Leben mit dem Klimawandel

 Kaitlin Kish, Christopher J. Orr, Bruce Jennings (Hg.): Liberty and the Ecological Crisis. Freedom on a Finite Planet. Routledge, New York 2020, 290 Seiten, 50,69 Euro

Die Autorinnen und Autoren dieser Essaysammlung spekulieren darüber, wie sich westliche Gesellschaften aufgrund des Klimawandels verändern werden. Ihre Texte sind abstrakt, regen aber zum Nachdenken an. 

In diesem Sommer waren die Auswirkungen der Klimakatastrophe auch in Europa deutlich zu spüren: Überflutungen, Hitzewellen, Waldbrände. Wer sich fragt: „Wie soll das nur weitergehen?“, findet Antworten in der Essaysammlung, die die Yorker Umweltwissenschaftlerin Kaitlin Kish zusammen mit dem Künstler Christopher Orr und dem Biomediziner Bruce Jennings herausgegeben hat. 

Westliche Gesellschaften, darin sind sich die verschiedenen Autorinnen und Autoren, die vor allem aus dem Bereich der Gesellschaftswissenschaften kommen, einig, seien durchweg auf dem Prinzip des wirtschaftlichen Wachstums aufgebaut. Der Klimawandel mache den Menschen bewusst, dass dieses Ziel nicht mehr realistisch sei. Die Ressourcen der Erde seien zu knapp, um weiterhin „auf Größeres“ hinzuarbeiten. Im Anthropozän, also in der Epoche, in der der Mensch zum wichtigsten geologischen Faktor geworden ist, gehe es vielmehr darum, das menschliche Leben als solches überhaupt zu bewahren. 

Gemeinwohl statt übertriebener individueller Freiheit

Dieses Ziel, so der Tenor, präge das Verständnis von Freiheit auf unterschiedliche Weise. Die kapitalistische Marktordnung habe die persönliche Freiheit in den Mittelpunkt gerückt, damit die Menschen wirtschaftlich am effektivsten arbeiten können. In einer Welt limitierter Ressourcen dagegen müsse das Wohl der Gemeinschaft an die Stelle der individuellen Freiheit rücken. Diese grundsätzliche Veränderung werde Auswirkungen auf fast alle Teile des gesellschaftlichen Lebens auf der ganzen Welt haben.

So rücke etwa die Abhängigkeit der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder voneinander und von ihrer Umwelt stärker in den Mittelpunkt, während die Unabhängigkeit, auf die sich viele westliche Gesellschaften seit langem berufen, in den Hintergrund rücke. Zum Beispiel könnte sich das gesellschaftliche Leben dezentraler gestalten, anarchistische Ideen von Grassroots-Bewegungen wie etwa Food Not Bombs könnten mehr Einfluss gewinnen. Denn durch unvorhersehbare örtliche Umweltkatastrophen würden sich die Menschen stärker auf ihr direktes Umfeld konzentrieren als auf weit weg erscheinende Institutionen. Dies könnte dazu führen, dass Kommunen eigenständiger würden. Gleichzeitig hätte der Staat dadurch, dass ein wirtschaftliches Wachstum nicht mehr möglich sei, weniger Möglichkeiten für Investitionen. Ob Sozialversicherungssysteme, wie wir sie heute kennen, dann weiterhin bestehen könnten, sei ungewiss. 

Zwischen Realismus und Utopie

Das Buch ist keine leichte Lektüre. Nicht nur der Inhalt ist an vielen Stellen schwer verdaulich, denn es konfrontiert die Leser auch mit Vorstellungen davon, welche Freiheiten wir in Zukunft möglicherweise aufgeben könnten. So werde die Möglichkeit, sozial aufzusteigen oder häufig den Lebensort zu wechseln, in Zukunft für noch weniger Menschen möglich sein. Auch der akademische Stil und die Sprache sind nicht eben zugänglich und setzen ein gewisses Vorwissen voraus. Viele Essays bauen zudem auf philosophische Theorien oder gesellschaftswissenschaftliche Ideen auf, die als bekannt vorausgesetzt werden. Während einige vorgestellte Konzepte für das Leben mit dem Klimawandel noch nah an der heutigen Lebenssituation sind und gut nachvollziehbar erscheinen, wirken andere Ideen abstrakt, manche nahezu utopisch. 

Dass das Buch für Interessierte trotzdem zu empfehlen ist, liegt vor allem daran, dass es immer wieder zum Nachdenken anregt – darüber, welche Werte wichtig sind und wie sie sich verteidigen lassen.

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