaschutzoption beschrieben, aber darunter werden auch Ansätze verstanden, die in der industriellen Landwirtschaft angewandt werden. Eine Verbesserung gegenüber früheren Berichten ist allerdings, dass der IPCC mehr Augenmerk darauf legt, den Bedarf an aus der Landwirtschaft stammenden Ressourcen zu drosseln. Dazu gehört, weniger Fleisch- und Milchprodukte zu produzieren und zu konsumieren und Verluste nach der Ernte zu verringern, etwa beim Transport, der Lagerung und bei den Verbrauchern.

Weist der IPCC einen Weg, mit der Landkonkurrenz umzugehen und etwa manchen Nutzungen Priorität vor anderen zu geben?
Als Organ der wissenschaftlichen Politikberatung will der IPCC keine Empfehlungen abgeben, und eine Prioritätensetzung wäre genau das. Er zeigt aber immerhin deutlich, dass es im Landsektor Synergien gibt zwischen Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung – zum Beispiel wenn man den Bedarf an Agrarprodukten verringert oder Landrechte für indigene Völker sichert. Ich lese daraus die Empfehlung, diese Synergien vorrangig zu nutzen. In der Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger, bei der Delegierte der Regierungen mitreden, werden allerdings Prioritäten gesetzt – allein durch die Auswahl, was aufgenommen wird und was nicht. Diese Zusammenfassung hat der IPCC mit Vertretern der Staaten in Genf ausgehandelt. Die Forscher müssen sie absegnen, aber es können viele unbequeme politische Optionen schlicht weggelassen werden.

Was ist zum Beispiel gestrichen oder abgeschwächt worden?
Wie stark der Verweis auf die Verringerung des Fleischkonsums auftauchen sollte, war umstritten. Das Wort „Rind“ oder ein direkter Verweis auf weniger Fleischkonsum wurden gestrichen. Daran haben Länder, die Fleisch exportieren, kein Interesse. Verklausuliert wird nun von „ausgeglichener Ernährungsweise mit hohem Pflanzenanteil und nachhaltig produzierten tierischen Produkten“ gesprochen. Interessant ist, dass dieses Thema auch die Journalisten in der Pressekonferenz am 8. August am meisten bewegt hat. Nicht wegdiskutieren ließ sich in Genf aber die wichtigste unbequeme Wahrheit in dem Bericht: Der Landsektor kann die Treibhausgasemissionen nicht in dem Maß ausgleichen, wie die meisten Klimaschutzmodelle annehmen. Die logische Konsequenz ist – auch wenn sie nicht so benannt wird: Die Emissionen aus der Nutzung fossiler Brennstoffe müssen auf null gesenkt werden, „netto null“ reicht nicht. Restemissionen aus der Energieerzeugung oder dem Verkehr gegen Senken aufzurechnen, ist keine Option. Nur innerhalb des Landsektors kann man so rechnen und dort müssen wir dafür sorgen, dass die Ökosysteme wieder zu Senken für Kohlenstoffdioxid werden: Sie müssen nicht nur laufenden Emissionen aufnehmen, sondern auch die Treibhausgase, welche die Atmosphäre seit Jahrzehnten überlasten.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

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