Studenten fordern 2012 in Neu-­Delhi, die Friedensgespräche mit den Naga fortzusetzen.

Rebellische Region

Indische Schulkinder lernen wenig über den Nordosten ihres Landes. Diese Missachtung hat Tradition – die Einwohner wehren sich.

Der Nordosten Indiens hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die vernachlässigte Region umfasst heute die sieben Bundesstaaten Assam, Arunachal Pradesh, Nagaland, Manipur, Mizoram, Tripura und Meghalaya, häufig wird auch Sikkim dazugezählt. Rund 50 Millionen Menschen leben hier. In der britischen Kolonialzeit gehörte das Gebiet zur Provinz Assam. Nach der Unabhängigkeit 1947 geriet es in eine isolierte Lage, als Britisch-Indien in die Staaten Indien und Pakistan geteilt wurde. Das zwischen Assam und dem indischen Kernland gelegene Ostbengalen kam zu Pakistan und machte sich 1971 als Bangladesch unabhängig.

Nordostindien grenzt im Südwesten an Bangladesch, im Osten an Myanmar und im Norden an Bhutan und China. Mit dem Rest Indiens ist der Nordosten nur über einen schmalen Korridor von 200 Kilometern Länge sowie zwischen 20 und 60 Kilometer Breite verbunden. Manche nennen ihn „Hühnerhals“. So leicht wie ein solcher könnte die Verbindung gekappt werden. Lange Zeit hat die indische Regierung hier Krieg geführt statt eine Verwaltung aufzubauen und die wirtschaftliche und demokratische Entwicklung zu fördern. Das hat eine lang anhaltende Rebellion entfacht, mit der Einwohner für ihre Identität und Entwicklung kämpfen.

Manche dieser Bewegungen gehen zurück bis in die frühen 1950er Jahre wie der Aufstand der Naga, der noch immer gärt. Die Naga wollten über eine Autonomie debattieren. Doch die indische Regierung, vielleicht noch traumatisiert von der Abtrennung Pakistans, schickte das Militär, entfesselte ein Gemetzel und schüchterte die Bevölkerung ein. Ein Drittel der 34 militanten Organisationen, die das Innenministerium in Neu-Delhi offiziell verboten hat, stammen aus dem Nordosten des Landes. Alleine im Bundesstaat Manipur, der derzeit von einem Aufstand heimgesucht wird, sind es sechs.

Ein Gesetz wie ein Vorschlaghammer

Das mächtigste Instrument, mit dem der Nordosten unterworfen wird, ist der „Armed Forces Special Powers Act“ (AFSPA). Das Gesetz gleicht einem Vorschlaghammer, obwohl es ein Nussknacker auch getan hätte. Seit 1958 gewährt es den Sicherheitskräften Sonderrechte im Kampf gegen Aufständische und schützt sie vor der Strafverfolgung. Und es bleibt höchst umstritten, denn es erlaubt der Regierung, im Namen von Recht und Ordnung zu tun, was sie will – sogar mit Zivilisten, die nicht an Kämpfen beteiligt sind.

Die Armee kann jeden erschießen, der gegen AFSPA verstößt. Die Verstöße reichen von einer Protestversammlung ab fünf Teilnehmern bis zum Waffenbesitz. Die Soldaten können vermutete Waffendepots ausheben und Orte zerstören, an denen sich ihrer Einschätzung nach Rebellen oder deren Sympathisanten verstecken.

Das Gesetz ist gegenwärtig mit Ausnahme von Sikkim in Teilen der nordöstlichen Bundesstaaten in Kraft. In den 1950ern bis in die 1980er Jahre stachelte es den Zorn und die Rachefeldzüge Indiens an: In den Stammesgebieten der Naga, den heutigen Bundesstaaten Nagaland, Manipur und Mizoram, wurden Zivilisten von Sicherheitskräften gefoltert, vergewaltigt und ermordet. Seither kam es nur vereinzelt zu Übergriffen unter AFSPA, doch das Gesetz bleibt bedrohlich für die Menschen, vor allem in Manipur.

Das Gesetz ist zu einem Sinnbild dafür geworden, wie brutal Indien sein eigenes Volk unterdrückt – und zugleich Demokratie predigt. Es hat eine der längsten Revolten in Südasien hervorgebracht. Anfang November 2000 wurden zehn Menschen von Truppen der paramilitärischen Assam Rifles erschossen, als sie an einer Bushaltestelle in der Nähe von Imphal warteten, der Hauptstadt von Manipur. Die Truppen waren zuvor von einheimischen bewaffneten Rebellen angegriffen worden. Für ihren Vergeltungsschlag wählten sie Zivilisten: Das jüngste Opfer war ein 17-jähriger Junge, das älteste eine 60-jährige Frau.

