Plädoyer für einen neuen Blickwinkel

Eva Maria Bachinger, Martin Schenk
Die Integrationslüge.
Antworten in einer hysterisch
geführten Auseinandersetzung
Deuticke im Paul Zsolnay Verlag,
Wien 2012, 208 Seiten, 18,40 Euro

Viel ist in diesen Zeiten von Integration die Rede. Dabei geht es meist um Rezepte oder Vorschriften, wie sich Zuwanderer in unsere Gesellschaften einzufügen haben. Wird es problematisch, liegt das vor allem an den fremden Kulturen und Religionen. Eva Maria Bachinger und Martin Schenk erklären, warum die Debatte in die falsche Richtung läuft.

Bachinger und Schenk fordern einen neuen Blickwinkel. Es werde über Kulturen gesprochen, weil Menschenrechte nicht thematisiert werden sollen. Die Journalistin mit langen Erfahrungen im Flüchtlingsbereich und der Sozialexperte der Diakonie und Mitbegründer des Anti-Armut-Netzwerks in Österreich haben ihre Thesen nicht von sterilen Büros aus entwickelt. In Reportagen über die Minarettdebatte in der Schweiz, über Schulen für sozial unangepasste Ausländerkinder im Berliner Bezirk Kreuzberg, über Zuwandererviertel in Wien, eine Gebärklinik und ein Altenheim in Linz stellen sie dar, worum es geht und wo Lösungen liegen könnten.

„Deutschlernen sei der Schlüssel zur Integration, heißt es. Die Sache ist aber komplizierter, sonst müssten die Jugendlichen in den Pariser Vorstädten längst integriert sein, sprechen sie doch tadellos Französisch“, so das Autorenteam. Es fehle an Jobs, Aufstiegsmöglichkeiten, Wohnraum, guten Schulen.

Viele der Probleme, die vor allem bei Migranten diagnostiziert werden, haben weniger mit deren Herkunft zu tun als mit ihren Lebensumständen und Zukunftsperspektiven. Die Rezepte, so sind sich die Autoren sicher, müssten nicht erfunden werden. „Wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem“, urteilt der Sozialpädagoge Sepp Klein, Leiter des Vereins „Durchbruch“ in Berlin, der schwierige Jugendliche zu Installateuren ausbildet: „Frühförderung, kleine Gruppen, optimal finanziert, gute Ernährung“.

Deutschland und Österreich schneiden im internationalen Vergleich besonders schlecht ab, wenn es um die soziale Selektion durch das Schulsystem geht. Schulerfolge hängen laut zahlreichen Studien nicht von der ethnischen Herkunft ab, sondern von der Schichtzugehörigkeit. Und die schrittweise Verschärfung der Fremdengesetze in den vergangenen Jahren sei kontraproduktiv: „Wenn Aufenthalt und Zukunft unsicher sind, wird weniger in die Bildung der Kinder investiert“.

Das Autorenduo sieht eine doppelte Grenze, die die Gesellschaft teile: „Die erste verläuft an der Staatsgrenze, die zweite aber geht mitten durch das Land. Sie bahnt sich den Weg durch Kindergärten, Schulen, Städte und Zeitungen“. Dies sei auch der Grund dafür, dass die meisten Zuwanderer zum Teil weit unter ihrer Qualifikation eingesetzt werden. Ein ehemaliger Diplomat aus Afghanistan, der im Kaffeehaus den Apfelstrudel backt, ist da nur ein besonders illustratives Beispiel.

Dieses Buch versucht in Zeiten, da diese Themen vor allem von Populisten aufgegriffen und manipuliert werden, eine notwendige Debatte zu versachlichen. Die teilweise sehr drastischen Beispiele aus den Rändern der Gesellschaft machen klar, dass die Politik gefordert ist, den längst vorhandenen Erkenntnissen Rechnung zu tragen, statt sich auf das Niveau der Volksverhetzer zu begeben. Und die positiven Beispiele zeigen auch, dass es sich lohnt, Zeit, Geduld und natürlich auch Geld zu investieren, damit Integration nicht als Disziplinierungs- und Assimilationsprozess fehlgedeutet wird.

Ralf Leonhard

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