Neue Seidenstraße
Neue Seidenstraße

Chinas Selbstüberschätzung?

China, fürchten viele, werde mit dem Projekt der neuen Seidenstraßen die Welt nach seinem Bilde umgestalten. Der China-Kenner Sebastian Heilmann erklärt in einem lesenswerten Essay, warum das abwegig ist – und wieso westliche Beobachter nicht glauben sollten, hinter den vielen einzelnen Seidenstraßen-Projekten stecke ein großer Masterplan

China ist zu einem der größten Kreditgeber für Entwicklungsländer geworden, besonders für Infrastruktur. Damit soll Ostasien über Land und See an Europa und Afrika angebunden und überall die Wirtschaft angekurbelt werden. Viele westliche Beobachter finden das Projekt bedrohlich – und sitzen dabei einer Reihe von Fehleinschätzungen auf, schreibt der Sinologe Sebastian Heilmann. Er betont in dem von der Schweizer Vontobel-Stiftung publizierten Essay, dass den neuen Seidenstraßen gar kein Masterplan zugrunde liegt. Die Projekte würden von der Konkurrenz staatlicher und parastaatlicher Stellen untereinander angetrieben; Provinzregierungen etwa rangelten um Staatsmittel und dabei helfe ihnen, Projekte als Beitrag zur Seidenstraße auszuweisen. Die Rhetorik sei zudem Teil der nationalistischen Mobilisierung.

Seidenstraßenprojekt als "imperiale Überdehnung" 

Der klare Blick auf innenpolitische Triebkräfte und Entscheidungswege ist eine große Stärke der Publikation. Die Wirkungen des Programms werden laut Heilmann überschätzt. Falsch sei die Behauptung, Peking mache die Kreditnehmer von sich abhängig und locke sie in eine Schuldenfalle. Peking exportiere auch nicht sein Wirtschaftsmodell, das in anderen Ländern gar nicht kopierbar sei. Zudem sei und bleibe die Soft Power der USA derjenigen Chinas überlegen. Ein weiteres Hemmnis für das Seidenstraßen-Vorhaben sieht Heilmann im Trend zur De-Globalisierung infolge der Corona-Krise; ob der wirklich eintritt, scheint jedoch offen.

Berechtigt ist ihm zufolge die Kritik an den Umweltfolgen vieler Seidenstraßen-Vorhaben, speziell den Kohlekraftwerken. Die eigentliche Gefahr für Europa und Nordamerika sieht Heilmann aber in der technologischen Konkurrenz. So versuche China, Standards etwa für künstliche Intelligenz zu prägen, zum Beispiel mit der Verbreitung von Überwachungstechnik. Dagegen könne Europa sich wehren, aber nur wenn es zu einer gemeinsamen Industriepolitik finde. Im Übrigen könne das Seidenstraßen-Projekt sich angesichts der Krisenanfälligkeit Chinas als „imperiale Überdehnung“ erweisen – quasi als Selbstüberschätzung, auf die westliche Beobachter hereinfallen.

Die Publikation liegt nur gedruckt vor und ist kostenlos erhältlich unter www.vontobel-stiftung.ch

Sebastian Heilmann

Die Seidenstraßen-Illusion. Mythen und Realitäten eines eurasischen Superkontinents unter chinesischer Vorherrschaft

Vontobel-Stiftung. Zürich 2021, 68 Seiten

 

Neuen Kommentar schreiben