Bilanz der Entwicklungsziele
Bilanz der Entwicklungsziele

Skepsis, trotz Erfolgen

Den Hunger und die Armut auf der Welt deutlich verringern – dazu waren vor 15 Jahren die acht Millenniumsentwicklungsziele (MDG) der Vereinten Nationen (UN) ausgerufen worden. In ihrem letzten Fortschrittsbericht ziehen die UN eine positive Bilanz. Entwicklungsexperten sind skeptisch.

Die MDGs lieferten den Beweis, dass globale Anstrengungen mit festen Leitplanken Großes erreichen können. Wie nie zuvor hätten sie in den vergangenen 15 Jahren einen Trend zur Bekämpfung der Armut gesetzt, heißt es im Fortschrittsbericht 2015. Daraus lasse sich Mut schöpfen, dass es gelingen könne, extreme Armut weltweit völlig auszumerzen.

Der Fortschrittsbericht 2015 ist die letzte Jahresbilanz der MDGs und liefert damit den Ausgangspunkt für den neuen Rahmen, den die UN im Herbst für nachhaltige Entwicklungsziele abstecken wollen. Derzeit wird über 17 Ziele verhandelt, die für alle Länder gleichermaßen gelten sollen. Sie umfassen soziale, ökologische und ökonomische Aspekte nachhaltiger Entwicklung.

Im Trend hat die Welt mit Hilfe der MDGs trotz widriger wirtschaftlicher Bedingungen bedeutsame Fortschritte gemacht. So wurde der Anteil der Armen, die mit weniger als 1,25 US-Dollar am Tag auskommen müssen, um mehr als die Hälfte auf 14 Prozent der Weltbevölkerung reduziert. Auch der Anteil der Hungernden und die Rate der Kindersterblichkeit sei in der Zeit um mehr als die Hälfte gesenkt worden.

„Was gemessen wird, wird erledigt“

Doch, so gießt etwa der Entwicklungsexperte Jens Martens vom Global Policy Forum Wasser in den Wein, seien Erfolgsmeldungen wie die Halbierung der Armut auch irreführend. Denn arm sei auch, wer mit 1,26 Dollar am Tag sein Dasein friste. Gemessen an einzelstaatlichen Definitionen von Armut litten weltweit nicht 836 Millionen Menschen unter Armut, wie der UN-Bericht angebe, sondern 2,5 Milliarden – eben auch in Industrienationen.

Ein großer Teil der Erfolge gegen Armut entfalle überdies auf China, so Martens. In Afrika sei die Armut seit 1990 anteilig nur von 47 auf 41 Prozent gesunken. In absoluten Zahlen erlebe der Kontinent einen Anstieg von 287 auf 403 Millionen Arme. Ähnlich müsse beim Zustand der Bildung mehr auf Qualität geachtet  werden als auf die Zahlen: Wenn heute neun von zehn Kindern die Grundschule besuchten, heiße das noch nicht, dass sie am Ende lesen und schreiben könnten, da oft die Lehrer fehlten.

Vergleichbare Defizite wollen die UN mittels einer mehrschichtigen Bewertung in den SDGs abbauen. Umso komplexer wird es, Fortschritte zu messen. So wird die Erhebung von Daten mit neuen Technologien sowie deren statistische Auswertung auch eine Kernaufgabe sein, betonte Richard Dictus, Vertreter des UN-Entwicklungsprogramms UNDP in Deutschland, der den Bericht in Berlin vorstellte. „Was gemessen wird, wird erledigt“, sagte er. Das sei eine wichtige Lehre aus den Millenniumszielen.

Die Ungleichheit wächst überall

Einige Ziele hingegen wurden in den vergangenen 15 Jahren nicht erreicht: darunter die Beteiligung von Frauen an Wirtschaft und Politik. So stehe die Welt noch vor einer riesigen „unvollendeten Agenda“, denn die Ungleichheit zwischen Arm und Reich wachse sowohl zwischen Nord und Süd wie innerhalb armer Länder, sagte Dictus. Dies sei zusätzlich zu gegenwärtigen Konflikten und der zunehmenden Verknappung von Wasser ein Quell der Instabilität.

Deshalb, so die Forderung von Jens Martens, müssten die SDGs unbedingt Schritte gegen illegale Abflüsse von Kapital aus Entwicklungsländern entwickeln – Geld, das ihnen  durch Steuervermeidung abhanden komme und nicht in das Gemeinwohl investiert werden könnte. Zumal die staatliche Entwicklungshilfe ihre Zusagen nicht erfülle: auch ein verfehltes Ziel.

erschienen in Ausgabe 8 / 2015: Demokratie: Die bessere Wahl

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