Philippinen
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"Ich glaube nicht mehr an Duterte"

Bischof Ablón von der Kirche Iglesia Filipina Independiente wird mit dem Tode bedroht, weil seine Kirche den vertriebenen Indigenen hilft.

Bischof Antonio Ablón steht an der Spitze der philippinischen Iglesia Filipina Independiente (IFI). Die Kirche hat sich vor gut hundert Jahren aus Protest gegen die Kolonialmacht Spanien von der katholischen Kirche der Philippinen abgespalten und zählt inzwischen rund acht Millionen Gläubige. In seiner Heimat Mindanao hilft seine Kirche der von der Armee vertriebenen indigenen Bevölkerung, den Lumads. Deswegen haben er und einige Kirchenmitglieder Todesdrohungen erhalten. Beim Redaktionsbesuch spricht der 45-Jährige über den Konflikt in Mindanao, den Friedensprozess und seine Enttäuschung über Präsident Duterte.

Bischof Antonio Ablón steht an der Spitze der philippinischen Iglesia Filipina Independiente (IFI). Er ist außerdem Präsident der Bischofskonferenz in Mindanao und Vorsitzender der Menschenrechtsorganisation Karapatan. Melanie Kräuter
In westlichen Medien wird der Konflikt in Mindanao oft als Konflikt zwischen der Regierung und muslimischen Gruppen dargestellt, die ihre Unabhängigkeit wollen. Sie sagen aber, das ist nur ein Teil des Problems.
Für mich geht es in dem Konflikt vor allem um Politik und Wirtschaft. Im Moment ist die Sicherheitslage in Mindanao problematisch – aber nicht wegen des Konflikts, sondern wegen des Verhaltens der Armee, die von Präsident Duterte kommandiert wird. Er hat gesagt, nach der Verhängung des „Kriegsrechts“ sei die Bevölkerung sicher. Ich frage mich aber, wieso es dann Anschläge auf Kirchen und Moscheen gegeben hat. Und wieso werden Anwälte, Richter oder Menschenrechtsverteidiger getötet?

Sie meinen die Anschläge auf eine katholische Kirche und eine Moschee Anfang des Jahres. Wie ist im Moment die Situation in Mindanao?
Seit Mai 2017 herrscht dort Kriegsrecht; es wurde gerade bis Ende dieses Jahres verlängert. Mindanao ist die Heimat von Revolutionären; es gibt verschiedene Gruppen: die New Peoples Army (NPA) und die Moro Islamic Liberation Front (MILF), die sich von der Moro National Liberation Front (MNLF) abgespalten hat. Es gibt auch islamische Extremisten, die wegen ihrer Attentate als Terroristen bezeichnet werden, wie etwa Abu Sayyaf. Und dann gibt es noch die Lumads, die indigene Bevölkerung. Die Siedler machen inzwischen einen Großteil der Bevölkerung von Mindanao aus. Man würde denken, dass nach den Anschlägen auf eine Kirche und eine Moschee Anfang des Jahres ein Konflikt zwischen Christen und Muslimen brodelt. Aber als Mann der Kirche sage ich: Nein, das tut es nicht. Die Moro-Gruppen und die Muslime wollen Frieden, genauso wie die Christen.

Wie weit ist der Friedensprozess in Mindanao? Vor allem nachdem das Bangsamoro Organic Law verabschiedet wurde, welches den Menschen die Autorität geben soll, ihre Heimatregionen autonom zu verwalten? 
Auf den Philippinen laufen momentan zwei Friedensprozesse: der eine mit der National Democratic Front of the Philippines (NDFP) und der andere mit der MILF. Die Gespräche mit der MILF sind weiter, weil das sogenannte Bangsamoro Organic Law gilt. Dieses Gesetz, das Präsident Duterte im Juli 2018 unterzeichnet hat, soll helfen, eine politisch autonome Region einzurichten. Anfang des Jahres im Januar und Februar gab es eine Volksbefragung darüber, welche Gemeinden künftig zu der autonomen Region gehören wollen. Sechs Gemeinden haben sich dagegen ausgesprochen. Wir wissen nicht, wie das ausgehen wird. Ich hoffe aber, dass es keine grundsätzlichen Probleme bei der Umsetzung des Gesetzes geben wird.

Was hat sich in Mindanao verändert seit Präsident Duterte an der Macht ist?
Wie viele andere Philippiner habe ich am Anfang große Hoffnungen in Duterte gesetzt. Als Bischof habe ich den Menschen geraten: „Wählt ihn, er ist gut.“ Aber inzwischen glaube ich nicht mehr an ihn. Er hält sich nicht an seine Versprechen zu Frieden, Sicherheit und Entwicklung. Er hat versprochen, dass er die Friedensgespräche weiterführt, damit die Probleme in Mindanao dauerhaft gelöst werden. Aber inzwischen redet er mehr über Landreformen. Für ihn herrscht Frieden, wenn die Leute ruhig sind, wenn sich keiner beschwert. Aber das ist kein Frieden für uns. Die Menschen müssen das Recht haben, ihre Meinung zu sagen. Und es muss ihnen auch erlaubt sein, sich bei der Regierung über Missstände zu beschweren. Nichtsdestotrotz ist die Mehrheit der Menschen noch hoffnungsvoll in Bezug auf den Präsidenten. Das macht mich traurig.

