Ohne Filter: Wie Afrika seine Geschichten selbst in die Hand nimmt

Nairobi - „Country Queen“ erzählt von den Spannungen zwischen Großstadt und Landleben, Arbeitsleben und Privatleben. Dinge, die Menschen überall auf der Welt beschäftigen - die aber selten erzählt werden, wenn es um afrikanische Länder geht. In der ersten kenianischen Serie auf Netflix, die in diesem Sommer online gegangen ist, dreht es sich aber genau um diese Themen, und zwar aus der Sicht direkt vor Ort. Und genau das kommt bislang viel zu kurz, findet „Africa No Filter“, eine panafrikanische Initiative.

Afrika ist ein extrem diverser Kontinent. Die Medien, besonders internationale, werden dem mit ihrer Berichterstattung oft nicht gerecht. Vor allem der Fortschritt und die innovativen Ideen blieben in den Texten und Sendungen häufig außen vor. „Auch wenn es mittlerweile im Internet alternative Informationswege gibt, das dominante Narrativ bleibt tief in Stereotypen verwurzelt“, sagt Lerato Mogoatlhe, Medienfachfrau der Initiative. Wenn es zum Beispiel um Afrika als Wirtschaftsstandort gehe, werde selten über Frauen berichtet - obwohl der Kontinent den Mastercard-Index für Frauen und Unternehmertum anführt. Botswana, Uganda und Ghana sind im weltweiten Vergleich die Länder, in denen Frauen prozentual am meisten Unternehmen besitzen.

Um den Blick auf Afrika zu weiten, gründete sich die Initiative „Africa No Filter“ im Frühjahr 2020 online - mit Mitarbeiterinnen und Beratern in Südafrika, Kenia, Nigeria, Ghana, Senegal und Burkina Faso. Verschiedene Stiftungen kamen zusammen, um Projekte zu unterstützen, die eine neue Erzählweise über den afrikanischen Kontinent finden.

„Wenn ich Afrika sage, was für Bilder kommen da?“, fragt Mogoatlhe. „Unsere Forschung zeigt: Die Geschichten aus Afrika werden meist anhand von fünf Narrativen erzählt - Korruption, Armut, Krankheit, schlechte Führung und Konflikt. Diese Narrative sind überholt. Und verletzend.“

Damit sich das verändert, schreibt „Africa No Filter“ Stipendien aus, bietet Weiterbildungen und Handbücher für Medien an. Das Geld dafür kommt von Stiftungen und Institutionen, die meisten sitzen in den USA. „Wir sind darauf angewiesen, dass Medien uns etwas über Orte erzählen, an die wir selbst nicht reisen können“, sagt Lerato Mogoatlhe. Und deshalb sei es so wichtig, dass die Erzählungen authentisch seien und die Menschen, um die es gehe, gut repräsentierten.

„Typischerweise sind die Expertinnen und Experten, die über afrikanische Themen sprechen, nicht aus Afrika“, lautet eine Kritik. Medienhäuser sollten sich bemühen, mit jungen Frauen und Männern vor Ort über ihre Erfahrungen und Lebensrealität zu reden - ohne eine Zwischeninstanz.

Zu diesem Zweck hat „Africa No Filter“ auch eine eigene Nachrichtenagentur „bird“ gegründet, die ausschließlich über Kunst, Kultur, Tech, Innovation und Unternehmertum berichtet, immer mit einem lösungsorientierten Ansatz. „Es geht darum, dass die Geschichten ausdifferenzierter sind“, erklärt Mogoathle. „Wir sagen nicht, wir brauchen positive Geschichten. Was zählt, ist, wie die Geschichten erzählt werden.“

Besonders soziale Medien wie TikTok hätten Potenzial, Stereotype aufzubrechen: Junge Menschen nutzten die Plattform, um auf ihre jeweils ganz eigene Art mit Vorurteilen über den afrikanischen Kontinent aufzuräumen. So kontert Charity Ekezie aus Nigeria Vorurteile auf sehr unterhaltsame Art, mit Sarkasmus. „Mein Ziel ist es, sie wissen zu lassen, dass wir ganz normale, wesentliche Dinge hier haben, und ihre Stereotype zu bekämpfen, Schritt für Schritt“, wird Charity Ekezie in einem Interview. „Sie werden lernen: Afrika ist entwickelt, Afrika ist zivilisiert, und wir können uns um uns selbst kümmern.“