Von Goldsuchern und Glaskabeln

Südafrika für Einsteiger – so könnte das Motto dieses Länderporträts lauten. Johannes Dieterich lässt Verlierer und Gewinner der politischen Wende aus Johannesburg zu Wort kommen und beleuchtet anhand vieler Einzeleindrücke das große Ganze.

Es ist eine spannende Szene: Johannes Dieterich, der als Journalist seit Jahrzehnten am Witwatersrand lebt, folgt illegalen Goldsuchern in stillgelegte Schächte. Für Einwanderer und Arbeitslose ist diese Suche oft die einzige Möglichkeit, Geld zu verdienen und die Existenz ihrer Familien zu sichern. Wenn sie Glück haben, kommen sie mit ihren Funden aus den feinen Goldadern halbwegs über die Runden. Zu den Gefahren, die dieser Broterwerb mit sich bringt, zählen aber nicht nur schwere und unzureichend abgesicherte Gesteinsmassen, sondern auch kriminelle Netzwerke. Oft werden die Goldsucher überfallen, wenn sie nach stundenlanger und extrem gefährlicher Arbeit in der Tiefe aus einem versteckten Einstiegsloch wieder herausklettern. Und auch die Polizei hält gerne mal die Hand auf: Nur wenn die schlecht bezahlten Ordnungshüter einen Teil der schwer erarbeiteten Kostbarkeiten abbekommen, lassen viele von ihnen die illegalen Minenarbeiter laufen. Auch die Macht der Minenbetreiber endet zuweilen im Gewirr der dunklen Schächte unter Tage, in denen illegale Glücksritter gelegentlich mit angestellten Kumpeln zusammenarbeiten, die unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen auf der Basis ausbeuterischer Zeitverträge schuften.

Johannes Dieterich begleitet in seinem Buch aber nicht nur Überlebenskünstler der Schattenökonomie, sondern auch Gewinner des Wirtschaftsbooms, der auf Gold und zahlreichen weiteren mineralischen Ressourcen beruht. Insbesondere unter der Regierung Thabo Mbekis erwarben einzelne schwarze Unternehmer, die sich Vertretern der Regierungspartei andienten, märchenhaften Reichtum. Den präsentieren sie gern dem interessierten Gast. Der Großteil des Kapitals ist allerdings noch immer in der Hand weißer Unternehmer. Wie sie sich an die neuen Verhältnisse angepasst haben, beweist eine Headhunterin, die ihre Nachbarschaft mobilisierte und privat Glasfaserkabel für schnelles Internet verlegen ließ. Wenn sie auf die Stadtverwaltung gewartet hätte, wäre sie weiter auf unbestimmte Zeit von der nationalen und globalen Geschäftswelt abgekoppelt geblieben. Die energische Unternehmerin setzte sich aber auch für den Erhalt öffentlicher Einrichtungen in ihrem Viertel ein. Den Schlendrian in der Lokalverwaltung und in halbstaatlichen Betrieben prangern viele Menschen an, die in diesem Buch zu Wort kommen.

Unter ihnen sind auch Männer, die auf Nachbarschaftsebene Kriminellen Einhalt gebieten. Einen von ihnen begleitet Dieterich bei seinem Rundgang in Diepsloot, einer noch immer verwahrlosten Township. Dietrich wird Zeuge, wie die örtliche Gemeinschaft verzweifelt versucht, in Eigenregie Schutz vor Dieben und Selbstjustiz zu mobilisieren.

Dabei geht er auf die historischen Ursachen der Gewalt ein und legt nicht verheilte Wunden offen, die in der über Jahrhunderte von Gewalt und Erniedrigung geprägten Gesellschaft weiter klaffen. So thematisiert Dieterich auch die fremdenfeindlichen Übergriffe auf Migranten aus anderen afrikanischen Ländern, die in den Townships am Witwatersrand Zuflucht suchen.

Es ist das Verdienst des Autors, dass er solche Ereignisse in größere politische und historische Zusammenhänge einordnet. Auch ermöglichen seine anschaulichen Beschreibungen und sein lebendiger Schreibstil den Lesern einen guten Zugang zu den wechselvollen und widersprüchlichen Entwicklungen in Südafrika. Ein empfehlenswertes Buch.

 

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