„Fusionen sind ausgeschlossen“

Die Deutsche Bischofskonferenz (DBK) hat im vergangenen Herbst die katholischen Hilfswerke zu mehr Zusammenarbeit aufgefordert. Die Arbeit der Werke müsse „zukunftsfest“ gemacht werden, hieß es auf der Herbstvollversammlung der Bischöfe. Hintergrund ist unter anderem der Rückgang bei Spenden- und Kollekteneinnahmen. Martin Bröckelmann-Simon, Geschäftsführer des Bereichs Internationale Zusammenarbeit bei Misereor, erklärt, was das für Misereor bedeutet und in welchem Verhältnis die katholischen Werke zueinander stehen.

Wie geht Misereor mit dem Beschluss der Bischofskonferenz um?

Zum einen bestärkt er uns in dem, was wir sowieso schon tun, nämlich uns weiterhin und noch stärker mit anderen Werken abzustimmen. Das gilt auch im Bereich des Fundraisings. Wir haben zum Beispiel seit  vier Jahren eine Vereinbarung mit Caritas International, uns fachlich abzustimmen und auch in finanzieller Hinsicht zu kooperieren. Solche bilateralen Vereinbarungen wird es auch mit anderen Werken geben. Außerdem ist geplant, dass die sieben katholischen Hilfswerke – nach ihren Anfangsbuchstaben MARMICK-Werke genannt – sich gemeinsam im Internet präsentieren und ab 2011 einen gemeinsamen Jahresbericht herausgeben. Marketingstrategisch ist das sicher nicht einfach. Aber es ist uns wichtig zu zeigen, dass wir arbeitsteilig arbeiten und uns gegenseitig ergänzen. Gemeinsam helfen wir Menschen in Not: Die einen kümmern sich um deren leibliches Wohl, die anderen um das seelische Wohl.

Wie ist die Finanzlage der Werke?

Grundsätzlich muss man da zwischen Kollekten und Spenden unterscheiden. Seit 1990 ist die Zahl der Gottesdienstbesucher rückläufig. Entsprechend sind auch die Kollekten zurückgegangen. Dagegen sind die Spenden zumindest für einige Werke stabil geblieben, bei Misereor sind sie sogar leicht gestiegen. 2008 konnten wir 34,5 Millionen Euro an Spenden verbuchen; die Kollekten lagen bei 20,3 Millionen Euro. Im Jahr 2000 war das Verhältnis noch anders. Da haben wir 33 Millionen Euro an Kollekten und 28,6 Millionen Euro Spenden bekommen.

Die Einnahmen von Werken wie Adveniat, Missio, Caritas International und auch Misereor sind seit Anfang der 1990er Jahre insgesamt gesunken. Das Päpstliche Missionswerk der Kinder hingegen hat seine Spendeneinnahmen im gleichen Zeitraum verdreifacht. Machen sich die katholischen Hilfswerke untereinander Konkurrenz?

Die Sternsinger sind vom Kollektenrückgang weniger betroffen als wir anderen, weil sie das einzige Hilfswerk sind, das eine „Türkollekte“ macht. Damit erreichen sie die Menschen, die sich zwar weiterhin mit christlichen Themen auseinandersetzen, aber nicht mehr in die Messe gehen. Die größere Konkurrenz erleben wir jedoch eher von der wachsenden Zahl säkularer Spendenorganisationen. Heute haben viele internationale Netzwerke wie World Vision, Care, Plan International und Oxfam, aber auch spendensammelnde UN-Organisationen wie UNICEF Büros in Deutschland. Unter Fundraisern gelten Christen als besonders spendenfreudig. Entsprechend versuchen auch säkulare Organisationen, auf diesem Feld Fuß zu fassen.

Warum gibt es so viele verschiedene katholische Werke?

Jedes Werk hat einen spezifischen Auftrag. Missio und Adveniat sind Werke mit pastoralem Auftrag, die aus der klassischen Missionsarbeit entstanden sind. Missio unterstützt Ortskirchen in Afrika und Asien, Adveniat in Lateinamerika. Die Auslandsabteilung der Caritas wiederum ist für die Katastrophenhilfe zuständig, Renovabis konzentriert sich auf Osteuropa. Und bei den Sternsingern geht es darum, dass Kinder Kindern helfen. Misereor hingegen ist ausschließlich für die Entwicklungsarbeit beauftragt – als Werk der Kirche, aber nicht für die Kirche.

Ist das in Zeiten der Säkularisierung ein Standortvorteil?

Die Werke mit pastoralem Auftrag haben es heute sicher schwerer, die Notwendigkeit ihrer Arbeit in der Öffentlichkeit zu vermitteln, als ein Werk wie Misereor, das sich in der Entwicklungsarbeit engagiert.

Gibt es keine Konkurrenz zwischen den katholischen Werken?

Natürlich gibt es eine gewisse Konkurrenz auch unter uns und zwar darum, mit wem sich die kirchlich Aktiven an der Basis am ehesten verbunden fühlen. Dennoch wollen wir deutlich machen, dass jeder, der sich für ein Hilfswerk entscheidet, die gesamte katholische Weltkirchenarbeit unterstützt. Alle Hilfswerke teilen die Sorge, dass durch die Strukturveränderungen an der Basis das Thema Weltkirche insgesamt an Bedeutung verliert.

Im evangelischen Bereich hat es ähnliche Debatten gegeben. Jetzt sollen der Evangelische Entwicklungsdienst und „Brot für die Welt“ fusionieren. Wird auch im katholischen Bereich an Zusammenlegungen gedacht?

Nein, die Vollversammlung hat ausdrücklich strukturelle Veränderungen oder gar Fusionen ausgeschlossen. Vielmehr wurde die Vielfalt der Werke bekräftigt. Zugleich geht es aber auch darum, die katholische Weltkirchenarbeit ganzheitlich, also als Gesamtschau der Akteure darzustellen. Was im evangelischen Bereich mit der Fusion von „Brot für die Welt“ und EED angestrebt wird, ist das, was Misereor seit rund 50 Jahren bereits ist. Unsere Arbeit basiert schon immer sowohl auf Spenden als auch auf Kirchensteuern und öffentlichen Mitteln.

Das Gespräch führte Katja Dorothea Buck.

erschienen in Ausgabe 4 / 2010: Globale Eliten - Von Reichtum und Einfluss