Hindu-Tempel in Port Louis. Auf Mauritius leben Christen, Muslime und Hindus weit­gehend friedlich miteinander.

Das Wirtschaftswunder kommt ins Stocken

Die Entwicklung von Mauritius gilt als Erfolgsgeschichte. Die Insel hat sich in den vergangenen 40 Jahren vom Zuckerexporteur zur aufstrebenden Volkswirtschaft gemausert. Um diesen Erfolg nicht aufs Spiel zu setzen, muss der Übergang zum Technologiestandort gelingen. Und die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen dürfen sich nicht weiter verstärken.

Schon ein kurzer Streifzug durch die mauritische Hauptstadt Port Louis offenbart die ethnische und kulturelle Vielfalt der Insel im Indischen Ozean. Auf der verkehrsreichen Hauptstraße nahe der Statue der britischen Königin Victoria, die sich immer noch stolz vor dem Regierungsgebäude aus dem 18. Jahrhundert erhebt, türmen sich die glänzenden Wolkenkratzer der Banken über schmuddeligen Händlern, die an belebten Straßenecken sitzen und im lokalen, französisch geprägten Kreolisch lauthals den Preis ihrer Waren verkünden. Auf den Bürgersteigen gehen Hindu-Geschäftsleute inmitten von europäischen Touristen und christlichen kreolischen Händlern zielstrebig ihrer Wege. Nur wenige hölzerne Ladenfassaden vom pagodenförmigen Tor entfernt, das den Beginn des chinesischen Viertels kennzeichnet, dringen aus einer in den 1850er Jahren erbauten Moschee islamische Gebete.

Mauritius ist ein Ort relativen Wohlstands für viele und des Friedens – wenn auch nicht der Gleichberechtigung – zwischen den verschiedenen Religionen und Ethnien, aus denen sich die Bevölkerung von 1,3 Millionen Menschen zusammensetzt. Der Inselstaat gilt als Musterbeispiel für erfolgreiche Entwicklung, politische Stabilität und kulturelle Lebendigkeit.

Autor

James Wan

ist Chefredakteur des Onlineportals Think Africa Press.

Anfang der 1960er Jahre sah das noch anders aus. Die Insellage, die instabile, vom Zuckerrohr abhängige Wirtschaft und ethnische Spannungen führten dazu, dass man dem Land keine große Zukunft gab. 1961 beurteilte der spätere Ökonomie-Nobelpreisträger James Meade die Aussichten für eine friedliche Entwicklung als „schlecht“. Dies führte er auf den Bevölkerungsdruck und die politischen Konflikte zurück, insbesondere zwischen den Kreolen – Nachkommen von Sklaven aus Afrika, die 30 Prozent der Bevölkerung ausmachen – und den Hindus, deren Vorfahren einst als Vertragsarbeiter aus Indien kamen und die etwas mehr als die Hälfte der Bevölkerung stellen. Der Schriftsteller V. S. Naipaul beschrieb Mauritius 1972 als „aufgegebenes  imperiales Sklavenlager, unfähig zu wirtschaftlicher oder kultureller Autonomie“.

Doch vier Jahrzehnte später wird Mauritius von der Weltbank zur wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte erklärt. Nobelpreisträger wie Joseph Stiglitz untersuchen das „Wunder von Mauritius“, um herauszufinden, was Amerika und der Rest der Welt davon lernen können. Von 1970 bis 2010 wuchs das Bruttoinlandsprodukt in Mauritius jährlich um durchschnittlich 5,4 Prozent. Auf der Liste der afrikanischen Länder steht der Inselstaat weit oben bei verantwortlicher Regierungsführung, menschlicher Entwicklung und Lebenserwartung. Freie und faire Wahlen brachten mehrfach einen friedlichen Machtwechsel, und Mauritius wird als investitionsfreundlicher eingestuft als Frankreich und die Schweiz.

