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Im Ostkongo setzt Solidarité des Volontaires pour l’Humanité auf traditionelle Konfliktbearbeitung, etwa im Ältestenrat. Die ZFD-Fachkraft Daniela Weber (rechts) unterstützt sie dabei.  
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„Im Zivilen Friedensdienst brauchen wir langfristige Finanzzusagen“

Vor zwanzig Jahren hat der Zivile Friedensdienst (ZFD) die Arbeit aufgenommen. Seitdem haben nichtstaatliche Träger über 1400 Friedensfachkräfte vermittelt; das Entwicklungsministerium finanziert das Programm. Über 300 ZFDler sind heute im Einsatz, der größte Teil in Afrika. Anthea Bethge erklärt, was sie erreichen können und was die Träger gelernt haben.

Können deutsche Friedensfachkräfte helfen, Kriegen und Gewalt entgegenzuwirken?
Ja. Nehmen Sie den Osten der Demokratischen Republik Kongo, wo mehrere Träger des ZFD Fachkräfte haben. In die Region um Lusenda sind so viele Menschen aus Burundi geflüchtet, dass da doppelt so viele Geflüchtete wie Einheimische leben. Dort stärkt der ZFD Dorfversammlungen und Anlaufstellen, in denen Menschen lernen, Konflikte gewaltfrei zu bearbeiten. Das tragen sie von der Basis aus auch an lokale Behörden und die Provinzregierung heran. Leider herrscht in dem Gebiet kein Frieden, sondern ein großes Ausmaß an Gewalt. Aber die vom ZFD unterstützten Kräfte tun viel dafür, dass es nicht schlimmer wird und dass Wege gesucht werden, friedlich zusammenzuleben.

Friedensfachkräfte unterstützen Dorfversammlungen, die lokale Konflikte regeln?
Nicht ganz. Internationale Fachkräfte führen nicht selbst Gespräche mit Streitenden, das können Einheimische viel besser. Die lokalen Partnerorganisationen sind entscheidend: Sie haben Friedenskomitees mit Menschen aus allen Bevölkerungsgruppen aufgebaut, deren Mitglieder geschult und sie von Dorfversammlungen mandatieren lassen. Die ZFD-Fachkräfte beraten Partnerorganisationen, die das nutzen, um ihr Modell weiterzuentwickeln: Was funktioniert? Worauf muss man achten?

Anfangs haben viele ZFD-Programme sich darauf konzentriert, nach Kriegsende den Frieden zu festigen, etwa mitTraumabewältigung. Kann der ZFD auch in laufenden Kriegen sinnvoll arbeiten?
Das tun wir ja. Eirene ist in Mali, in Burundi und im Ostkongo, andere Träger sind auch im Nordirak. Heißt das, wir schicken Fachkräfte mit weißer Fahne auf die Schlachtfelder? Nein, aber Gewalt findet heute nicht mehr zwischen Sonnenaufgang und -untergang auf dem Schlachtfeld vor der Stadt statt, sondern in Dörfern, in Städten, mit Anschlägen mitten im Alltag. Unsere Partner sind mitten drin.

Anthea Bethge ist seit 2012 Geschäftsführerin des internationalen christlichen Friedensdienstes Eirene in Neuwied. Zuvor war sie sechs Jahre Friedensfachberaterin im Afrika der Großen Seen. Eirene ist ein Träger des ZFD.
Eine Evaluierung aus dem Jahr 2011 hat gefordert, den ZFD besser einzupassen in Gesamtstrategien der Friedensförderung, die weitere Mittel bis hin zu Militärmissionen nutzen. Ist das geschehen?
Das ist eine schwierige Forderung. Der ZFD stimmt seine Länderstrategien trägerübergreifend immer mit dem BMZ und dem Auswärtigen Amt ab, bis es einen Konsens gibt. Das finde ich richtig. Aber der ZFD sollte nicht in Strategien des Verteidigungsministeriums eingepasst werden. Leider kann ich keine gute Abstimmung unter den beteiligten Ministerien erkennen und auch nicht, dass in der Praxis zivile Mittel Vorrang bekommen, obwohl die Bundesregierung sich dazu bekennt. Außerdem ist sehr wichtig, dass alle zivilen Ansätze von militärischen getrennt laufen. Wenn wir zum Beispiel im Norden Malis Journalisten in sensibler Berichterstattung zu Konflikten schulen, dann dürfen wir das nicht in einem Gebäude der militärischen UN-Mission tun. Ähnlich besteht das Rote Kreuz bei humanitärer Hilfe auf Neutralität.

