Kein sicherer Fleck

Sazzad Ibne Sayed
Dunkel und eng: Kaum ein Sonnenstrahl verirrt sich in die Gassen des Slums Duaripara.
In den Slums von Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, leben Millionen Menschen auf engstem Raum. Weil ihnen das Land nicht gehört, können sie jederzeit vertrieben werden. Doch ein paar von ihnen haben sich ein Apartmenthaus gebaut.

Noch vor zehn Jahren wohnte Jamil in einem kleinen Lehmhaus am Ufer des Jamuna-Flusses – etwa 120 Kilometer nordwestlich von Dhaka, der Hauptstadt Bangladeschs. Seinen bescheidenen Lebensunterhalt verdiente er als Tagelöhner in der Landwirtschaft. Auch wenn es für die fünfköpfige Familie kaum zum Überleben reichte, so hatte er doch ein eigenes Haus.

Dann jedoch zerstörte ein heftiger Monsunregen sein Zuhause. Jamil blieb mittellos zurück und sah sich gezwungen, nach Dhaka zu gehen, um sich dort durchzuschlagen und mit seiner Familie eine Zuflucht zu finden. So kam er ins Herz von Dhaka, in einen Slum in Duaripara, eines von 5000 Armenvierteln in der Hauptstadt, die eine der am dichtesten bevölkerten Städte weltweit ist. Die Slums sind Heimat für vier Millionen Menschen wie Jamil.

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Eine Bambusbrücke über einen halb ausgetrockneten Kanal, der von weggeworfenen Plastiktüten und Müll verstopft ist und dessen Wasser in einem schmierigen Schwarz schimmert, verbindet die beide Teile von Duaripara. 200 Familien hausen hier in bedrückend engen Baracken, die aus einem einzigen Raum bestehen. Das Viertel ist durchzogen von dunklen engen Gassen, in die sich nicht einmal an einem strahlend hellen Tag ein Sonnenstrahl verirrt. Wasserleitungen aus Plastik liegen herum, die Wege sind schlammig und schmutzig. Die Schläuche dienen der Wasserversorgung der Slumbewohner und ihrer schäbigen Toilettenhäuser.  Die monatliche Miete für die winzigen Unterkünfte schwankt zwischen 1.800 Taka (ca. 18 Euro) und maximal 2.000 Taka (ca. 20 Euro) – bei einem durchschnittlichen Monatsverdienst der Bewohner von 5.000 bis 7.000 Taka. Ein armer Slumbewohner zahlt ein Viertel bis ein Drittel seines Einkommens für die Miete – unabhängig von der Qualität der Wohnung. Die Familie leidet darunter, dass ein Löwenanteil des Einkommens dafür draufgeht“, erklärt Professor Nazrul Islam, der Vorsitzende des Centre for Urban Studies (CUS) in Dhaka. Die Leute in den Slums müssen Schlange stehen, wenn sie zur Toilette müssen, Wasser brauchen oder kochen wollen. Daneben besteht die Gefahr, dass ihre Häuser angezündet oder sie ohne Vorwarnung auf die Straße gesetzt werden.

Die meisten Slums in Dhaka befinden sich auf privatem Land

Die Architektin und Stadtplanerin Salma A. Shafi vom Centre for Urban Studies erklärt: „Die stark wachsende Zahl armer Migranten in Dhaka ist vom informellen Sektor abhängig. Fast alle Unterkünfte in Dhakas informellen Siedlungen sind von schlechter Qualität und stark überbelegt; mehr als 95 Prozent der Häuser bestehen aus einem einzigen Raum und sind kleiner als 14 Quadratmeter.“ In einigen informellen Siedlungen in Dhaka leben fast tausend Menschen auf der Fläche eines halben Fußballfeldes. Immerhin: Die meisten Gegenden haben heute Zugang zu den wesentlichen Infrastrukturdiensten, sagt Shafi.