Die Menschenrechtsaktivistin Irom Sharmila begann unmittelbar danach einen Hungerstreik, um die Rücknahme von AFSPA zu erzwingen. Er dauert bis zum heutigen Tag; die Aktivistin wird mit einer Nasensonde zwangsernährt.

Sharmila wurde wegen versuchtem Selbstmord verhaftet – das ist laut dem indischen Gesetzbuch strafbar und wird mit maximal einem Jahr Gefängnis, einer Geldstrafe oder beidem geahndet. Kurz bevor ihre Haftzeit verstrichen ist, wird Sharmila jedes Jahr entlassen und gleich darauf  wieder eingesperrt. Dieses Ritual vollzieht sich seit 15 Jahren.

Im Januar wies ein Gericht die gegen Irom Sharmila erhobene Anklage zurück und ordnete ihre Freilassung an, weil „versuchter Suizid“ in Indien nicht länger als Straftat betrachtet wird. Dennoch wurde die 43-Jährige nur einen Tag später erneut festgenommen und laut Amnesty International in die geschlossene Abteilung eines Krankenhauses in Imphal gebracht, wo sie mit Flüssignahrung zwangsernährt wird.

Nordostindien muss ohne Umwege erreichbar sein

Ohne Demokratie und Sicherheit kann es keinen Frieden geben. Und ohne Frieden wächst kein Wohlstand. Im Nordosten Indiens entscheidet sich das Schicksal der nach Osten gewandten Politik der Zentralregierung, die Premierminister P.V. Narasimha Rao 1991 erstmals formuliert hatte und mit der er sich von der bis dahin favorisierten Ausrichtung auf den Westen abgrenzen wollte. Indien wünscht sich etwa eine Straße sowie eine Eisenbahnverbindung von der Metropole Kolkata durch Bangladesch nach Meghalaya, Assam und Arunachal Pradesh.

Ein ähnlicher Zugang wird nach Tripura angestrebt. Dann könnte Nordostindien in einem Tag erreicht werden anstatt wie bisher auf einem drei- bis viertägigen Umweg, der dem Erbe der Teilung geschuldet ist. Der Zentralregierung in Neu-Delhi schwebt zudem ein Energienetzwerk vor, das Indien, Bangladesch und Myanmar umspannt, um den Nordosten wirtschaftlich in Gang zu bringen. Um all dies zu erreichen wurden die diplomatischen Beziehungen zu Bangladesch in jüngster Zeit verstärkt. 

Vertieft hat sich auch das Verhältnis zu Myanmar. Das Land kann ebenfalls dazu beitragen, Teile des Nordostens aus der Dunkelheit in eine blühende Zukunft zu führen. Denn es verfügt über Öl- und Gasvorkommen und einen Zugang zu den ostasiatischen Märkten und zum Südwesten Chinas. Und wenn das Projekt, den Golf von Bengalen mit dem Golf von Thailand zu verbinden, zustande kommt, könnte das dem Suez- und dem Panama-Kanal in punkto Sicherheit und Wohlstand für die Region Konkurrenz machen.

Zeit für versöhnliche Gesten

Zudem konnte die indische Regierung Myanmar durch politische und ökonomische Zugeständnisse davon überzeugen, gegenüber Rebellen aus Nordostindien weniger gastfreundlich zu sein. Solche außenpolitischen Vorhaben werden zunehmend an Bedeutung gewinnen. Aber mehr als alles andere ist es an der Zeit für versöhnliche Initiativen und Gesten zwischen Indien und seinem Nordosten. Denn es ist dumm, engere Beziehungen zu Bangladesch und Myanmar anzustreben, ohne die Konflikte in den nordöstlichen Staaten zu bereinigen, die als Verbindungstüren zu den Nachbarn wirken.

In Assam flammten Ende 2013 ­Konflikte zwischen Volksgruppen ­auf. Tausende Menschen wurden aus ihren Dörfern vertrieben und ­haben Zuflucht in Lagern wie diesem gefunden. Afp/Getty Images
AFSPA aufzuheben wäre eine solche Geste. Mehrere Vertreter von Komitees und Regierungsbehörden haben sich im Parlament bereits dafür eingesetzt. Einige von ihnen, darunter der gegenwärtige Vorsitzende des Geheimdienstkomitees, R.N. Ravi, der auch in Gesprächen mit den Naga-Rebellen vermittelt, bezweifelt schon lange, dass das Gesetz notwendig ist. Ebenso bezweifelt er die Notwendigkeit starker Militärpräsenz in Nordostindien zur Aufstandsbekämpfung. In bestimmten Kreisen der indischen Regierung wächst zudem die Erkenntnis, dass Friedensförderung, Entwicklung, verantwortungsbewusste Regierungsführung sowie ethnischer und regionaler Respekt die innere Sicherheit des Landes am besten garantieren können. Im politischen Mainstream ist das allerdings noch nicht angekommen.

