Entwicklungshelfer
 Auch Straßenräuber können zur Gefahr werden: Angreifer hatten 2014 versucht, diesen Hilfskonvoi in Afghanistan auszurauben. Dabei wurde ein Helfer verletzt.

Sayed Khodaberdi Sadat/Anadolu Agency/Getty Image

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„Renn weg, wenn eine Bombe hochgeht“

Afghanistan, Kongo, Nigeria: Mitarbeitende von Hilfsorganisationen bewegen sich oft in einem gefährlichen Umfeld. Tom van Herwijnen ist bei der Christoffel-Blindenmission (CBM) für die Sicherheit zuständig. Er erklärt, warum man immer einen zweiten Geldbeutel dabei haben sollte und weshalb die Badewanne manchmal der sicherste Ort ist.

Bevor Sie zur CBM kamen, haben Sie für andere Organisationen unter anderem in Afghanistan gearbeitet. In welche Gefahren sind Sie da geraten?
In fast jede, die es gibt. Eines unserer Büros wurde von drei Raketen getroffen, ein Auto wurde in die Luft gesprengt, ein Kollege wurde gekidnappt, ein anderer auf offener Straße erschossen. Das geschah alles innerhalb von wenigen Wochen. Und einige dieser Erfahrungen kann ich hoffentlich dafür nutzen, andere zu schützen. Seit ich bei der CBM arbeite, gab es glücklicherweise keinen tödlichen Zwischenfall. In den vergangenen 18 Monaten hatten wir keine ernsthafte Krise. Unser Ziel ist es, die Mitarbeitenden so gut wie möglich auf heikle Situationen vorzubereiten. Wenn wir das tun, können wir einen Großteil der Vorfälle verhindern.

Und welche nicht?
Schwierig wird es, man unvermittelt einer Bande von Kriminellen oder Terroristen gegenübersteht, die durch eine Gegend ziehen, in der sie nicht zu Hause sind. Sie sind aggressiv, schwer bewaffnet, fanatisch. Es ist kaum möglich, ihr Verhalten vorherzusagen, und auch die örtliche Bevölkerung hat keinen Einfluss auf sie.

Treffen Sie allgemeine Sicherheitsvorkehrungen für Ihre Mitarbeiter oder unterscheidet sich das von Land zu Land?
Wir haben Mindeststandards für Autos und Häuser, etwa vergitterte Fenster, gute Schlösser, stabile Mauern. Deren Einhaltung überprüfen wir auch vor Ort. Bei Sicherheitsvorfällen denkt man schnell an Kidnapping oder terroristische Übergriffe. Viel häufiger sind jedoch Verkehrsunfälle, Straßenkriminalität oder Wunden, die nicht richtig versorgt werden. Wenn man nicht weiß, wie man adäquat reagiert, kann das tödlich enden. Viele Menschen werden auf dem Weg zur Arbeit ausgeraubt oder überfallen, weil sie immer dieselbe Route nehmen. Wir bringen ihnen bei, wie sie das vermeiden. Wir möchten, dass sich die Mitarbeitenden an ihren Einsatzorten wohlfühlen. Wenn man ständig in Alarmbereitschaft ist, hält man es in einer schwierigen Umgebung nicht lange aus.

Was können Sie tun von Deutschland aus?
Wir haben eine Krisen-Hotline, die rund um die Uhr mit Sicherheitsexperten besetzt ist. Zunächst einmal kann ich die Leute beruhigen und aus der Ferne beraten, wie sie sich am besten verhalten. Wir können ihnen sagen, wie sie Erste Hilfe leisten, oder den Kontakt zu einem Arzt herstellen, wenn jemand anruft, weil sein Kollege einen Autounfall hatte und sein Bein gebrochen ist. Wenn mich jemand anruft, vor dessen Hotel eine Schießerei stattfindet rate ich ihm, ins Badezimmer zu gehen und sich in die Badewanne zu legen. Das ist der sicherste Ort.

Auf welche Situationen bereiten Sie die Teilnehmenden in Sicherheitstrainings vor?
In unserem Training geht es vor allem um die unmittelbare Reaktion auf eine Bedrohung. Also: Wenn eine Bombe hochgeht, denk nicht nach, dreh dich um und renn weg. Denn es ist sehr wahrscheinlich, dass eine zweite explodiert. Wenn eine Granate in einem Raum explodiert, sollte man eine Schutzhaltung einnehmen. Ausgestreckt am Boden, auf dem Bauch, mit überkreuzten Beinen, die Arme im Nacken, die Ohren bedeckt, der Mund offen, um den Druck auszugleichen.