Aber es kann sinnvoll sein, mit Militärmissionen Kriege einzufrieren und Zeit für politische Lösungen zu schaffen?
Nennen Sie mir mal Beispiele aus den vergangenen zwanzig Jahren, wo das geklappt hat. Militärs sagen immer, sie bauen einen Schutzschirm für Friedensinitiativen, aber die Erfahrung bestätigt das nicht. Mali ist ein Beispiel für verfehlte Friedensprozesse, an denen ausschließlich bewaffnete Akteure beteiligt werden, und den falschen Schwerpunkt auf militärische Intervention. Natürlich ist es keine Alternative, statt 13.000 UN-Soldaten nun drei ZFD-Fachkräfte nach Mali zu schicken. Aber wenn wir auf dem Vorrang ziviler Mittel bestehen, müssen wir anders herangehen. Warum gibt es zum Beispiel an den deutschen Botschaften einen Militärattaché, aber keinen Friedensattaché – also niemanden, der für zivile Konfliktbearbeitung zuständig ist?

Die Evaluierung hat kritisiert, vielen ZFD-Projekten fehle eine klare Vorstellung, welche Einwirkungen wie genau Frieden fördern sollen. Hat sich das geändert?
Ja. Wirkungen auf der Graswurzelebene sind nicht so kompliziert; dass zum Beispiel Menschen, die in Gremien der Konfliktbearbeitung angehört werden, seltener zu Gewalt greifen, ist einfach zu zeigen. Aber wie das zur Befriedung der Dorfgesellschaft oder gar darüber hinaus beitragen soll, darüber haben wir zu Beginn zu wenig nachgedacht. Das hat sich stark verbessert. Wir denken jetzt in Wirkungsgefügen, das heißt verschiedene Beiträge wirken zusammen. Und ganz wichtig ist, ständig zu lernen und das Projekt anzupassen. Viele Organisationen, die sich auf Schutz und Empowerment von Frauen konzentriert haben, erkennen jetzt, wann sie Männer ins Boot holen müssen.

Ein weiterer Einwand aus der Evaluierung war, dass ZFD-Projekte wenig Gewicht darauf legten, jenseits der Basisarbeit die Politik zu beeinflussen. Hat sich das verbessert?
Ja – besonders wo mehrere Fachkräfte in Partnerorganisationen mit verschiedenen Einflussbereichen eingesetzt sind wie in Kolumbien. Da ist es im ZFD-Programm der katholischen Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH) gelungen, eine Verbindung zwischen Dörfern und staatlichen Friedensverhandlungen zu schaffen. Der ZFD als gemeinsames Programm von nichtstaatlichen Organisationen (NGOs) und Staat in Deutschland bietet da eine besondere Chance: ZFD-Träger können ihre Sicht und die ihrer Partnerorganisationen in Gespräche der deutschen Regierung mit dem Partnerland einspeisen und so auf dessen Regierung Einfluss nehmen. Diesen Hebel müssen wir nutzen. Unsere Partnerorganisationen in Bolivien haben zum Beispiel in die Gespräche zwischen Deutschland und Bolivien eingebracht, dass der Staat selbst mehr für den Schutz der Kinder vor Gewalt tun muss.

Die Evaluierung hat geraten, mehr einheimische Fachkräfte einzusetzen. Was hat sich da getan?
Ich kann mir nicht vorstellen, dass ZFD-Kräfte ohne lokale Fachkräfte arbeiten. Die Frage ist nur: Können die auch gefördert werden? Hier kommen wir voran. Einheimische bekommen unter dem ZFD Geld als externe Berater oder Angestellte des Partners. Die Stärke des ZFD ist, dass Menschen vom Ort und keiner Konfliktpartei zuzuordnende Außenstehende ihre sehr unterschiedlichen Perspektiven zusammenbringen.

Gab es Fortschritte bei der Verzahnung mit anderen Entwicklungsvorhaben im selben Gebiet?
Ja. Anfangs waren wir sehr froh, dass wir mit dem ZFD endlich speziell an Konflikten arbeiten durften. Inzwischen betonen wir, dass dies mit anderen Formen der Förderung verbunden werden muss. So müssen ZFD-Programme besonders im ländlichen Raum ergänzt werden mit Hilfen zur Ernährungssicherung und oft auch zur Korruptionsbekämpfung. Weil das nicht zu den Aufgaben des ZFD gehört, braucht Eirene dazu Mittel aus anderen Haushaltstöpfen, und wir müssen immer wieder erklären, dass beides nötig ist – auch wenn alle sofort zugeben, dass Friedensgespräche mit vollem Bauch einfacher sind.

Was muss dringend am ZFD verbessert werden?
Wir brauchen langfristige Finanzzusagen. Der ZFD bekommt mehr Geld vom BMZ, aber immer nur für ein Jahr. Das macht es schwierig, zum Beispiel mit mehreren Trägern in ein neues Projektland zu gehen, denn das muss langfristig angelegt sein. Deshalb brauchen wir die Möglichkeit, mehr Geld längerfristig einzuplanen.

Das Gespräch führte Bernd Ludermann.

erschienen in Ausgabe 11 / 2019: Aufbruch am Horn von Afrika

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