Kompensation
Schöner Strand, aber weit weg: Ein Flug von Deutschland auf die Karibikinsel St. Martin verursacht mehr als vier Tonnen CO2.
Kompensation

Klimaschutz – gerne anderswo

Urlaubszeit ist Reisezeit, und ihre Ferien verbringen viele Menschen in fernen Ländern. Die Kohlendioxid­emissionen, die der Flug verursacht, lassen sich ja einfach ausgleichen – oder?

Für den Papst ist der Fall klar. „Die Flugzeuge verschmutzen die Atmosphäre, aber mit einem Bruchteil der Summe des Ticketpreises werden dann Bäume gepflanzt, um den angerichteten Schaden zu kompensieren“, erklärte er. „Das ist Heuchelei“, urteilte das Oberhaupt der katholischen Kirche im vergangenen Jahr bei einer Audienz für Unternehmer im Vatikan.
Olivia Henke nimmt diese Äußerungen gelassen – und sieht sie eher als Bestätigung ihrer Arbeit und als Ansporn. Henke ist Geschäftsführerin der Klima-Kollekte, dem CO2-Kompensationsfonds christlicher Kirchen, zu deren Gesellschaftern unter anderem Brot für die Welt, Misereor und das Schweizer Hilfswerk Fastenopfer zählen.

Der gemeinnützige Fonds bietet Privatpersonen, Gemeinden, Landeskirchen, Diözesen und Unternehmen die Möglichkeit, Emissionen schädlicher Treibhausgase aus Strom und Heizung, Reisen sowie Papier- und Druck-Erzeugnissen auszugleichen, indem sie Gutschriften aus Klimaschutzprojekten in Entwicklungsländern erwerben. Gefördert werden etwa energieeffiziente Kochstellen in Ruanda und Nicaragua sowie Biogasanlagen in Indien. Auch die Zeitschrift „welt-sichten“ nimmt seine Dienste in Anspruch. Das Konzept ist attraktiv, aber auch umstritten. Denn durch die Verrechnung – was im Norden ausgestoßen wird, wird im Süden eingespart – bleiben die Emissionen global gesehen gleich hoch. Sie verringern sich nicht – und das wäre nötig, um die Erderwärmung wie im Pariser Klimaabkommen vorgesehen unter 1,5 Grad zu halten.

Kritiker nennen die Klimakompensation deshalb einen modernen Ablasshandel, der es den Bewohnern im reichen Norden möglich macht, ihr Gewissen zu beruhigen und an ihrem verschwenderischen Lebensstil auf Kosten der Umwelt und der Armen im globalen Süden festzuhalten. Olivia Henke kann das nicht nachvollziehen. „Niemand kauft sich frei“, sagt sie. Gemeinden und Landeskirchen, von denen 90 Prozent der Ausgleichszahlungen bei der Klima-Kollekte kommen, gingen „verantwortlich mit ihrem Geld um“. Sie versuchten zunächst, den Ausstoß klimaschädlicher Gase zu vermeiden und zu verringern, bevor sie den unvermeidlichen Rest kompensierten. „Das ist erst der dritte Schritt“.

Kompensationsanbieter werben mit Baumpflanzaktionen

Der Kritik des Papstes kann sie sich aber ein Stück weit anschließen: Für fünf bis sechs Euro pro Tonne CO2, wie bei manchen Anbietern, sei „keine seriöse Kompensation möglich“, sagt sie. Der kirchliche Fonds verlangt einen festen Preis von 23 Euro pro Tonne. Der errechne sich aus den Kosten für die Ausgleichsprojekte plus denen für die externe Bestätigung der erreichten Emissionsminderungen. Ihre Höhe hänge ab von der Größe des Projekts, dem Land, in dem es angesiedelt ist, und der verwendeten Technologie. Waldschutz- oder Aufforstungsprojekte fördere die Klima-Kollekte nicht, fügt Henke hinzu. Hier sei das Risiko zu groß, Konflikte um Land zu verursachen oder die Landrechte von Anwohnerinnen und Anwohnern zu verletzen.

Viele andere der laut Umweltbundesamt knapp 30 kommerziellen und gemeinnützigen Kompensationsanbieter in Deutschland werben dagegen gerne mit Baumpflanzaktionen – obwohl Experten kritisieren, die Wirkung der Bäume als CO2-Senken werde oft nicht langfristig genug kontrolliert. Sterben sie oder brennen ab, dann setzen sie das Kohlendioxid wieder frei, das sie zuvor gespeichert haben.

Seit Gründung der Klima-Kollekte 2011 beobachtet Henke bei Privatpersonen und vor allem kirchlichen Institutionen eine steigende Bereitschaft, ihren ökologischen Fußabdruck mit Hilfe von Ausgleichszahlungen zu verkleinern. Den Trend bestätigt auch Stefan Baumeister, der die deutsche Tochtergesellschaft der Schweizer Stiftung Myclimate leitet. Die Stiftung, die seit 2002 Kompensationen anbietet, vermeldet für das vergangene Jahr „Rekordumsätze“: 2017 seien 800.000 Tonnen CO2 ausgeglichen worden, über zehn Prozent mehr als im Vorjahr.