Es gibt zwei Arten von Slums. Siedlungen auf öffentlichem Land sind meistens illegal und mit dem Rückhalt von Banditen, korrupten Behördenmitarbeitern und lokalen Entscheidungsträgern oder mit Unterstützung einflussreicher Leute entstanden. Außerdem gibt es Siedlungen auf privatem Land, auf dem die Eigentümer billige Unterkünfte in schlechter Qualität für arme Leute bauen. In manchen sind die Sicherheitsstandards sogar akzeptabel, sie gelten aber wegen der hohen Bevölkerungsdichte dennoch als Slums. Da zuletzt immer weniger staatliche Grundstücke zur Verfügung standen, befinden sich derzeit mehr als zwei Drittel der Slumsiedlungen in Dhaka auf privatem Grund und Boden; früher war das Verhältnis umgekehrt. Das liegt daran, dass die Grundstücke in Regierungsbesitz stärker für staatliche Zwecke beansprucht werden und Besetzungen nicht länger toleriert werden.

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Die Miete auf staatlichem Land ist niedrig; die Bewohner zahlen an Banditen oder Leute, die die Slums protegieren. Auf Privatland ist die Miete eher hoch und beläuft sich auf 30 bis 40 Prozent des üblichen Einkommens. Die Slumbewohner sind nicht selber Eigentümer, fühlen sich unsicher und wissen nicht, wie lange sie bleiben können. Das gilt vor allem für Siedlungen auf staatlichem Boden, auf Privatland ist das Mietverhältnis relativ sicher. „Zwangsräumungen durch staatliche Behörden erfolgen urplötzlich. Aus Angst vor gerichtlichen Auseinandersetzungen und Verfügungen, die die geplante Räumung durchkreuzen könnten, werden sie gar nicht erst langfristig angekündigt. In Slums auf Privatland besteht eher die Gefahr indirekter Zwangsräumungen, indem die Eigentümer kontinuierlich an der Mietschraube drehen“, sagt Nazrul Islam.

Privatgrundstücke in der Stadtmitte von Dhaka, aber auch in den Außenbezirken sind so teuer, dass die Armen dort nur vorübergehend wohnen können. Slums im Privatbesitz werden oft in Gewerbeimmobilien oder hochwertige Apartmentanlagen umgewandelt. Die Slum-Eigentümer sind scharf kalkulierende Geschäftsleute: Sie nutzen das Grundstück so lange als Armenviertel, bis sie es für einen anderen Zweck nutzen können, der mehr Profit abwirft.

„Wir sind uns bewusst, dass uns das besetzte Land nicht gehört. Werden wir angemessen umgesiedelt, ziehen wir ja auch weg. Häufig ist es aber so, dass nach langen Jahren harter Arbeit eine Familie endlich auf einen grünen Zweig kommt, und dann rollt der Bulldozer an und vertreibt sie. Ich habe Fälle gesehen, in denen eine Bewohnerin in den Wehen lag und nur wenige Meter von ihrer Hütte entfernt alles platt gemacht wurde“, erzählt Mumtaz Akter Aduri Begum, Mitglied von Nagar Daridra Basteebashir Unnayan Sangstha, einer NGO, die sich für die armen Slumbewohner in der Stadt einsetzt.

Slumbewohnern ist es meist unmöglich, eigenes Land zu kaufen

NGOs oder ausländische Hilfswerke bauen Toiletten, Straßen, Abwasserkanäle und Schulen für die Slums, aber am Ende walzt der Bulldozer alles platt oder ein Feuer legt alles in Schutt und Asche.  Mumtaz glaubt, dass Zwangsräumungen in letzter Zeit seltener geworden sind: „Unsere Organisation wehrt sich vehement gegen solche Vorgänge. Wir haben für viele Slums vor Gericht durchsetzen können, dass sie bleiben dürfen.“ 

Die Slums haben sich mittlerweile zum Stadtrand hin verschoben. Es kommt seltener zu großen Zwangsräumungen durch die Regierung, weil aus der Zivilgesellschaft und von den Slumbewohnern selber mit Unterstützung lokaler NGOs organisierter Widerstand zu erwarten ist. Die nationale Richtlinie für Wohnungsbau von 1993 nimmt Bezug auf die Armen in Ballungszentren und ihr Recht auf Land. Die Richtlinie hält fest, dass arme Menschen ohne ein angemessenes Umsiedlungsprogramm nicht vertrieben werden dürfen. „Diese Politik schützt eindeutig die Interessen der Armen in der Stadt. Zwangsräumung darf es nur mit angemessener Umsiedlung geben und wenn das Land für übergeordnete Regierungszwecke benötigt wird. In der Praxis aber wird diese Vorgabe nicht eingehalten“, sagt Nazrul Islam vom Centre for Urban Studies. Slumbewohnern ist es unmöglich, angesichts steigender Grundstückspreise eigenes Land zu erwerben. Deshalb konzentriert man sich neuerdings darauf, ihnen wenigstens zu einer eigenen Wohnung zu verhelfen. Die Organisation ARBAN (Association for Realization of Basic Needs), in der auch Slumbewohner Mitglied sind, hat ein sechsstöckiges Apartmenthaus mit 30 bis 40 Wohneinheiten gebaut: ein kleines, aber beispielhaftes Projekt. 