Wie reagiert man am besten bei einem Raubüberfall?
Man nimmt die Hände hoch, aber nur bis zur Schulter. Den Geldbeutel aus der vorderen Hosentasche ziehen, nicht aus der hinteren, weil das aussehen könnte, als ob man eine Waffe zieht. Nicht geben, sondern hinwerfen. Der Räuber muss sich bücken, man kann sich zurückziehen. Und man sollte immer zwei Geldbeutel haben, einen, in dem nur ein wenig Geld ist, um den Räuber zufriedenzustellen. Als letztes Mittel trainieren wir Selbstverteidigung. Das ist vor allem für Frauen wichtig, ein paar sehr effektive, schmerzhafte Schläge und Tritte, die den Angreifer dazu zwingen, von ihnen abzulassen. Aber in erster Linie wollen wir den Leuten beibringen, gefährliche Situationen zu vermeiden.

Welche speziellen Trainings und Vorkehrungen haben Sie für Ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit Behinderungen?
Wir haben ein inklusives Sicherheitstraining für sie mit zusätzlichen Empfehlungen, die sich nicht so sehr an einzelne richten, sondern mehr an Teams. Ein Beispiel: Ich sitze in einem Fahrzeug, neben mir eine blinde Kollegin. Wir nähern uns einem Checkpoint mit bewaffneten Soldaten, die Atmosphäre ist angespannt. Ich berichte ihr genau, was vor sich geht, wenn wir aussteigen, bleibe ich an ihrer Seite und sorge dafür, dass ich nicht von ihr getrennt werde. Ich muss quasi als ihre Augen fungieren. Außerdem bringen wir den Teilnehmenden bei, wie sie jemanden mit Mobilitätseinschränkung schnell aus einem Gebäude oder aus einem Auto evakuieren können.

Sollten Mitarbeitende mit Behinderungen bestimmte Orte lieber meiden?
Eigentlich nicht. Aber man muss pragmatisch sein. Wenn jemand in einem Elektro-Rollstuhl sitzt, kann er schlecht in einer Gegend arbeiten, in der es nicht genug Strom gibt und die Straßen voller Schlaglöcher sind. Andererseits haben wir Kollegen im Rollstuhl, die in Katastrophengebiete reisen, nicht gerade in den ersten Stunden, aber später schon. Das dient auch unserer Glaubwürdigkeit. Wir versuchen, Menschen mit Behinderungen zu helfen. Und wenn unter den Helferinnen und Helfern selbst niemand mit einer Beeinträchtigung ist, ist das nicht die richtige Botschaft.

Sind Mitarbeitende mit Behinderungen öfter Opfer von Kriminalität?
Ja, das passiert leider. Es ist wichtig, herauszufinden, wie Behinderung in einem Land wahrgenommen wird. In manchen Ländern werden behinderte Menschen hoch respektiert und unterstützt, in anderen werden sie ausgegrenzt, überfallen und beraubt. Vor allem junge Frauen mit Behinderungen werden häufig Opfer von Übergriffen. Darauf nehmen wir beim Sicherheitsbriefing vor der Ausreise Rücksicht. Wir kennen die Behinderung, wir wissen, wo die Person hinfahren will. Manchmal hilft es  schon, wenn ein breitschultriger Kollege als Begleitung dabei ist.

Arbeiten Sie auch mit der Polizei zusammen, um Ihre Leute zu schützen?
Wenn ein Verbrechen geschieht, muss man die örtliche Polizei rufen. An vielen Orten ist das nicht so effektiv. Man ruft an, aber niemand kommt. Wenn man aber den lokalen Polizeichef kennt und ab und zu mit ihm oder ihr eine Tasse Tee trinkt, ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass er oder sie tatsächlich zu Hilfe kommt, wenn es nötig ist. Der Büroleiter vor Ort muss in Beziehungen investieren. Sie sind ein sehr wichtiges Sicherheitsinstrument.

Wie groß ist das Sicherheitsrisiko als christliche Organisation in einem islamischen Umfeld zu arbeiten?
Am besten geht man offen mit seiner religiösen Identität um, denn durch das Internet weiß ohnehin jeder, wer man ist. Es geht darum, sich respektvoll zu verhalten, und vor allem die örtlichen Sitten und Gebräuche zu kennen. Es gibt bestimmte Tage im Jahr, an denen Übergriffe wahrscheinlicher sind: etwa muslimische Feiertage, die nicht von allen Religionsgruppen begangen werden und daher Auslöser von Konflikten sind.  Oder es kann passieren, dass es nach dem Freitagsgebet zur Randale kommt, wenn eine aggressive Predigt gehalten wurde. Dann sollte man besser zu Hause bleiben.

Das Gespräch führte Gesine Kauffmann.

erschienen in Ausgabe 7 / 2016: Sicherheit: Manchmal hilft die Polizei

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