Flüchtlinge berichten von Gräueltaten im Tigray-Konflikt in Äthiopien

Genf/Göttingen - Die Vereinten Nationen erhalten von Flüchtlingen aus der Tigray-Region in Äthiopien fortwährend Berichte über Gräueltaten verschiedener bewaffneter Gruppen. In Tigray plünderten die Bewaffneten Häuser, pressten Jungen und Männer in ihre Einheiten und verübten sexuelle Gewalt gegen Mädchen und Frauen, sagte ein Sprecher des Flüchtlingshilfswerks UNHCR am Dienstag in Genf.

Seit Beginn des Jahres seien weitere 800 Menschen vor der Gewalt in Tigray in den benachbarten Sudan geflüchtet. Insgesamt seien seit Anfang November mehr als 56.000 Kinder, Frauen und Männer in den Sudan gelangt, erklärte der UNHCR-Sprecher Andrej Mahecic. Das Hilfswerk arbeite eng mit den sudanesischen Behörden zusammen, um die Menschen zu versorgen und zu schützen.

Zugleich beklagte der UNHCR-Sprecher eine gravierende Finanznot. Die Weltgemeinschaft habe bis Ende Dezember erst 40 Millionen US-Dollar (knapp 33 Millionen Euro) für die Tigray-Flüchtlingshilfe zugesagt, um Unterkünfte und andere humanitäre Güter zu finanzieren. Das entspreche nur etwas mehr als einem Drittel der benötigten Gelder.

Keine unabhängigen Berichte, unklare Lage

Im November begannen Kämpfe zwischen der äthiopischen Armee und der Volksbefreiungsfront von Tigray, welche die regionale Regierung stellte. Die Region ist weitgehend abgeschottet. Unabhängige Berichte gibt es nicht. Die Gesellschaft für bedrohte Völker erklärte, mindestens 2.000 Zivilisten seien getötet worden. Mehr als eine Million Menschen seien geflohen. Manche Gewalttaten stellten womöglich Kriegsverbrechen dar und müssten von unabhängiger Seite untersucht werden. Auch eine Beteiligung Eritreas an dem Konflikt müsse geklärt werden. Trotz Dementis gebe es Beweise für die Anwesenheit eritreischer Militärs in Tigray, erklärte der Vorsitzende der Gesellschaft, Ulrich Delius.

Die Tigray-Minderheit hatte im Vielvölkerstaat Äthiopien lange Zeit eine entscheidende Stellung in Politik und Armee, seit dem Amtsantritt von Ministerpräsident Abiy Ahmed 2018 hat sie an Einfluss verloren. Abiy ist der erste Regierungschef, der der größten Volksgruppe der Oromo angehört.