03.04.2017

Ruf nach Schutz für Umweltflüchtlinge

In einem reich bebilderten Atlas präsentiert die Internationale Organisation für Migration den aktuellen Wissenstand zur Umweltmigration. Die Autoren beleuchten das Phänomen von vielen Seiten – und fordern, den Klimawandel als Fluchtursache anzuerkennen.

Francois Gemenne, Dina Ionesco, Daria Mokhnacheca: Atlas der Umweltmigration. Oekom-Verlag, München 2017, 176 Seiten, 22 Euro
Der erste Teil des Buches widmet sich vor allem der akademischen und politischen Debatte zum Zusammenhang von Klimawandel und Migration. Die Autoren kritisieren, dass Prognosen zur Anzahl von Klimaflüchtlingen oft von politischem Kalkül geprägt waren. So hätten Hardliner einen Ansturm von Klimaflüchtlingen herbeigeredet, um schärfere Grenzkontrollen zu rechtfertigen. Ob Menschen nach Stürmen oder Überschwemmungen fliehen, hänge aber auch von den wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen ab. Auch können Prognosen nicht miteinbeziehen, wie Gesellschaften sich in Zukunft gegen den Klimawandel wappnen, und stehen von daher methodisch auf wackligen Beinen.

Überhaupt machen die Autoren deutlich, dass Differenzierung nottut. So nimmt Migration infolge des Klimawandels zwar zu, aber es handelt sich um sehr unterschiedliche Arten der Wanderung. Im Moment zieht es Menschen vor allem in Städte, wo sie die Gewalt der Natur meist weniger heftig trifft als in ländlichen Gebieten. Eine andere Strategie ist vorübergehende Migration, beispielsweise in den Hochebenen von Peru. Dort zerstören Regen, Frost und Hitzewellen die Böden für die Landwirtschaft. Um das Einkommen auf eine breitere Basis zu stellen, arbeiten viele Familienväter für einige Jahre in den Vereinigten Staaten als Schäfer, kehren anschließend aber wieder zurück.

Im zweiten Teil zeigen die Autoren, wo und wie der Klimawandel schon heute die Existenzgrundlage vieler Menschen bedroht, etwa weil der Meeresspiegel steigt oder Dürren und Stürme zunehmen. Zahlreiche Karten veranschaulichen das. Am stärksten betroffen sind Menschen in Ländern des globalen Südens, wo Naturkatastrophen häufig auf Armut treffen – eine globale Ungerechtigkeit, zumal das wirtschaftliche Produktions- und Konsummodell des globalen Nordens maßgeblich für den Klimawandel verantwortlich ist.

Abschließend beschäftigen sich die Autoren mit den politischen Handlungsmöglichkeiten. Dabei machen sie auf eine Leerstelle im internationalen Recht aufmerksam: Menschen, die fliehen, weil sie politisch verfolgt werden, fallen unter die Genfer Flüchtlingskonvention von 1951 und haben ein Recht auf Asyl. Jene, die ihr Land verlassen müssen, weil der Klimawandel ihre Existenzgrundlage zerstört, genießen keinen internationalen Rechtsschutz – ob sie Asyl bekommen oder nicht, obliegt der Entscheidung einzelner Staaten. Deshalb plädieren die Autoren für einen neuen Rechtsrahmen, der auch Klimaflüchtlingen verbindlichen Schutz bietet.

Das ist politisch brisant. Denn wenn der Klimawandel als Fluchtursache anerkannt wird, stellt das die Unterscheidung zwischen Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsflüchtlingen in Frage, nach der entschieden wird, wer Asyl bekommt und wer abgeschoben wird. Das Buch macht deutlich, wie unscharf die Trennlinie ist, weil der Klimawandel bereits jetzt die wirtschaftliche Existenzsicherung vieler Menschen in ihrer Heimat untergräbt.
 

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