Darüber hinaus braucht es kleinere, aber dennoch wichtige Gesten. Ich bin 50 Jahre alt und habe in der Schule vieles über den Fluss Ganges und seine Verzweigungen gelernt. Aber ich erfuhr nichts über den Brahmaputra im Nordosten Indiens, einen der größten Flüsse der Welt. Er entspringt in Tibet und fließt durch Arunachal Pradesh und Assam sowie Bangladesch, bis er in den Golf von Bengalen mündet. Vom und am Brahmaputra leben mehr als 100 Millionen Menschen. In meinen Schulbüchern fanden sich keinerlei Informationen über die Menschen, die Geschichte und die Kultur Nordostindiens.

Und das hat sich kaum verändert. In den Lehrbüchern meiner Tochter sind die einzigen Bezüge zu Nordostindien, dass der Brahmaputra existiert, dass sich das Himalaja-Gebirge bis in den Osten von Arunachal Pradesh erstreckt und dass Myanmar eine Grenze mit vier der nordöstlichen Staaten teilt. Mehr nicht. Angeordnet von der Regierung nährt eine solche Ignoranz die Überheblichkeit und den mangelnden Respekt der Einwohner im indischen Kernland gegenüber ihren Landsleuten im Nordosten.

Doch keine Landkarte bleibt für immer unveränderlich. Die Karte Südasiens etwa wandelte sich dramatisch zwischen 1947 und 1949; das brachte eine Reihe von sozialen, politischen und wirtschaftlichen Problemen hervor, unter denen die Region noch heute leidet. China hat sich Tibet einverleibt, Indien verschlang Sikkim, aus einem Teil Pakistans entstand  Bangladesch. Der Zusammenbruch der Sowjetunion und die deutsche Wiedervereinigung sind Beispiele aus der jüngeren Geschichte. Und wer hat schon erwartet, dass sich das kleine Osttimor vom mächtigen Indonesien abspaltet?

Autor

Sudeep Chakravati

ist Autor und Berater mit den Schwerpunkten Menschenrechte, Wirtschaft und Sicherheit in Indien und Südasien.
Natürliche und von Menschen beeinflusste Kräfte können Nordostindien in interessante Richtungen stoßen. Es könnte den Stellvertreterkrieg zwischen China, Pakistan und Indien verstärken und der gen Osten orientierten Politik der indischen Regierung neue Dimensionen verleihen. Die Frage ist auch, wie sich die vom Klimawandel verstärkte Überflutung von Bangladeschs Küsten auf die regionale Bevölkerungsentwicklung auswirkt: Sie wird viele Menschen zwingen, auszuwandern, vor allem nach Indien. Das würde Indiens Grenzen im Nordosten und Osten neu definieren.

Wie geht es weiter mit den Bestrebungen der Naga nach Autonomie und Nationalität? Sie haben sich noch lange nicht erledigt. In Manipur, südlich von Nagaland gelegen, könnte eine Koalition von Stämmen in verschiedenen Autonomie-Räten entstehen sowie ein spezieller Status für das Imphal-Tal, die traditionelle Hochburg der Ethnie der Meitei, geschaffen werden. Ihre Rebellengruppen sprechen schon lange von Autonomie, manche wünschen sich den Schutz der Vereinten Nationen. Wird das die Zukunft sein? Oder wird es ein Leben in Würde und Wohlstand innerhalb der indischen Union geben, gesichert durch die Präsenz Chinas?

Indien und sein Nordosten können wählen, ob sie ein heikles Spiel spielen oder eine produktive Koexistenz führen wollen. Aber zunächst muss Frieden herrschen. Und damit er einkehren kann, sind Verständnis und Respekt nötig.

Aus dem Englischen von Gesine Kauffmann.

 

Bücher von Sudeep Chakravati

Highway 39. Reportagen aus Indiens aufständischem Nordosten, Draupadi-Verlag, Heidelberg 2015, 370 Seiten

Clear.Hold.Build: Hard Lessons of Business and Human Rights in India, Harpercollins, Neu-Delhi 2014, 320 Seiten

erschienen in Ausgabe 6 / 2015: Indien: Großmacht im Wartestand

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