GoFundMe
Auf der Online-Spendenplattform GoFundMe können Einzelpersonen andere Menschen um Geld bitten.
GoFundMe

"Eine Art digitales Betteln"

Über die Online-Spendenplattorm GoFundMe können sowohl Privatpersonen als auch Organisationen eigene Kampagnen starten. Burkhard Wilke, Geschäftsführer des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI), erklärt, was er von Online-Spendenplattformen hält.

In Deutschland ist gerade die Spendenplattform GoFundMe gestartet. Sind Online-Spendenplattformen eine Konkurrenz für traditionelle Hilfsorganisationen?

GoFundMe ist eine Plattform, bei der das „Ich“ ganz groß geschrieben wird. In erster Linie sammeln dort Einzelpersonen Geld für sich - also eine Art „digitales Betteln“. Das ist dann doch weit weg von der Spende für einen anerkannt gemeinnützigen Zweck. Auf der deutschen Webseite ist jedoch zu lesen, dass auch Hilfsorganisationen Geld sammeln können. GoFundMe ist in den USA als individuelle Spendenplattform gestartet, und erst in jüngster Zeit haben sie sich auf Bitte und Druck von NGOs für diese geöffnet. Aber die Gründungsidee von GoFundMe ist auf die Bitten und persönlichen Bedarfe einzelner Personen ausgerichtet. Das unterscheidet sie von anderen deutschen Spendenplattformen wie Betterplace und HelpDirect.

Auf denen können Einzelpersonen nicht um Spenden bitten?

Richtig. Bei Betterplace war das am Anfang möglich. Vor rund anderthalb Jahren haben sie das jedoch eingestellt. Bei dieser Entscheidung spielte wohl die Frage eine wichtige Rolle, wie sichergestellt werden kann, dass das Geld tatsächlich für die angegebenen Zwecke verwendet wird, wenn keine Organisation dafür einsteht.

Burkhard Wilke, Geschäftsführer und wissenschaftlicher Leiter des Deutsches Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI)DZI

Obwohl es bei GoFundMe vor allem um private Spenden geht, ist eine Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen also schon vorstellbar?

Ja, auch für gemeinnützige Organisationen ist GoFundMe ein potenzieller „Verstärker“ für eigene Spendenaufrufe. Unsere Erfahrungen mit Betterplace oder HelpDirect zeigen, dass diese Spendenplattformen die traditionellen Spendensammlungen von NGOs nicht abgelöst haben, sondern vielmehr ergänzen. Die meiste Energie werden NGOs aber weiter in die eigenen Online-Marketing-Aktivitäten investieren, weil die Pflege der eigenen vertrauenswürdigen „Marke“ langfristig die wirksamste und nachhaltigste Strategie ist, um Spenden und andere Finanzquellen ergiebig zu halten.

Spenden vor allem jüngere Leute an die Online-Spendenplattformen?

Dazu liegen keine genauen Erhebungen vor, aber den größten Teil des gesamten Spendenaufkommens stellen ältere Menschen bereit. Bei GoFundMe ist es wichtig, dass der Einzelne, der um Spenden bittet, für sich selbst Werbung macht und Aufmerksamkeit erzielt. Er oder sie muss die Geschichte zu den Leuten bringen. Zum einen ist diese Art von Spenden über Einzelgeschichten neuartig, anderseits kennt man das vom traditionellen Betteln. Wer sich einmal auf der Straße etwas Zeit nimmt und sich mit einem bettelnden Wohnungslosen über dessen Situation unterhält, wird ganz ähnliche Geschichten von Schicksalsschlägen erfahren wie die, die man jetzt auf GoFundMe lesen kann. Im Grunde ist man bei Online-Spendenplattformen also auf der individuellen Ebene des Almosengebens und nicht auf der institutionellen Ebene, wo eine Organisation als Kompetenzstelle zwischengeschaltet ist.