Der Wirtschaftsaufschwung war die Folge einer pragmatischen Regierungspolitik. Sie nutzte die hohe Zahl billiger Arbeitskräfte, die Verbindungen zwischen Indien und China und ihren Einwanderergemeinschaften in Mauritius sowie den bevorzugten Zugang zu westlichen Märkten, um die wirtschaftliche Basis zu verbreitern. 1970 richtete die mauritische Regierung eine Exportproduktionszone (EPZ) ein. Sie bot Steuervorteile für Firmen, die Güter für die Ausfuhr herstellen, und die zollfreie Einfuhr von Rohstoffen. Außerdem waren dort weniger strenge Arbeitsrichtlinien und sehr geringe Löhne erlaubt. Das lockte Investoren an, vor allem aus Hongkong und China. Die Textil- und Bekleidungsindustrie der Insel boomte, in der überwiegend mauritische Frauen für die Hälfte des Lohns ihrer Kolleginnen auf den Zuckerrohrplantagen arbeiteten. Das Lomé-Abkommen über die Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den Staaten Afrikas, der Karibik und des Pazifik (AKP) von 1975 gewährte mauritischem Zucker bevorzugten Zugang zu europäischen Märkten, und die Textil- und Bekleidungsindustrie wuchs dank Handelsvorteilen im Rahmen des Multifaserabkommens.

Die Entwicklung einer Fertigungsindustrie war zwar entscheidend, aber Mauritius verdankte seinen Aufstieg auch der Fähigkeit, im Lauf der Jahrzehnte richtig auf Schocks in der Weltwirtschaft zu reagieren und sich auf künftige Anforderungen einzustellen. Die Regierungen konzentrierten sich stets auf das Exportwachstum, sie achteten darauf, dass die mauritische Rupie nicht überbewertet wurde, und setzten alles daran, günstige Rahmenbedingungen für ausländische Investoren aufrechtzuerhalten. In der Erkenntnis, dass die wertvollste Ressource der Insel ihre Bevölkerung ist, investierten sie zudem in einen umfassenden Sozialstaat, der soziale Sicherheitsnetze, ein kostenloses Gesundheitswesen und kostenlose Bildung bis hin zur Universität bietet.

In den späten 1980ern schuf die Regierung Anreize, um Investitionen im Bankgeschäft und in Finanzdienstleistungen, in der Informations- und Kommunikationstechnologie sowie im Luxustourismus zu fördern. Mauritius hat sich zum regionalen Zentrum für Offshore-Banking und Finanzdienstleistungen entwickelt und ist bei wohlhabenden europäischen Urlaubern, vor allem aus Großbritannien und Frankreich, zum Markenzeichen für tropische Strände und Luxushotels geworden.

Hinter diesen Erfolgen stehen effiziente und offene Institutionen, eine sozialdemokratische Gesinnung, Gewaltenteilung und die Achtung des Privateigentums. Entwickelt hat sich all das seit der Unabhängigkeit 1968. Die frühere Kolonialmacht Großbritannien und der erste Premierminister des Landes, Seewoosagur Ramgoolam, führten Verfahren, Bedingungen und Regeln ein, die seitdem das politische Handeln bestimmen. Das Wahlsystem fördert die Konsensbildung und garantiert, dass alle ethnischen Gruppen vertreten sind. Mauritius hat schon lange eine lebendige Opposition und selbstbewusste Medien. Robuste Verfassungsgrundsätze schützen alle Bürger, die Korruption ist zumindest im afrikanischen Vergleich niedrig, und es ist einfach, ein Unternehmen zu gründen.

Ein Blick in die Geschichte erklärt, warum keine der Bevölkerungsgruppen versucht hat, die Macht und die damit verbundenen Profite völlig in ihre Hand zu bringen und warum ethnische Spannungen in den vergangenen Jahrzehnten nur selten zu Gewalt geführt haben. Noch vor drei Jahrhunderten war Mauritius unbewohnt, nur die Dodos, eine Vogelart, lebten dort. 1598 kamen holländische Kolonisatoren und gaben der Insel ihren Namen, 1721 folgten die Franzosen, die von Sklaven aus Madagaskar und Afrika Zuckerrohrplantagen anlegen ließen. 1814 wechselte die Insel erneut die Kolonialherren: Während der Napoleonischen Kriege übernahm hier das britische Weltreich die Macht. Um den Mangel an Arbeitskräften zu beheben, warben die Briten eine halbe Million Vertragsarbeiter aus Indien an; es kamen aber auch welche aus China, Afrika und anderen Ländern.