Warum unterstützen die Leute Duterte noch, obwohl er in Mindanao das Kriegsrecht eingeführt hat und so viele Menschenrechtsverletzungen unter seinen Augen geschehen?
Duterte hat die Präsidentschaftswahl vor drei Jahren nicht gewonnen, weil er so ein guter Mann ist. Er hat sie gewonnen, weil die frühere Regierung so korrupt war. Er hat erklärt, er werde sich für die Armen einsetzen und nicht auf der Seite der Oligarchen stehen. Das Traurige ist, dass vor allem die Menschen, die in die Kirche gehen, noch daran glauben, dass er sie aus ihrem Elend befreien könne.

In Mindanao wird die indigene Bevölkerung der Lumads von der Armee gezwungen ihr Land zu verlassen. Warum?
Lumad bedeutet „von der Erde“. Das Problem ist, dass die Lumads dort leben, wo es viele Mineralien gibt. Damit die Bergbauunternehmen aus der ganzen Welt in das Gebiet gehen konnten, hat das Militär die Lumads daraus vertrieben. 60 Prozent der philippinischen Armee sind allein in Mindanao stationiert, um die Minengebiete zu bewachen. Die frühere Präsidentin Gloria Arroyo hat die Armee auch „Investment Defense Force“ genannt, Streitmacht zur Verteidigung von Investitionen. Sie schützen auch große Ananas- und Bananenplantagen. Ihr Ziel ist es, die Gebiete von den indigenen Einwohnern zu „befreien“. Nun haben sie auch unsere Kirche, die solidarisch mit den Lumads ist, ins Fadenkreuz genommen. Das ist fast so etwas wie ein Todesurteil.

Haben Sie Todesdrohungen bekommen?
Ja. Unsere Kirche hilft den Lumads, wenn ihre Häuser oder Schulen vom Militär zerstört werden. Mehr als 40.000 Lumads mussten schon aus ihrer Heimat fliehen. Das Militär glaubt, dass von zehn Lumads mindestens sechs zur New People’s Army gehören, der bewaffneten Gruppe der kommunistischen Partei der Philippinen. Die Regierung betrachtet die NPA als Terroristen. Weil wir den Lumads helfen, werden wir als Teil der NPA gesehen. Aber das ist nicht wahr, ich bin schließlich ein Priester, ein Bischof. In meiner Diözese und in meiner Heimatstadt gibt es Graffitis an Hauswänden: „Bischof Ablon gleich NPA“. Aus diesem Grund haben mich meine deutschen Freunde für einige Wochen hierher eingeladen, damit ich mal durchatmen kann.

Ihre Kirche ist unabhängig von der katholischen Kirche der Philippinen. Gibt es Unterschiede zwischen beiden im Umgang mit dem Konflikt in Mindanao? Sprechen Sie mit einer Stimme?
In Mindanao und überhaupt auf den Philippinen gibt es die Philippinische Ökumenische Friedensplattform, das ökumenische Bischofsforum sowie viele andere Allianzen zwischen verschiedenen Kirchen. In Mindanao setzen wir uns vor allem für Friedensgespräche, für ernstgemeinte Landreformen und die Einhaltung der Menschenrechte ein. Zu diesen Themen sprechen die Kirchenoberhäupter mit einer Stimme. Natürlich gibt es andere Themen, etwa die Einstellung zu Lesben, Schwulen und anderen sexuellen Minderheiten, bei denen wir unterschiedlicher Meinung sind.

Das Gespräch führten Tillmann Elliesen und Melanie Kräuter.

 

Kommentare

Zunächst herzlichen Dank für Ihren Artikel. Ich weiß nicht, ob auch einschlägige Behörden und Stiftungen ihn zur Kenntnis nehmen. Es wäre hilfreich. Duterte ist nach dem üblichen Muster an die Macht gekommen: Kampf gegen die Eliten. Heute ist er brutaler Erfüllungsgehilfe dieser Eliten. Und sein Krieg gegen die Drogen (25.000 Tote in 3 Jahren) ist in Wirklichkeit ein Kampf gegen missliebige Oppositionelle. Noch kein Drogenboss kam vor Gericht. Sein rüpelhaftes Benehmen wie „Gott ist dumm.“ „ Papst Franziskus und Barak Obama sind Idioten.“ und sein niederträchtiger Umgang mit UN-Insitutionen schaffen ein Rambo-Klima, in dem alles erlaubt ist, solange niemand den Verbrecher in die Schranken weist. Die EU will das nicht, um das gute Geschäftsklima aufrecht zu erhalten. Nach innen ist sie ein immer noch wichtiges Friedensprojekt, nach außen aber eine Räuberbande.

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