Spenden Menschen lieber für kleine private Anliegen, anstatt für große Organisationen, da sie Angst haben, dass ihr Geld nicht direkt den Betroffenen zu Gute kommt?

Nach meiner Erfahrung sind die meisten Spender offen für beides. Zwar hat bei nicht Wenigen die Skepsis gegenüber größeren Institutionen zugenommen - aber das gilt ja nicht allein für das Spendenwesen, sondern auch für viele andere Bereiche der Gesellschaft. Aber das Beispiel der Weiterentwicklung von Betterplace zeigt, dass letztlich die spezielle Kompetenz und eine überzeugende Transparenz kleinerer und größerer Organisationen die größere Überzeugungskraft haben. Am Anfang konnte man etwa auf Betterplace noch direkt an einem Bauern in Kenia Geld spenden, der sich ein paar neue Tiere anschaffen wollte. Diese Direktspende ist nicht mehr möglich. Betterplace setzt nun ausschließlich auf Projekte von NGOs.

In einem ersten emotionalen Impuls spenden Leute vielleicht lieber persönlichen Projekten. Aber wenn sie darüber nachdenken, wissen sie auch, dass ein höheres Risiko besteht, einer Einzelperson sein Geld zu geben. Genau wie auf der Straße – da weiß ich auch nicht genau, was derjenige mit den fünf Euro macht, die ich ihm vielleicht gebe. Geht es um etwas größere Summen, dann fällt die Entscheidung, welches der vielen Einzelschicksale die Unterstützung am nötigsten hat, schnell sehr schwer. Nicht zuletzt deshalb sind auch nur wenige NGOs selbst im Bereich von Einzelfallhilfe aktiv.

Auf was sollten Spender achten, die etwa bei GoFundMe spenden wollen?

GoFundMe ist noch zu neu, um dazu etwas zu sagen. Wir sehen uns jetzt erst einmal genau an, wie die Plattform in Deutschland aufgebaut und genutzt wird. Grundsätzlich sollte sich ein Spender überlegen, ob er an eine gemeinnützige Organisation spenden möchte oder nicht und ob die Spende steuerlich abzugsfähig sein soll. Denn dann kann man an keine Einzelperson spenden und dann bieten auch die beiden etablierten Spendenportale Betterplace und HelpDirect bessere Informationen und Entscheidungshilfen. Wenn jemand von einem Einzelschicksal angerührt ist und spendet, ist er letztlich auf sich gestellt, ob er dieser Person glaubt. Die Plattform kann für die Authentizität der Geschichten und die Vertrauenswürdigkeit der Protagonisten keine Garantie übernehmen.

Wie schätzt das DZI die Spendenplattformen GoFundMe, Betterplace und HelpDirect ein?

Wir haben keine der bestehenden Spendenplattformen formell beurteilt – auch deshalb, weil die Plattformen sich in den ersten Jahren jeweils stark verändert haben. Aber wir haben einzelne Merkmale positiv bewertet – zum Beispiel, dass HelpDirect seinen Nutzerinnen und Nutzern mitteilt, welche Siegel oder Selbstverpflichtungen die dort beworbenen Projekte haben. Das halten wir für eine gute Entscheidungshilfe.

Woran können Spenderinnen und Spender sich außerdem orientieren?

Auf unserer Webseite gibt es eine Checkliste für sicheres Spenden. Am einfachsten ist es natürlich, wenn die Organisation das DZI-Spendensiegel trägt oder die DZI Spenderberatung in anderer Form eine qualifizierte Auskunft zur betreffenden Organisation veröffentlicht hat, teilweise eben auch mit negativer Beurteilung. Andere hilfreiche Merkmale sind unter anderem die Mitgliedschaft in einem Dachverband mit Verhaltenskodex oder bei der Initiative Transparente Zivilgesellschaft. Weiterhin kann man schauen, ob eine Organisation einen aussagekräftigen Jahresbericht veröffentlicht hat.

Das Gespräch führte Johanna Greuter.

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