Bis heute scheinen sich die mauritischen Bürger in erster Linie als Hindus, Muslime, Kreolen oder Chinesen zu verstehen – erst wenn sie die Insel verlassen, werden sie „Mauritier“. Zwar hat diese Haltung die Entwicklung einer nationalen Identität behindert. Die Tatsache, dass die ganze Bevölkerung von Einwanderern abstammt, bedeutet aber auch, dass keine Gruppe für sich einen besonderen Anspruch auf das Land erheben kann, sondern alle gleichberechtigt an seinem Aufbau beteiligt sind.

Man könnte also versucht sein, Mark Twain zu zitieren, der vor mehr als einem Jahrhundert sagte: „Man kommt auf die Idee, dass zuerst Mauritius geschaffen wurde und dann das Paradies; und dass das Paradies nur eine Kopie von Mauritius war.“ Aber auch im Paradies ist nicht alles perfekt, und wenn Mauritius weiter erfolgreich sein will, muss es zwei drängende Probleme bewältigen.

Erstens steht der Inselstaat vor neuen wirtschaftlichen Anforderungen. Das Multifaserabkommen und das Lomé-Abkommen, die einen bevorzugten Zugang zu europäischen Märkten gewährten, sind nicht mehr in Kraft. Die Landwirtschaft und die Fertigungsindustrie sind immer weniger in der Lage, zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen. Die Regierung setzt deshalb auf moderne Technologien und will dabei eine Brücke zwischen Afrika und Asien schlagen. Von Indien hat sie einen Kredit zum Bau einer Cyber-City erhalten, in der sich etwa die Barclays-Bank, das Wirtschaftsprüfungsunternehmen Deloitte und die Telekommunikationsfirma Orange angesiedelt haben.

Außerdem wird zurzeit unter chinesischer Leitung die Sonderwirtschaftszone Jinfei errichtet. Dieses Projekt kostet eine Milliarde US-Dollar und soll mit steuerlichen Anreizen Unternehmen aus der Spitzentechnologie, der Pharmazie und der Informations- und Kommunikationstechnologie anziehen. Die Regierung investiert zusätzlich in eine hochwertige Kommunikationsinfrastruktur und in Schulungen für Schulabgänger, um das Potenzial an technisch qualifizierten Arbeitskräften zu vergrößern.

Doch es ist fraglich, ob Mauritius sich zu dem regionalen Technologiezentrum entwickeln kann, das es gerne sein möchte. Kritiker monieren, die Cyber-City sei lediglich ein Standort für Callcenter, wo eine geringe Wertschöpfung erzielt und den Mitarbeitern niedrige Löhne gezahlt würden. Gleichzeitig ist die Intransparenz beim Jinfei-Projekt Anlass zu der Sorge, dass die Einheimischen möglicherweise von neuen Kenntnissen und Arbeitsplätzen nur begrenzt profitieren werden.

Die zweite große Schwierigkeit für Mauritius wird von den wirtschaftlichen Veränderungen und der Arbeitslosigkeit verschärft, sie besteht aber schon seit der Unabhängigkeit: Zwar wird die Insel zu Recht als ein Ort der Toleranz und Kooperation zwischen den verschiedenen Bevölkerungsgruppen gerühmt, aber nicht alle Gruppen sind gleichberechtigt. Die Kreolen, die Nachfahren der Sklaven, stehen mit ihren vergleichsweise am schlechtesten bezahlten Jobs seit langem ganz unten in der wirtschaftlichen Hierarchie. Die zunehmende soziale und wirtschaftliche Ungleichheit trifft sie am härtesten. Die ethnische Intoleranz scheint zu wachsen, die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Bevölkerungsgruppen werden deutlicher und nach Einschätzung von Beobachtern schottet sich die indischstämmige politische Elite immer mehr von den anderen ab.

Mauritius muss seine Wirtschaft weiter diversifizieren und einen weiteren Entwicklungsschritt vollziehen. Zugleich müssen alte sozioökonomische und politische Ungleichheiten kraftvoll, selbstkritisch und offen angegangen werden. Die Entwicklung des Inselstaates gründet auf Weitblick, Inklusivität und klug gewählten internationalen Partnerschaften. Das wird auch künftig von entscheidender Bedeutung sein, wenn das „Wunder von Mauritius“ weitergehen soll.

Aus dem Englischen von Elisabeth Steinweg-Fleckner.
 

erschienen in Ausgabe 9 / 2012: Südliches Afrika: Wohlstand nur für wenige

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