Unternehmen wollen ihre CO2-Bilanz verbessern

„Vor allem Unternehmen sind interessiert“, sagt Baumeister. Zunächst kompensierten sie meist Flugreisen, „aber immer mehr wollen systematisch etwas tun“. Myclimate unterstützt sie dabei, CO2-Bilanzen und Klimaschutzkonzepte zu erstellen. „Unsere Hauptaufgabe ist es, die Leute zu sensibilisieren“, sagt er. Den Vorwurf des „Ablasshandels“ kenne er vor allem aus Deutschland. Schweizer und Skandinavier seien „viel weiter in der Kompensation. Die sind da pragmatischer“.  

Die Klima-Kollekte, Myclimate und Atmosfair, der größte gemeinnützige Anbieter auf dem deutschen Markt, unterstützt nur Projekte, die nach dem sogenannten Goldstandard zertifiziert sind. Er gilt als das verlässlichste Gütesiegel für Kompensationsprojekte und soll sicherstellen, dass mit den Vorhaben das Klima geschützt und zugleich das Leben der Beteiligten vor Ort verbessert wird – etwa durch die Nutzung solarbetriebener Herde zum Kochen. Auf diesen entwicklungsfördernden Beitrag legen die Klima-Kollekte und Myclimate großen Wert.

Autorin

Gesine Kauffmann

ist Redakteurin bei "welt-sichten".
Umweltexperten kritisieren jedoch den grundlegenden Mechanismus der Kompensation. Mit Hilfe der Projekte müssen zusätzlich Emissionen verringert werden – es muss also nachgewiesen werden, dass die Minderung nicht auch ohne Förderung eingetreten wäre. Andernfalls würde die Konzentration von Treibhausgasen trotz des Kaufs von Emissionsgutschriften steigen. Genau dieser Punkt bereitet Kritikern der Kompensation die meisten Beschwerden. „Solche Berechnungen sind immer hypothetisch“, sagt die Biologin Jutta Kill, die sich seit Jahren mit dem Thema beschäftigt. „Man gibt vor zu wissen, was gewesen wäre, wenn es das Projekt nicht gegeben hätte.“ Einen Nachweis dafür könne keine Zertifizierung liefern, erklärt Kill.

Gewöhnungseffekt bei freiwilliger Kompensation

Sie verweist auf eine Studie vom März 2016, in der das Darmstädter Öko-Institut im Auftrag der Europäischen Kommission Kompensationsprojekte untersucht hatte. Danach sparen lediglich zwei Prozent von ihnen „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ zusätzlich Emissionen ein. Bei der freiwilligen Kompensation sieht Kill zudem einen gefährlichen Gewöhnungseffekt – sie werde als Instrument des Klimaschutzes gesellschaftsfähig, für Einzelne und für Unternehmen. So rechtfertige die internationale Luftfahrt ihre geplante Expansion damit, ab 2020 CO2-neutral wachsen zu wollen – indem sie die Freisetzung von immer mehr Treibhausgasen mit dem Kauf von Emissionsgutschriften ausgleichen wolle, sagt Kill. Das sei unrealistisch und lenke davon ab, was eigentlich nötig wäre: weniger Flugverkehr.

Das sieht auch Thomas Fatheuer so. Nach seiner Ansicht setzt hier die Bundesregierung ein „falsches Signal“. Sie gleicht seit einigen Jahren ihre Dienstreisen mit dem Kauf von Emissionsgutschriften aus. Damit trage sie dazu bei, die Kompensation als In­strument im Kampf gegen die Erderwärmung zu etablieren. „Wenn wir unsere Klimaziele ernst nehmen, müssen wir eine Verkehrswende einleiten und dürfen zum Beispiel keine weiteren Landebahnen mehr bauen“, betont der Sozialwissenschaftler und Berater der Heinrich-Böll-Stiftung.

Freiwillige Kompensationen reichen auch Stefan Baumeister von Myclimate und Olivia Henke von der Klima-Kollekte nicht aus, um das Klima zu retten. „Wir brauchen einen politischen Ordnungsrahmen“, sagt Baumeister. Der Kohleausstieg und umweltfreundliche Verkehrskonzepte kommen in Deutschland aber nur langsam voran. Was tun in der Zwischenzeit – auch, wenn sich Flüge nicht vermeiden lassen? Jutta Kill hat für sich eine Lösung gefunden: Sie spendet direkt in ein Entwicklungsprojekt, das langfristig hilft, die Umwelt zu schützen und die Lebensbedingungen vor Ort zu verbessern. Die „zahlenmäßige Absolution“ durch Rechnen und Gegenrechnen von Emissionen brauche sie nicht.

erschienen in Ausgabe 7 / 2018: Vormarsch der starken Männer

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