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Für Kulsum Akter Runa, die in den Slums Saris verkauft, kam der Neuanfang 1999, als sie Mitglied bei ARBAN wurde. „Aus meinen Tagen im Slum könnte ich endlose Horrorgeschichten erzählen. Wir lebten in ständiger Angst vor Verbrechen,“ sagt sie. Sie habe mit eigenen Augen gesehen, wie Banditen Hütten abgebrannt, junge Mädchen entführt und sogar Leuten die Hände abgehackt haben. „Immer hatten wir Angst vor Vertreibung, der ungewissen Zukunft und dem Feuer. Wenn man mit der Miete mal zu spät war, hat der Eigentümer den Wohnraum einfach an jemand anderen vermietet, ohne etwas zu sagen“, erzählt sie.

ARBAN ermunterte Slumbewohner wie Kulsum Akter Runa, an den 1999 eingeführten Bildungs- und Sparprogrammen teilzunehmen. Die Leute konnten sich mit 20 Taka (0,20 Euro) bis hin zu 300 Taka (2,88 Euro) monatlich beteiligen, erklärt Muhammed Kamaluddin, Koordinator von ARBAN. Nach acht Jahren betrugen die Ersparnisse 2,2 Millionen Taka (21.150 Euro), ARBAN kaufte davon ein etwa 400 Quadratmeter großes Grundstück. „Wir begannen mit dem Bau des Apartmenthauses, sechs Stockwerke mit jeweils acht Wohnungen je Stockwerk à 48 beziehungsweise 35 Quadratmeter. Wir wollen bis Dezember 2013 fertig sein und dann alle 40 Wohnungen an die 40 Mitglieder übergeben haben, die von Anfang an dabei sind“, sagt Muhammed Kamaluddin.

Runa ist froh, dass die Tage im Slum vorbei sind

Runa erzählt: „Ich habe bei dem Sparprogramm mitgemacht. Mein Mann und meine Familie waren dagegen, weil sie den NGOs nicht trauen. Ich habe ihnen nichts gesagt und immer meine 300 Taka im Monat dort eingezahlt. Es war schwierig, hat sich aber am Ende gelohnt.“ Runa ist seit Juni 2012 stolze Eigentümerin einer 35-Quadratmeter-Wohnung. Wer ihr rosa gefliestes Zuhause betritt, spürt die neue Zuversicht und die Zufriedenheit bei allen Familienmitgliedern. „Ich habe fast mein ganzes Erspartes dafür ausgegeben, meine kleine Wohnung zu möblieren, und selbst wenn ich heute mal nichts zu essen habe, bin ich froh, weil die Tage im Slum vorbei sind. Ich fühle mich jetzt sicher, auch wenn ich noch keine Türen für die Schlafzimmer kaufen konnte. Wenn ich die Wohnungstür abschließe, kann meine Familie – zwei Jungen und ein Mädchen – ohne Angst schlafen. Ich werde noch fleißiger arbeiten, damit ich mein Zuhause ordentlich einrichten kann“, erzählt Runa hochzufrieden.

Runas Geschichte handelt von viel harter Arbeit und großem Glück. Aber nicht alle Geschichten enden wie ihre. Viele Menschen wie Jamil versuchen, in den Slums von Dhaka ihr tägliches Auskommen zu finden. Sie haben keine Ersparnisse und kein Land, das sie ihr Eigen nennen könnten.

Aus dem Englischen von Barbara Kochhan

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erschienen in Ausgabe 10 / 2013: Landrechte: Auf unsicherem Boden
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