Herausgeberkolumne
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Liebenswert, aber überflüssig?

Wir wollten uns überflüssig machen – unter dieser Devise sind viele von uns in die Entwicklungszusammenarbeit eingestiegen. In Sachen Fundraising haben uns nichtstaatliche Entwicklungsorganisationen des globalen Südens mittlerweile überholt. Höchste Zeit, über unsere veränderte Rolle nachzudenken.
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Christoph Dehn ist stellvertretender Vorstands­­vor­sitzender der Kindernothilfe.
Ziele, Methoden und Konzepte haben sich seit Beginn der ersten Entwicklungsdekade vor 65 Jahren  verändert, Entwicklungsparadigmen und persönliche Orientierungen wandelten sich. Aber klar blieb  immer: Auf die Ewigkeit sollte unsere Arbeit nicht angelegt sein. Inzwischen sind ehemals bitter arme Länder zu globalen Produktions- und Machtzentren aufgestiegen, und in Asien, Lateinamerika und Afrika ist eine Hunderte von Millionen zählende Mittelschicht entstanden. Gleichzeitig bestimmen dort weiterhin unerträgliche Armut, Ohnmacht und Rechtlosigkeit das Leben eines Großteils der Menschen. Reichtum und Elend, Entwicklung und Ohnmacht sind räumlich enger zusammengerückt.

Zu tun bleibt also mehr als genug. Dennoch könnten wir, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Entwicklungsorganisationen in Europa und Nordamerika, mitsamt unseren Institutionen in wenigen Jahren überflüssig sein. Nicht, weil das Ende von Hunger und Elend in Sicht wäre, sondern weil unser Geschäftsmodell das Ende seiner Nützlichkeit erreicht hat.

Mit unserem immer differenzierteren Fundraising werben wir in unserer Gesellschaft Mittel ein, die wir Partnerorganisationen in den Ländern des globalen Südens zur Verfügung stellen. Sie finanzieren damit ihre Arbeit mit den eigentlichen Zielgruppen, den marginalisierten Menschen in ihren Ländern. Unsere Partner sind Kirchen, christliche und andere religiös motivierte oder säkulare Organisationen, die eine aktive Rolle in den Zivilgesellschaften ihrer Länder spielen.

Geldtransfers sind schnell, günstig und einfach

Viele der zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen allerdings haben sich – nicht allein, aber durchaus auch – durch unsere Maßnahmen vom Capacity Building zu Global Players entwickelt. Immer mehr von ihnen fragen sich, ob sie uns als Spendensammler im Norden noch brauchen. Fundraising unter Wohlhabenden und Firmen in ihren eigenen Ländern generiert Millionen-Euro-Beträge für Organisationen wie Bantay Bata 163, eine Kinderrechtsorganisation in den Philippinen. BRAC, eine große nichtstaatliche Entwicklungsorganisation  aus Bangladesch, arbeitet mit 111.000 Angestellten und einem Jahresbudget von fast einer Milliarde US-Dollar in zwölf Län­dern. BRAC unterhält eigene Fundraising-Büros in den Niederlanden, Großbritannien und den USA. Auch Hilfsorganisationen ohne eigene Fundraising-Strukturen im Norden finden immer direkter Zugang zu den Spenderinnen und Spendern in Europa und Nordamerika. So sammeln nichtstaatliche Organisatinen aus Südafrika Spenden über die große britische Online-Spendenplattform JustGiving. Der Geldtransfer aus Europa in nahezu jedes Land der Welt war noch vor wenigen Jahrzehnten ein mühevolles und teures Unterfangen mit oftmals überraschendem Ausgang. Heute ist er schnell, günstig und einfach.

Über Online-Plattformen treten Spender im Norden und Bedürftige im Süden in persönlichen Austausch. Die Plattform Zidisha vermittelt Direktkredite an Menschen mit cleveren Geschäftsideen in Afrika, Asien und Lateinamerika und bezeichnet sich als global person-to-person microlending movement. Dank automatisierter kostenloser Übersetzungswerkzeuge, die zumindest für die gebräuchlichsten europäischen Sprachen gut funktionieren, ist auch die Sprachbarriere gefallen.

Wenn aber durch die neuen digitalen Kommunikationsmöglichkeiten Spender und Empfänger in einen direkten, kostengünstigen Kontakt treten können und das Fundraising im Süden immer erfolgreicher wird, wozu braucht es uns dann noch? Welche Rolle sollen die traditionellen Vermittler zwischen den Bedürftigen im Süden und den Spendern im Norden noch spielen? Wenn wir auf diese Frage keine Antwort finden, ergeht es uns wie der mechanischen Schreibmaschine und dem Kassettenrekorder: liebenswerte nostalgische Erinnerungen, im wirklichen Leben aber ganz und gar überflüssig.

erschienen in Ausgabe 6 / 2016: Neue Chancen für die Kurden

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